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6.5.2003 | Von:
Hartmut Kaelble

Die sozialen und kulturellen Beziehungen Frankreichs und Deutschlands seit 1945

Die Gesellschaften beider Länder haben sich seit dem Zweiten Weltkrieg in vergleichbarer Weise verändert. Dadurch haben sie auf vielen Feldern Interessengemeinschaften im europäischen Rahmen gebildet.

Einleitung

Der Elysée-Vertrag von 1963 ist das Ergebnis einer politischen Entscheidung. Das Vertragswerk sollte vor allem den Rahmen für die damals neuartige französisch-deutsche Partnerschaft bilden. Im Elysée-Vertrag ging es im Kern nicht um soziale und kulturelle Beziehungen, aber sie spielten doch eine sichtbare Rolle. Erziehung, Sprachen, Familie und Jugend wurden Teil des ständigen Konsultationsprogramms der beiden Regierungen, das Deutsch-Französische Jugendwerk wurde eingerichtet. Eine Vision der gesellschaftlichen und kulturellen Annäherung enthielt der Vertragstext sicher nicht. Trotzdem ist er Teil einer französisch-deutschen Geschichte der großen gesellschaftlichen und kulturellen Divergenzen und Blockaden unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg und der langsamen, schwierigen Annäherung seit den sechziger Jahren.

Im Folgenden wird zunächst die Situation vor Abschluss des Vertrages skizziert. Danach sollen die Veränderungen in den Beziehungen beider Länder seit den sechziger Jahren geschildert werden - die Abmilderung der gesellschaftlichen und kulturellen Unterschiede zwischen Frankreich und Deutschland einerseits und die Intensivierung der Kooperation zwischen beiden Ländern andererseits. Der Elysée-Vertrag hat an diesem ganz erstaunlichen Prozess seinen Anteil und ist gleichzeitig Ausdruck dieser Entwicklung.[1]


I. Die sozialen und kulturellen Beziehungen vor 1963

Während der fünfziger Jahre konnte man nur schwer von einer ernsthaften Annäherung der französischen und der westdeutschen Kultur und Gesellschaft sprechen, ganz zu schweigen von den tief greifenden Unterschieden zwischen Frankreich und der SBZ bzw. DDR. Die Zeitgenossen hatten vor allem die Trennlinien zwischen den Gesellschaften beiderseits des Rheins vor Augen. Frankreich und die alte Bundesrepublik verband zwar weit mehr miteinander als jemals zuvor in den vergangenen 150 Jahren: Beide Länder waren parlamentarische Republiken und liberale Marktwirtschaften, zudem seit 1950 Mitgliedstaaten der Montanunion, seit 1957 auch der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) und seit 1955 Bündnispartner in der NATO. Gleichwohl lagen sie aber aus mehreren Gründen kulturell und gesellschaftlich weit auseinander.

1. Unterschiedliche Erinnerungen und nationale Identitäten

Die Schatten von zwei Weltkriegen, in denen sich Frankreich und Deutschland als Gegner gegenübergestanden hatten, belasteten die Beziehungen in den fünfziger Jahren noch immer. Die Erinnerungen an den Tod vieler junger Deutscher und Franzosen in den Schlachten des Ersten Weltkriegs, die französische Erinnerung an die deutsche Besatzung des östlichen Landesteils im Ersten, dann großer Teile Frankreichs einschließlich der Hauptstadt Paris im Zweiten Weltkrieg, die Morde an französischen Widerstandskämpfern und Geiseln, aber auch die deutsche Erinnerung an die - unvergleichlich mildere - französische Besatzung im Rhein-Ruhr-Gebiet und im Südwesten Deutschlands waren immer noch wach.

Der Kalte Krieg schuf zwar einen gemeinsamen Gegner, brachte aber gleichzeitig neue Gegensätze hervor. In Frankreich besaß eine starke, durch den Widerstand gegen die deutsche Besatzung moralisch gestärkte kommunistische Partei großen öffentlichen Einfluss. Unmittelbar nach dem Krieg war sie Koalitionspartner in Regierungen gewesen, sie kontrollierte die größte Gewerkschaft des Landes, besaß viel Einfluss unter den französischen Intellektuellen, von denen nur einige der Partei nach dem Ungarn-Aufstand von 1956 den Rücken gekehrt hatten. In der alten Bundesrepublik dagegen waren kommunistische Strömungen durch den Konflikt mit der Sowjetunion und der DDR kompromittiert; die kommunistische Partei war in den Wahlen weit unter die Fünf-Prozent-Marke gesunken, bevor sie von der Regierung unter Konrad Adenauer verboten wurde.

Durch den Zusammenbruch seines Kolonialreichs war Frankreich den Deutschen noch fremder geworden. Diesen blieb schwer verständlich, was hinter dem Indochina- und dem Algerienkrieg, hinter den Konflikten zwischen der französischen Polizei und den in Frankreich lebenden Algeriern sowie hinter dem Zusammenbruch der IV. Republik stand und was 1959 zur V. Republik und zur Machtübernahme Charles de Gaulles führte. Frankreich machte in dieser Phase eine seiner traumatischsten Erfahrungen im 20. Jahrhundert. In der ruhigen, beschaulichen, prosperierenden Adenauer-Ära suchte man dagegen die jüngste Vergangenheit zu vergessen.

In ihrem nationalen Selbstverständnis lagen die beiden Länder denkbar weit auseinander. Den Nationalkult de Gaulles, das Berufen auf die "grande nation", die Militärparaden und die Beschwörung der französischen Sprache und Kultur sahen die Deutschen häufig als anachronistisch an. Sie fürchteten sogar einen französischen Anspruch auf kulturelle Suprematie und verstanden meist nicht, dass de Gaulle auch die Niederlage gegen die Wehrmacht 1940, die nicht selten bitteren Erfahrungen als vierte Besatzungsmacht von 1945 und den Zusammenbruch des französischen Kolonialreichs zu kompensieren versuchte. Die Franzosen kamen umgekehrt mit den "querelles allemandes" - der Rivalität zwischen der Bundesrepublik und der DDR - nicht zurecht, die sie als Rückkehr zur deutschen Kleinstaaterei des 19. Jahrhunderts interpretierten.

Ihr jeweiliges Verhältnis zu den USA trieb die beiden Länder weiter auseinander und führte bei der Verabschiedung des Elysée-Vertrags im Bundestag zu einer Verstimmung zwischen der französischen und der deutschen Regierung.[2] Trotz zweier Kriege hatten die Deutschen eine lange, enge Bindung an die USA: durch die Auswanderung von Millionen Deutscher nach Amerika; durch die amerikanische Wiederaufbaupolitik nach 1945; durch die Erfahrung der amerikanischen Solidarität während der Berlin-Blockade; auch durch den kulturellen und politischen Einfluss der deutschen Emigranten in den USA, von denen nicht wenige als intime Kenner des Landes in der Öffentlichkeit wirkten.

Die französischen Intellektuellen standen dem amerikanischen Kultureinfluss, vor allem der Massenkonsumgesellschaft, viel ablehnender gegenüber. Sie kritisierten auch die Rolle der USA im Kalten Krieg. In der Mehrheit unterstützten sie die unabhängige Außen- und Sicherheitspolitik Frankreichs gegenüber den USA - unter deutschen Intellektuellen eine so außergewöhnliche Position, dass man sie "gaullistisch" nannte. Die Supermacht USA wurde in Frankreich und in der Bundesrepublik ganz unterschiedlich gesehen.

2. Verschiedene Wertvorstellungen

Die Wertvorstellungen in beiden Ländern lagen damals noch sehr weit auseinander und ließen den jeweiligen Nachbarn fremd erscheinen. So hatten Ehefrauen und Mütter in Frankreich mehr Spielraum für eine eigene Berufstätigkeit und einen eigenen Wirkungskreis. Frauen arbeiteten in Frankreich nicht nur häufiger - als Angestellte, als Lehrerinnen, als Ärztinnen. Sie standen in den zahlreichen Familienbetrieben auch oft hinter der Kasse. Es war schon in den fünfziger Jahren üblich, die Kinder in Kindergärten oder in die allmählich entstehenden Ganztagsschulen zu schicken, die Töchter studieren zu lassen.

In der Bundesrepublik hingegen haftete der Arbeit von Ehefrauen und Müttern eher der Makel einer finanziellen Notlage an. Deutsche Frauen gingen deshalb auch seltener einer Beschäftigung nach bzw. nahmen weniger häufig ein Studium auf. Umgekehrt erhielten die Jugendlichen hierzulande oft mehr Freiraum, sollten ihre eigene Meinung entwickeln, sich abnabeln; sie durchlebten schärfere Generationenkonflikte und wandten sich mit zunehmendem Alter auch stärker von der Herkunftsfamilie ab. Deutsche verstanden daher unter "Familie" nur die engere Familie der Eltern und Kinder, Franzosen dagegen meist auch die weitere Verwandtschaft, Großeltern, Onkel, Tanten, Vettern und Kusinen. Sie fühlten sich an diese größere Familie auch stärker gebunden.

In der Arbeitswelt sahen Franzosen nicht nur in den fünfziger Jahren, sondern auch später betriebliche Hierarchien eher als gegeben an, standen den Unternehmern gleichzeitig misstrauischer, notfalls auch kämpferischer gegenüber, waren auf mehr Flexibilität und Improvisation am Arbeitsplatz eingestellt. Die Deutschen hingegen hielten genau umschriebene Verantwortungsbereiche für wichtiger. Seit den fünfziger Jahren legen jedoch auch die Bundesbürger mehr Wert auf Gruppenarbeit, auf Freizeit, auf stressfreie Arbeit, auf mehr Selbstverwirklichung.

Hinsichtlich der religiösen Werte bestand in Frankreich ein tiefer Gegensatz zwischen laizistischer und kirchlich gebundener Kultur, Erziehung, Politik. Dieser Gegensatz, der sich in ähnlicher Weise auch in der DDR entwickelte, blieb der alten Bundesrepublik fremd. Dort kam es allmählich zu einer Symbiose zwischen den beiden christlichen Kirchen, die für Franzosen schwer verständlich blieb.

Hinter diesen weiter existierenden Unterschieden verbargen sich fortbestehende historische Divergenzen: vor allem die ältere und solidere politische Liberalität Frankreichs, die ganz unterschiedliche Erfahrung des NS-Regimes, daneben aber auch die Verschiedenartigkeit der Industrialisierung und der sozialen Milieus, auf die unten noch zurückzukommen sein wird.

3. Zaghafte Verständigungsinitiativen

Intellektuelle und Wissenschaftler bauten nach dem Zweiten Weltkrieg kaum Brücken zwischen beiden Ländern. In ihrer Mehrzahl standen sie einer engeren französisch-deutschen Zusammenarbeit eher desinteressiert oder sogar ablehnend gegenüber, und zwar aus mehreren Gründen: Intellektuelle und Wissenschaftler waren im Ersten und Zweiten Weltkrieg teils an der Mobilisierung der nationalen Öffentlichkeit gegen das Nachbarland beteiligt gewesen wie manche Romanisten, Germanisten oder Historiker, teils hatten sie - vor allem als Franzosen - unter der Besatzung durch das andere Land gelitten oder am Widerstand teilgenommen wie der berühmte Historiker Fernand Braudel, der Jahre in deutscher Kriegsgefangenschaft zubringen musste, oder sein Kollege Marc Bloch, den die Gestapo ermordete.

Schon in der Zwischenkriegszeit hatten sich Angehörige der wissenschaftlichen und kulturellen Eliten meist als feindliche Rivalen betrachtet und behandelt. Wissenschaftler, Künstler und Intellektuelle waren nach so langen Jahren der Entfremdung nur noch wenig mit den wissenschaftlichen Trends und den Fachsprachen des anderen Landes vertraut; auch die Versöhnungswilligen unter ihnen fanden oft keine gemeinsame Sprache mehr. "Die Kontakte zwischen den französischen und deutschen Historikern sind schon vor langer Zeit verloren gegangen", schrieb Fernand Braudel 1959 über sein Fach, die Geschichtswissenschaft. "Deshalb führt oft ein schlecht gewähltes Wort oder ein hastiges Argument zu einer sinnlosen Diskussion."

Nur eine Minderheit von Wissenschaftlern und Intellektuellen engagierte sich für die Verständigung beider Länder. Dazu gehörten auf französischer Seite Angehörige des "comité français d'échanges avec l'Allemagne nouvelle", das 1948 von einem Kreis bekannter Germanisten, Philosophen und Journalisten an der Sorbonne gegründet wurde. Zu seinen Mitgliedern zählten auch Joseph Rovan und Alfred Grosser, die später eine wichtige Vermittlerrolle zwischen der französischen und der deutschen Öffentlichkeit spielen sollten. Dazu gehörte auch das von Jean du Riveau gegründete CECES, das ebenfalls auf den Austausch und die Versöhnung zwischen Franzosen und Deutschen ausgerichtet war und die in Frankreich und Deutschland heute noch bestehenden Zeitschriften "Documents" und "Dokumente" herausgab.

Auf deutscher Seite ist hier vor allem das 1949 gegründete "Deutsch-Französische Institut" in Ludwigsburg zu nennen, das sich - mit dem Romanisten und Historiker Fritz Schenk an der Spitze - in der Anfangszeit vor allem auf Austausch- und Begegnungsprogramme konzentrierte und von dem damaligen württembergischen Landespolitiker Carlo Schmid unterstützt und später auch geleitet wurde. Auch das 1951 in Mainz eröffnete Institut für europäische Geschichte arbeitete vor allem an der Verständigung zwischen der französischen und deutschen Geschichtswissenschaft. Diese Verständigungsprojekte hatten allerdings alle gegen eine ablehnende oder desinteressierte Tendenz nicht nur im Wissenschaftsmilieu, sondern auch in der Öffentlichkeit zu kämpfen.

4. Fortdauer der alten Feindbilder

Die Meinungsumfragen, die seit den fünfziger Jahren durchgeführt wurden, ließen sehr klar die Fortdauer der alten Feindbilder in der Bevölkerung erkennen. In Frankreich traute man den Deutschen zehn bis fünfzehn Jahre nach der deutschen Besatzung nicht über den Weg. Nur eine Minderheit von zehn bis zwanzig Prozent der Franzosen fasste Vertrauen zu den Deutschen, umgekehrt war unter den Deutschen das Vertrauen in die Franzosen ähnlich gering.

Insgesamt deuteten die kulturellen und sozialen Beziehungen zwischen Frankreich und der alten Bundesrepublik in den fünfziger Jahren nicht auf eine besonders enge Verbindung zwischen den beiden Länden hin. Die ganz unterschiedlichen nationalen Identitäten und Erinnerungen hatten sie einander grundlegend entfremdet. Aus dem Bereich der Zivilgesellschaft waren daher kaum breite Initiativen für besondere Beziehungen in der Zukunft zu erwarten.

Tatsächlich kamen die entscheidenden Anstöße für eine engere kulturelle und soziale Zusammenarbeit bis in die sechziger Jahre von Seiten der Regierungen, etwa die Einrichtung des Centre Européen de Recherche Nucléaire (CERN)[3] oder des Deutschen Historischen Instituts in Paris, die ersten Städtepartnerschaften ebenso wie die Gründung des Deutsch-Französischen Jugendwerks. Der Elysée-Vertrag stellte hier eine wichtige Station dar.

II. Annäherung der französischen und der deutschen Gesellschaft

Seit den sechziger Jahren hat sich die Annäherung der beiden Gesellschaften beschleunigt. Die Unterschiede haben sich ganz augenscheinlich nicht aufgelöst, aber beide Länder sind sich in wesentlichen Bereichen ähnlicher geworden.

1. Parallelen in der wirtschaftlichen Entwicklung

Eine erste Annäherung fand im Bereich der Wirtschaft statt. Man sollte dabei im Auge behalten, dass Frankreich und Deutschland im 19. und 20. Jahrhundert ganz unterschiedliche Wege der Industrialisierung beschritten hatten. In Deutschland waren große Unternehmen entstanden, meist keine Familienbetriebe mehr, sondern von Managern geleitete Firmen, vor allem im Kohlebergbau, in der Stahlindustrie, in der chemischen und der Elektroindustrie. Die Bundesrepublik war zum Exportland geworden. Sie hatte einen völligen Wandel der Erwerbstätigkeit und einen raschen Durchbruch der Industriewirtschaft erlebt.

In Frankreich nahm das Wirtschaftswachstum zwar ebenfalls zu, die Entwicklung verlief aber auf ganz anderem Wege. Französische Unternehmen waren meist Mittelstandsbetriebe in Familienbesitz. Die Berufsstruktur wandelte sich nur sehr langsam. Frankreich blieb ein halb agrarisches Land. Die wichtigsten Wachstumsimpulse lieferte die Binnennachfrage der wohlhabenderen Franzosen. Die französische Wirtschaft exportierte deutlich weniger Güter als die deutsche. Auch den klassischen Schlüsselindustrien, der Schwer- und Elektroindustrie, kam nicht dieselbe Rolle zu wie in Deutschland. Diese Unterschiede waren in den fünfziger Jahren weiter prägend, verschärft noch dadurch, dass die französische Wirtschaft im Zweiten Weltkrieg durch die Ausbeutungspolitik der Nationalsozialisten massiv geschwächt worden war.

Seit den sechziger Jahren hat sich Frankreich jedoch ebenfalls zu einer Exportnation entwickelt, die nicht mehr nur die traditionellen französischen Produkte wie Käse, Wein, Parfum und Mode ausführte, sondern wie die Bundesrepublik auch moderne Industrieprodukte und Dienste. Große Unternehmen entstanden; unter den bedeutendsten Konzernen der Welt sind heute - relativ gesehen - ebenso viele französische wie deutsche Firmen. In beiden Volkswirtschaften hatte sich seit den fünfziger Jahren der Autobau zur Schlüsselindustrie entwickelt. Frankreich und die Bundesrepublik arbeiteten im Raketen- und Flugzeugbau zusammen, gründeten gemeinsam das weltweit zweitwichtigste Flugzeugunternehmen Airbus Industrie. Neue deutliche Unterschiede, die in der Nachkriegszeit zwischen der französischen "planification" und der deutschen sozialen Marktwirtschaft entstanden waren, schliffen sich nun immer mehr ab. In den späten achtziger Jahren hatten sich beide Wirtschaften so stark angenähert, dass eine gemeinsame Europäische Zentralbank gegründet und von den Öffentlichkeiten beider Länder auch akzeptiert wurde. Das wäre in den fünfziger und sogar noch in den frühen siebziger Jahren undenkbar gewesen.

2. Angleichung der Familienstrukturen

Eine zweite Annäherung fand im Bereich der Familie statt. Frankreich und Deutschland wiesen im 19. und frühen 20. Jahrhundert ganz unterschiedliche Familienstrukturen auf. Hierzulande hatte das Bevölkerungswachstum weit über dem Frankreichs gelegen, ebenso die Kinderzahl. Allerdings war auch die Säuglings- und Müttersterblichkeit höher, die familiäre Rolle des Mannes autoritärer, die Mutterrolle erwies sich für die Frauen als bindender. Zugleich ließ sich eine deutlichere Ablösung der erwachsenen Kinder vom elterlichen Haushalt ausmachen, die eigene Haushaltsgründung erfolgte häufiger. Frankreich dagegen hatte für damalige europäische Verhältnisse ungewöhnlich niedrige Geburtenraten und zugleich eine geringere Säuglings- und Müttersterblichkeit. Die Elternphase war kürzer, es gab eine Lebensphase nach der Familie, das Frauenbild wurde nicht auf die Mutterrolle reduziert. Zugleich bestand aber die lebenslange Sicherung durch die Familie fort.

Diese Unterschiede zwischen beiden Ländern haben sich seit den fünfziger Jahren zunehmend verwischt. Auch in Frankreich hat sich die Kernfamilie ohne Großeltern und Anverwandte immer weiter durchgesetzt. Die familiären Lebenszyklen ähneln sich mehr und mehr. Die französischen Geburtenraten hatten sich den deutschen schon während der vierziger Jahre angenähert. Umgekehrt nahm die Berufstätigkeit der verheirateten Frauen und Mütter während der fünfziger und sechziger Jahre auch in der alten Bundesrepublik - und noch stärker in der DDR - zu; Deutschland und Frankreich unterscheiden sich heute auch in diesem Punkt weit weniger als um 1950.

3. Abbau der sozialen Unterschiede

Die Unterschiede in den sozialen Milieus zwischen beiden Ländern haben in den vergangenen Jahrzehnten deutlich abgenommen. Diese waren vor allem bei den Bauern und dem Bürgertum groß gewesen. In Frankreich war das traditionelle bäuerliche Milieu im 19. Jahrhundert noch weit stärker vertreten. Der Bauer, ohne Berufsausbildung, in der Familienwirtschaft aufgewachsen und an diese gebunden, meist im bäuerlichen Milieu verheiratet, mit einem vom Städter scharf unterschiedenen Lebensstil, war deutlich häufiger zu finden als in Deutschland. Das Bürgertum - in Frankreich schon im 19. Jahrhundert politisch einflussreicher, liberaler, in sich geschlossener - hatte durch die aristokratischen und proletarischen Schichten weit weniger Konkurrenz erhalten als in Deutschland. Es war nicht - wie hierzulande - durch die Inflation traumatisiert und durch die NS-Zeit diskreditiert und deshalb auch nach dem Zweiten Weltkrieg in der französischen Öffentlichkeit präsenter und bestimmender für den Lebensstil des ganzen Landes.

Mit Beginn der fünfziger bzw. sechziger Jahre wurden die klassischen sozialen Trennlinien des Bürgertums zu den unteren Schichten - die akademische Ausbildung einerseits und der Besitz als Sicherheit andererseits - in beiden Ländern zunehmend schwächer. Mit der raschen Öffnung der Hochschulen für breite Schichten - in Frankreich noch stärker als in der alten Bundesrepublik oder der DDR - stieg der Anteil der Universitätsabsolventen von einer verschwindend kleinen, meist männlichen Elite zu einem Drittel (oder mehr) der Jahrgänge; darunter befanden sich nun auch sehr viel mehr Frauen. In beiden Ländern stellten Akademiker nicht mehr eine winzige Insel von Gebildeten in einem Meer von Volksschulabsolventen dar. Zudem weitete sich hier wie dort der Kreis derer, die über Eigentum - Häuser, Wohnungen, Autos, Ersparnisse - verfügten. Mit dem entstehenden modernen Wohlfahrtsstaat verlor der Besitz seine einzigartige Bedeutung als soziale Sicherheit für Familien. Diese Veränderungen fanden auf beiden Seiten des Rheins in gleicher Weise statt. Die sozialen Milieus wurden ähnlicher.

Lange Zeit war Deutschland das Land der massiven sozialstaatlichen Intervention gewesen. Seit der Bismarckzeit waren staatliche Sozialversicherungen entstanden, die in Europa in vieler Hinsicht als Modell galten. Der französische Sozialstaat hatte sich davon grundsätzlich unterschieden, hatte autonome, öffentlich nur subventionierte Sozialversicherungen entwickelt. In der Nachkriegszeit deutete sich ein neuer Gegensatz an: Die schon erwähnte französische "planification" schien plötzlich weit mehr als die westdeutsche soziale Marktwirtschaft auf den staatlichen Eingriff zu setzen, ähnlich wie die DDR. Die tief greifende Reform des Sozialstaats und die Schaffung der "sécurité sociale" kündigte auf den ersten Blick einen noch rigideren Staatseingriff als in der Bundesrepublik an, weil sie sich am britischen Modell einer völlig einheitlichen, nicht mehr autonomen, öffentlichen Einheitsversicherung orientierte, wie sie auch in der DDR eingeführt worden war.

Seit den sechziger Jahren verlief die Entwicklung der Sozialversicherungssysteme Frankreichs und der alten Bundesrepublik allerdings durchaus ähnlich. Beide Länder führten nach und nach obligatorische Sozialversicherungen für den größten Teil der Bevölkerung ein. Diese wurden durch eine Mischung von Arbeitnehmer-, Arbeitgeber- und Staatsbeiträgen finanziert. Die vergleichbar hohen Sozialausgaben nahmen trotz der öffentlichen Kritik am Wohlfahrtsstaat bis heute kontinuierlich - gemessen an der Wirtschaftsleistung - zu. In den jüngeren soziologischen Einteilungen der europäischen Sozialversicherungssysteme werden deshalb Frankreich und Deutschland dem gleichen kontinentaleuropäischen Typus zugeordnet, zuweilen auch "rheinisches Modell" genannt. Die heutigen Rentenprobleme bedrängen zwar das deutsche Sozialversicherungssystem stärker, weil die Geburtenraten niedriger sind. Aber Frankreich steht in der Zukunft vor ähnlichen Problemen.

4. Annäherung der Wertvorstellungen

Auch in der Entwicklung der Werte lassen sich deutliche Parallelen zwischen beiden Ländern ausmachen, auch wenn genaue Ergebnisse vergleichender Umfragen erst seit den achtziger Jahren vorliegen. Seither sind jedenfalls die Verschiebungen bei den Werten Arbeit, Familie, Religion und Politik sehr ähnlich. In Frankreich wie in der Bundesrepublik wird Arbeit weiterhin als wichtigster Wert angesehen, einerseits eng mit Leistung verbunden, andererseits zunehmend danach beurteilt, ob sie die Möglichkeit zur Selbstentfaltung bietet.

An zentraler Stelle steht für Franzosen wie Deutsche - nicht anders als in den fünfziger Jahren - auch die Familie. Sie entwickelte sich beiderseits des Rheins verstärkt zum Raum der Gefühlswerte, der Gefühlsbindungen zwischen den Ehepartnern sowie zwischen Eltern und Kindern. Die familiären Erziehungswerte gingen mehr und mehr in eine ähnliche Richtung. In beiden Ländern wurde die Ehe, in der die Partner demselben Land und dem gleichen sozialen Milieu, auch derselben Region oder Konfession angehören sollten, zugunsten der Liebesehe, die auf gegenseitigem Verständnis und Vertrauen aufbaut, zurückgedrängt. Religiöse Grundüberzeugungen wie der Glaube an Gott oder ein Leben nach dem Tod verloren demgegenüber in beiden Ländern nicht an Bedeutung. Allerdings lockerten sich hier wie dort die Bindungen an die Großkirchen, synkretistische Überzeugungen und Esoterik fanden etwas größere Verbreitung, blieben aber auf eine Minderheit beschränkt.

In der Politik behielt die Sicherung der Grundrechte, der Demokratie und der Sozialstaatlichkeit in Frankreich wie in Deutschland ihre große Bedeutung. Die Veränderungen vollzogen sich weitgehend parallel: Die Bindungen an politische Parteien und große Verbände schwächten sich ab, die Neigung zur direkten politischen Partizipation und zum vorübergehenden, aktionsgebundenen politischen Engagement nahm in beiden Ländern besonders unter den besser Ausgebildeten deutlich zu. Die politischen Großthemen entwickelten sich sehr ähnlich. Dies zeigt sich selbst bei der Unterstützung der Europäischen Union; diese nahm in den achtziger Jahren leicht zu, ging in den neunziger Jahren aber zeitweise wieder leicht zurück.[4]

Diese Annäherung beider Gesellschaften hat zwar nicht zu einer Nivellierung der Unterschiede geführt, aber deren Bedeutung doch abgeschwächt. Zudem werden Differenzen von der französischen und der deutschen Öffentlichkeit zunehmend anders interpretiert. Die Einstellung zur eigenen und zu anderen europäischen Nationen hat sich in den vergangenen Jahrzehnten verändert. Nachbarstaaten werden heute eher als Partner betrachtet, gegen die man keinesfalls Krieg führen will, die freilich ihre jeweils eigenen Interessen vertreten und durchaus Konkurrenten auf einem gemeinsam geregelten Feld, etwa der Wirtschaft, sind. Nationale Eigenarten werden nicht mehr fast zwanghaft als Zeichen von Über- oder Unterlegenheit gewertet. Der Austausch mit und das Lernen von anderen sowie die nüchterne Analyse der Stärken und Schwächen des eigenen Landes gehören ebenso zu diesem veränderten Bild der eigenen Nation wie die Verantwortung für das gemeinsame europäische Projekt.

III. Die gesellschaftliche und kulturelle Zusammenarbeit

Die gesellschaftliche und kulturelle Zusammenarbeit zwischen Frankreich und der alten Bundesrepublik hat sich seit den sechziger Jahren in einer Weise intensiviert, die unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg nur schwer vorstellbar war. Die Anstöße zur Zusammenarbeit gingen nicht mehr allein von der Politik aus wie noch zu Zeiten des Elysée-Vertrages 1963. Sie kamen vielmehr immer stärker aus der Gesellschaft und dem Kulturbereich selbst, wurden allerdings oft von den Regierungen unterstützt und mitfinanziert.

Die gesellschaftlichen und kulturellen Beziehungen verdichteten sich vor allem seit den siebziger und achtziger Jahren in einer Form, die zwar im 19. und frühen 20. Jahrhundert schon diskutiert, aber nie wirklich realisiert worden war. Die Städtepartnerschaften zwischen beiden Ländern nahmen zu, inzwischen gibt es circa 2200, oft um Partnerschaften mit Städten in Osteuropa ergänzt. Zahlreiche Kooperationen im Schul- und Hochschulbereich entstanden. Eine Schulbuchkommission wurde eingerichtet. Nie zuvor haben so viele deutsche Studenten in Frankreich und so viele französische Studenten in Deutschland studiert wie heute. Verbände und Gewerkschaften organisierten Treffen und Meinungsaustausch, neue Begegnungszentren entstanden.

Im Bereich der Wissenschaft dauerte es ungewöhnlich lange, bis eine engere Zusammenarbeit entstand. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Initiativen zur institutionalisierten Zusammenarbeit vor allem in der Kernphysik sowie der Geschichtswissenschaft, Germanistik und Romanistik überwiegend von den Regierungen ausgegangen und - wie schon erwähnt - nur von einer Minderheit der Wissenschaftler getragen worden. Für dieses Desinteresse der Wissenschaften an der französisch-deutschen Zusammenarbeit gab es verschiedene Gründe: das oben beschriebene Rivalitätsdenken und die alten Hoffnungen auf eine Position des eigenen Landes an der Weltspitze sowie das weit stärkere Interesse an der moderneren amerikanischen Forschung als an der Forschung jenseits des Rheins.

Erst seit den siebziger Jahren begannen Wissenschaftler selbst eine engere bilaterale Zusammenarbeit zu initiieren und zahlreiche Kooperationen, Komitees, Austauschprogramme, Gastprofessuren sowie Frankreich- und Deutschlandzentren einzurichten. Dabei zeichnet sich eine wichtige Veränderung ab, deren Auswirkungen sich noch nicht abschätzen lassen. Die Wissenschaften, die wesentlich Kulturvermittler sind, scheinen eher in der Defensive zu sein: Das französische Interesse an deutscher Sprache und Kultur nimmt offenbar ab - wie auch umgekehrt das Interesse der Deutschen an der Kultur des Nachbarn. Demgegenüber finden die Wissenschaften, die den Vergleich oder die Beziehungen zwischen beiden Ländern ins Zentrum stellen und dabei auch den breiteren europäischen Rahmen behandeln, zunehmend Anklang.

IV. Ausblick

Frankreich und Deutschland sind keine beliebigen Mitgliedstaaten der Europäischen Union, sondern spielen eine entscheidende Rolle bei deren Weiterentwicklung, ohne sich gegenüber anderen Ländern abzuschotten. Die französisch-deutsche Partnerschaft war das Modell, aus dem nicht selten multilaterale Beziehungen entstanden. Die bilateralen Beziehungen haben deshalb eine Bedeutung weit über Deutschland und Frankreich hinaus. Es wäre allerdings unrealistisch zu glauben, dass die kulturellen und sozialen Beziehungen eine direkte Wirkung auf diese gemeinsame europäische Politik haben. Enge kulturelle und soziale Beziehungen führen nicht automatisch zu enger politischer Zusammenarbeit. Sie sind auch in der französisch-deutschen Partnerschaft kein Ersatz für einen kontinuierlichen politischen Austausch, für die Suche nach politischen Kompromissen und für gemeinsame Projekte. Sie sind aber ein wichtiger Kontext für diese Kooperation.

Enge soziale und kulturelle Beziehungen sind eine gute Voraussetzung dafür, dass die Veränderungen im anderen Land besser verständlich werden. Tief greifende Missverständnisse, die es in der französisch-deutschen Geschichte häufig gab, können dadurch verhindert werden. Enge Verbindungen beseitigen die Interessengegensätze zwar nicht, mildern diese aber ab. Aus engen sozialen und kulturellen Beziehungen entstehen gemeinsame Zivilgesellschaften, die gelegentliche Spannungen in den Regierungsbeziehungen überbrücken und abzufedern vermögen, diese sogar verbessern können.

Insgesamt haben sich die sozialen und kulturellen Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland seit dem Abschluss des Elysée-Vertrages grundlegend gewandelt. Die beiden Gesellschaften sind sich heute weit ähnlicher als noch in den sechziger Jahren - auch wenn dies Franzosen und Deutschen oft nicht bewusst ist, da das historische Gedächtnis zu ungenau ist, häufig nicht weit zurückreicht und selten vergleicht. Die Annäherung vollzieht sich nicht nur auf der bilateralen Ebene. Sie steht in engem Kontext mit der europäischen Verflechtung, die ohne diese beiden Länder nicht zustande gekommen wäre. Man darf diesen Prozess aber nicht überschätzen; nur eine Minderheit in den beiden Ländern kennt das andere Land intensiv - auch wenn diese Gruppe einflussreich ist.

Die französisch-deutschen Beziehungen haben ihre Grenzen, die eine Herausforderung für die Zukunft darstellen. An den Schulen wird die jeweils andere Sprache immer seltener unterrichtet. Der Schüleraustausch nimmt nicht zu; er ist die Sache gut betuchter Familien geblieben. Der Studentenaustausch und die gemeinsame Doktorandenausbildung werden von der öffentlichen Hand zu wenig gefördert. Noch immer ist es sehr schwer, im jeweiligen Nachbarland in besser bezahlten Berufen Karriere zu machen; die Geschäftskulturen sind weiterhin recht verschieden, die freien Berufe hier wie dort schwer zugänglich. Bis zu einem wirklichen sozialen und kulturellen Zusammenwachsen ist es noch ein großes Stück Weg.

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Fußnoten

1.
Da es sich um einen Vertrag zwischen Frankreich und der alten Bundesrepublik handelte, wird auf die DDR im Folgenden nur am Rande eingegangen. Man sollte sie freilich nicht völlig herauslassen, da sie Teil der deutschen Geschichte ist.
2.
Anmerkung der Redaktion: Siehe hierzu den Beitrag von Peter A. Zervakis und Sébastien von Gossler in dieser Ausgabe.
3.
Europäisches Zentrum für Kernforschung.
4.
Anmerkung der Redaktion: Siehe hierzu den Beitrag von Joachim Schild in dieser Ausgabe.