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17.12.2004 | Von:
Hans-Joachim Lenz

Männer als Opfer von Gewalt

Gewalt gegen Männer (durch Männer) ist eine weit verbreitete und eine zugleich weitgehend nicht wahrgenommene Realität. Sie wird von vielen Betroffenen verleugnet und nicht als soziales und schon gar nicht als politisches Problem erkannt.

Gewalt und Männer

Auf der Ebene der deutschen Kriminalstatistik[1] bildet sich seit langem ab, dass zwei von drei Tatverdächtigen Männer sind. So waren beispielsweise in der neuesten verfügbaren Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) aus dem Jahre 2003 85,5 Prozent aller Tatverdächtigen von leichten, gefährlichen und schweren Körperverletzungen Männer.[2] Weil die Gewaltbereitschaft von Männern zum Standardrepertoire der herrschenden Männlichkeitsvorstellungen gehört, erscheint männliche Gewalttätigkeit als "normal". In einer Analyse der männlichen Sozialisation arbeiten Lothar Böhnisch und Reinhard Winter[3] acht Bewältigungsprinzipien des Mannseins heraus: Externalisierung, Gewalt, Benutzung, Stummheit, Alleinsein, Körperferne, Rationalität, Kontrolle. In diesen Prinzipien drückt sich aus, dass die männliche Form der Weltaneignung auf Herrschaft und Kontrolle beruht und sich in einem verhängnisvollen patriarchalen Kulturbegriff vermittelt. In immer neuen Variationen dreht sich dieser um Unterwerfung, Aneignung, Sicherheben über ein Gegebenes oder um gewaltsame Veränderung eines Gegebenen.[4]




Dies ist alles bekannt und gilt weithin als "normal". Weniger bekannt hingegen ist, dass sich die mehrheitlich von Männern ausgeübte Gewalt auch überwiegend gegen Männer selbst richtet. Mit der Ausnahme von Sexualstraftaten[5] sind Männer als Opfer bei allen Delikten in der Überzahl. "Bei Mord und Totschlag, Raub und insbesondere bei gefährlicher und schwerer Körperverletzung überwiegen männliche Opfer."[6]

Insbesondere für Jungen und junge Männer besteht ein höheres Risiko als für Mädchen und junge Frauen, Opfer von anderen Jungen oder Männern zu werden. "Die Opferziffer der männlichen 14- bis unter 18-Jährigen hat seit Mitte der achtziger Jahre um etwa das Zehnfache zugenommen, die der Mädchen um etwa das Fünffache."[7] Der Anteil ist in den Altersgruppen der 14- bis 18-jährigen und der 18- bis 21-jährigen Jungen bzw. jungen Männer am größten, wie aus der Grafik ersichtlich wird.

Auffallend an diesem Schaubild ist der Anstieg der Opferziffern bei den 14- bis 21-Jährigen im Zeitraum von 1985 bis 1999. Dies ist ein Zeichen der gesunkenen Toleranzschwelle gegenüber Gewalt und einer zunehmend bedrängten Männlichkeit. Die Erfahrung des Verletztwerdens gehört zu jedem Männerleben, insbesondere aber in und nach der Pubertät. Niederlage, Erniedrigung oder Demütigung sind tägliche Unterwerfungserfahrungen unter die Übermacht vor allem anderer Männer. Die verschiedenen Lebensbereiche, in welchen Männer vorwiegend Verletzungserfahrungen machen bzw. gemacht haben, verlaufen entlang der für ihre Entwicklung relevantenSozialisationsinstanzen wie Herkunftsfamilie, Gleichaltrigengruppe, Schule, Bundeswehr, Partnerschaft und Beruf. Deren offener Lehrplan lautet: "Männer werden systematisch dazu konditioniert, Schmerzen zu ertragen ... "[8] Sie lernen so, ihre Empfindungen von Verletzungen und das Leiden daran zu verbergen. Der Satz "Ein Indianer kennt keinen Schmerz" scheint noch immer aktuell zu sein.

Gesundheitliche Folgen der Gewalt

Männer verdrängen häufig gesundheitliche Probleme. Sie gehen erst zum Arzt, wenn es nicht mehr anders geht, und sie betreiben kaum Vorsorge.[9] Die Folge dieser gesundheitlichen Vernachlässigung von Männlichkeit ist - gekoppelt mit dem Wirken von tradierten Geschlechterklischees, an denen sich das medizinische Personal orientiert -, dass die Gewalt, der Männer ausgesetzt sind, in dem seit einigen Jahren aufkommenden Diskurs um Männergesundheit ausgeklammert bleibt.[10] Sie stellt den größten Risikokomplex für die Männergesundheit dar. Der Mann wird weniger als bio-psycho-soziale Einheit auf der Basis seiner "Verletzungsoffenheit" (Heinrich Popitz) gesehen, sondern - dank urologischer und Potenzprobleme sowie Schwierigkeiten mit dem Altern[11] - als profitabel vermarktbares Wesen.

Gewalt als Geschlechterfrage

Ohne die Frauenbewegung und deren langen Kampf um die gesellschaftliche Wahrnehmung der gegen Frauen gerichteten Gewalt und die parallel verlaufende Kinderschutzbewegung gäbe es die öffentliche Beschäftigung mit der Gewalt gegen Männer nicht. Mehr als dreißig Jahre der Skandalisierung dieses Problems haben nicht nur Frauen, sondern die gesamte Gesellschaft sensibler für das Geschlechterverhältnis gemacht, speziell auch für geschlechtsbezogenes Herrschaftsgebaren, Machtmissbräuche sowie Übergriffe - und langsam nun auch für die Gewalt, der Männer ausgesetzt sind. Die Frauenbewegung ist die Initiatorin dieses Gewaltdiskurses, den sie zugleich einengt.

Selbst wenn frühe Studien zur geschlechtsbezogenen Gewalt sich nicht auf Frauen und Mädchen als Betroffene beschränkten, setzte sich im Kontext der Frauenbewegung ein Diskurs um Männergewalt an Frauen durch.[12] Insbesondere die feministische Variante der Frauenbewegung griff dabei sowohl auf universalisierende ("Alle Männer sind gewalttätig") als auch auf naturalistisch-biologisierende Denkmuster ("Frauen sind gut" und "Männer sind böse") zurück, was von einzelnen Geschlechterforscherinnen immer kritisiert worden war und noch wird.[13] Die sich vormals gesellschaftspolitisch verstehende Frauenbewegung ist inzwischen zu einer Projektebewegung[14] mutiert, deren berufspolitische Interessen um den Erhalt des Arbeitsplatzes zunehmende Bedeutung erhält. Dabei wird auf geschlechterdualistische Vorurteile zurückgegriffen, die eine vehemente Beharrungskraft zeigen und sich inzwischen auch auf der politischen Ebene finden. Das Opfer-Täter-Schema gehört "zum selbstverständlichen Grundmuster der Wahrnehmung des Geschlechterverhältnisses und seiner regierungsamtlichen Bearbeitung"[15]. So wird durch den "Aktionsplan der Bundesregierung zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen" vom Dezember 1999[16] nur der weibliche Teil der Gesellschaft für schützenswürdig gehalten. Der Teil des Planes, der Männer in den Blick nimmt, bezieht sich auf deren Täterschaft.

An dieser Ungleichbehandlung der Geschlechter zeigt sich, wie im Rahmen des kulturellen "Systems der Zweigeschlechtlichkeit"[17] mit dem Ziel, ein Geschlecht zu schützen, neuerlich alte Geschlechterzuschreibungen (der "schützenswerten Frau") konstruiert und stabilisiert werden, weil männlich und Tätersein gleichgesetzt werden. Gewalt tritt zwar empirisch überwiegend als eine männliche auf. Im Diskurs um Gewalt und Geschlecht wird aus dieser Erkenntnis jedoch die Unterstellung abgeleitet, dass alle Männer potenziell gewalttätig seien. Dieses Potenzial erhält einen Wirklichkeitsstatus: Im Sinne einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung wird die männliche Gewalttätigkeit erwartet.

In der Perspektive der Gleichstellung der Geschlechter ergibt sich aus dem zugrunde liegenden Denk- und Handlungsmuster, das - trotz des sehr erfolgreichen frauenpolitischen Engagements während der vergangenen 35 Jahren[18] - zunehmend sexistische Züge annimmt,[19] eine verhängnisvolle Konsequenz. Im öffentlichen Diskurs um Gewalt und Geschlecht verhindern blinde Flecken, dass die Verletzbarkeit von Männern eine Chance erhält, erkannt zu werden; zudem bleiben Frauen als Täterinnen (noch) weitgehend ausgeblendet.[20]

Die soziale und politische Verleugnung der männlichen Verletzbarkeit

Gesellschaftsstrukturelle Mechanismen bewirken, dass männliche Opfer hinter der vermeintlichen Normalität verschwinden. Der Mann als Individuum steht in Konkurrenz zu anderen Männern. Innerhalb der "Siegerkultur" geht es um wenige Sieger und viele Verlierer.[21] Schamhaft verbirgt sich der Verlierer. Das Schweigen vieler Männer über die ihnen widerfahrenen Gewaltübergriffe korrespondiert mit der Schwere der Tat und dem Grad des Ausgeliefertseins. Je schlechter die soziale Position des Mannes ist, der in diesen Verhältnissen agiert, desto größer sind die Risiken, Übergriffen und Verletzungen ausgesetzt zu werden. Die "Unterlegenen" werden ihrem Schicksal überlassen und stigmatisiert.[22]

In dieser Logik stellt der Begriff des "männlichen Opfers"[23] ein kulturelles Paradox dar: Entweder gilt jemand als Opfer oder er ist ein Mann.[24] Beide Begriffe werden als unvereinbar gedacht. In einer patriarchalischen Gesellschaft scheint es strukturell widersinnig, von Männern als Opfer zu reden. Wie am Beispiel des Krieges deutlich wird, werden Männer gesellschaftlich dafür belohnt, wenn sie Gewalt anwenden, und bestraft, wenn sie sich dem entziehen.[25] "Im Kriege sprach und spricht man von 'Verlusten', wenn von gefallen Männern die Rede ist, die 'Opfer' sucht man bei den Frauen, Kindern und Alten in der Zivilbevölkerung."[26]

Obwohl Männer in der Männerkultur sich in Strukturen bewegen, die ihr Geschlecht privilegieren, sind sie - im Unterschied zur Frauenbewegung - von einer Anteilnahme am Los viktimisierter Mitmänner - Männer, die das Opfer von Gewalt wurden - weit entfernt. Es scheint vielen leichter zu fallen, sich für die Gleichberechtigung von Frauen oder die Bekämpfung der gegen Frauen gerichteten Gewalt einzusetzen als für das eigene Geschlecht.[27] Die Konfrontation mit der Erfahrung von Ohnmacht, Passivität und Opfersein von anderen Männern würde ein radikales Infragestellen des eigenen Mannseins bedeuten, was abgewehrt wird.

An der Verleugnung der Problematik beteiligen sich auch Professionelle aus dem psycho-sozialen Feld (Berater, Ärzte, Pädagogen, Sozialarbeiter und Psychotherapeuten), aber auch aus Männerprojekten.[28] "Das Tätertrauma, das der radikale Feminismus den Männerforschern und -therapeuten eingeimpft hat, schlägt so auf die männlichen Opfer zurück." [29]

Derzeit werden öffentliche Mittel allenfalls für die Arbeit mit Gewalttätern zur Verfügung gestellt. Die Opfer dieser Verhältnisse bleiben - Preis der restriktiven Gesellschaftspolitik - verborgen. Problematisch ist zudem eine Arbeit mit Opfern, die nicht die Not der Opfer zum Ausgangspunkt macht, sondern die unterstellte potenzielle Täterschaft der Opfer.

Zur Forschungslage: Männer haben alles erforscht, nur nicht sich selbst

Obwohl sich seit Jahrzehnten in der Kriminalstatistik eindeutige Hinweise darauf finden, dass in den meisten Deliktgruppen mehr Männer als Opfer vertreten sind, liegen im deutschsprachigen Raum bislang weder empirisch-repräsentative noch theoretische Studien zur Gewalt gegen Männer vor. Die Datenlage ist völlig unzureichend. Zwar fanden einzelne Aspekte von Gewaltübergriffen gegen Jungen und Männer in der Vergangenheit hin und wieder eine gewisse Aufmerksamkeit - beispielsweise in der Schulgewaltforschung.[30] Aber bei den wenigen vorliegenden Ergebnissen ist auffallend, dass der zugrunde liegende Gewaltbegriff überwiegend auf die Täter orientiert bleibt bzw. durch die potenzielle Täterschaft von Männern überlagert wird. Zudem kommt durch die Fixierung auf ein strafrechtlich relevantes Phänomen nur ein Bruchteil der gegen Männer gerichteten Gewalt in den Blick.[31] Auch ist die Scham, die über vielen Verletzungen von Männern liegt, im Rahmen der Forschung bislang kein Thema.[32]

Das Beispiel Viktimologie

Selbst in Disziplinen wie der Viktimologie, deren Forschungsgegenstand das Opferwerden bei Gewalttaten ist, erhielten männliche Opfer in der Vergangenheit keine weitere Aufmerksamkeit. In diesem Zusammenhang ist aufschlussreich, dass es eine Zeit gab, in der die Viktimologie "auf der Suche war nach allen möglichen Gruppen, die 'mit ins Boot genommen werden' mussten"[33]. Inzwischen liegen entsprechende Forschungsstudien zu speziellen Opfergruppen wie z.B. Kindern und Frauen vor. Männer hingegen sind bislang keine untersuchte Opfergruppe. Diese Gruppe verkommt "zur vergessenen Figur, zum forgotten man"[34].

Die Viktimologie als eine mehrheitlich von Männern betriebene Wissenschaft bediente - wenn das Geschlecht überhaupt als Variable in Betracht gezogen wurde - bislang das Klischee, dass Opfer weiblich seien. In der kriminologisch-viktimologischen Forschung besteht hinsichtlich der Viktimisierung von Männern eine vorsätzliche Wahrnehmungslücke,[35] was sich anhand der gängigen kriminologischen Lehrbücher leicht überprüfen lässt: Die Viktimisierung von Männern ist bislang keine eigenständige Erkenntnisdimension.[36] Auch hier gilt: "Das Opfer wird instrumentalisiert. Es wird eingebaut in den Kampf gegen den Täter. Selbstverständlich wird das Opfer nicht gefragt, was es will."[37]

Die Pilotstudie "Gewalt gegen Männer"

Ein positives Zeichen dafür, dass seit kurzem das Interesse für die Viktimisierung von Männern auf einer politischen Ebene geweckt ist und die zuvor benannten verhindernden Strukturen und Mechanismen offen für langsame Veränderung zu sein scheinen, ist die vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Jugend und Frauen (BMFSFJ) institutionell betreute Pilotstudie Gewalt gegen Männer.

Pilotstudie - warum jetzt?

Die Gründe dafür, dass die Studie vor drei Jahren ausgeschrieben und dann von November 2002 bis März 2004 durchgeführt wurde, sind vielschichtig und miteinander verwoben:

- Zentraler Beweggrund ist die Öffnung des bis dahin verschlossenen feministischen Blicks.[38] Die "Veränderungen der feministischen Gewaltdebatte in den letzten 30 Jahren"[39] ist eine dramatische und konflikthafte Denkgeschichte.[40] Diese hat den Boden dafür bereitet, alle Klassifizierungen, die auf biologischen Definitionen des Menschen beruhen, als Gewaltakte zu diagnostizieren, "als eine Gewalt, mit der das der jeweiligen Norm nicht zugehörige ,Andere` aussortiert wird"[41]. Damit wurde ideologisch der Boden bereitet, das "Opfermonopol" von Frauen aufzulösen und genauer auf das andere Geschlecht zu schauen.

- Eine Folge der Ausdifferenzierung der Lebenslagen und Orientierungen von Frauen und Männern und der veränderten ideologischen Überzeugungen ist ein Perspektivenwechsel, "der Männer als Zielgruppe und Verantwortliche in die Geschlechterpolitik miteinbezieht - auch, aber nicht nur, als 'Neue Väter' "[42]. Der Begriff "Gender Mainstreaming" wurde in die Politik eingebracht[43] und dient als neue Leitlinie zur Realisierung der Gleichstellung der Geschlechter.[44]

- Das vor zwei Jahren eingeführte Gesetz zum Schutz vor häuslicher Gewalt hat insbesondere bei Männern, die in häuslichen Konflikten leben oder lebten, zu einem starken Aufmerksamkeitsschub für die Perspektive auf männliche Opfer geführt.[45] Die dadurch ausgelöste wichtige Diskussion über Gewalt von Frauen gegen Männer im Rahmen von Partnerschaften greift allerdings nur einen kleinen Ausschnitt der Gewalt auf, der Männer ausgesetzt sind, und überinterpretiert diesen. So entsteht der Eindruck, dass es eher um einen antifeministischen Impuls zu gehen scheint als um wirkliche Anteilnahme an der Viktimisierung von Männern.

- Ein weiterer wichtiger zeitgeschichtlicher Anstoß ist darin zu sehen, dass es hinsichtlich der NS-Zeit lange eine kollektive Verdrängung der Auseinandersetzung mit den Opfern dieser Zeit gab. Zugleich war die Beschäftigung mit der Perspektive auf Deutsche als Opfer obsolet, da viele als Täter im Faschismus agierende Personen sich hinter einer Opferrolle versteckten und keine Verantwortung für ihr eigenes Tun übernehmen wollten. Mit zunehmender zeitlicher Distanz zum Geschehen und dem Lautwerden nichtdeutscher Opfer kam es zu einer Ausdifferenzierung der Perspektive.[46] Inzwischen sind auch die Opfer des Zweiten Weltkrieges sowohl in der Zivilbevölkerung (Luftangriffe und Vertreibung) als auch beim Militär (Kriegsgefangenschaft und Desertion) ein Thema, dem Aufmerksamkeit zukommt.[47]

- In den neunziger Jahren nahm in den Medien (insbesondere im Fernsehen) die Berichterstattung über verdeckte und verborgene Seiten der menschlichen Existenz zu. Teilweise mit voyeuristischem Beigeschmack (z.B. in Talkshows) fand eine mehr oder weniger seriöse Auseinandersetzung über deren Schattenseiten statt. Das dadurch entstandene Klima, in dem Verdrängtes ausgesprochen werden kann und das Interesse anderer Menschen geweckt wird, begünstigte die Veröffentlichung der gegen Männer gerichteten Verletzungen.

- Bildungseinrichtungen wie die Heinrich-Böll-Stiftung[48] und die Evangelische Akademie Tutzing[49] nahmen sich in den vergangenen drei Jahren der Thematik der männlichen Verletzbarkeit an und zeigten, dass in einer seriösen Weise damit umgegangen werden kann.

- Bei allem ideologischen Wandel ist eine im Durchschnitt höhere Sensibilität von Frauen gegenüber der männlichen Opferperspektive geblieben. Daran zeigt sich, dass der Abbau von patriarchalen Strukturen und Mechanismen ein zivilisatorischer Fortschritt ist und Männern die Möglichkeit bietet, mit ihrer verletzlichen Seite ernst genommen zu werden.

- Traditionelle Männlichkeit entleert sich zunehmend ihres Sinnes und wird durch gesellschaftliche Entwicklungen überholt. Männlichkeit (z.B. in der Rolle als Ernährer und Erzeuger) wird immer weniger gebraucht. Der damit einhergehende Bedeutungsverlust führt zu Verunsicherungen, ohne dass sich Männer bislang in breitem Umfang damit auseinander setzten. Die damit assoziierte Schwäche wird schamhaft abgewehrt. Eine Folge davon ist, dass bislang erst wenige Männer bereit sind, sich der gegen das eigene Geschlecht gerichteten Gewalt zu stellen. Einige wenige selbst verantwortete Angebote bieten Ansätze für Orientierung wie z.B. Projekte der Selbsthilfe.[50]

Ziel der Pilotstudie

Das Ziel der Pilotstudie besteht darin, Daten über die Gewalterfahrungen von Männern im häuslichen wie im außerhäuslichen Bereich durch die Befragung von in Deutschland ansässigen Männern zu gewinnen. Es wurde in mehreren Schritten realisiert:

Nach einer Phase der Literaturauswertung fanden bundesweit 23 qualitative Interviews mit Experten und Expertinnen aus Beratungs- und Hilfsangeboten statt. In leitfadengestützten mehrstündigen Interviews wurden 32 Männer befragt, die zur Hälfte zufällig und zur anderen Hälfte gezielt ausgewählt waren. Den Abschluss bildeten 266 quantitative Interviews mit zufällig ausgewählten Männern. Die quantitative Befragung wurde mündlich durchgeführt. In einem schriftlichen Zusatzbogen, den 190 Befragte ausfüllten, wurde spezifisch häusliche Gewalt erhoben.

Die Durchführung der Studie wurde einem außeruniversitären Forschungsverbund "Gewalt gegen Männer" übertragen.[51] Seit kurzem liegen nun die Ergebnisse unter dem Titel Personale Gewaltwiderfahrnisse von Männern in Deutschland - Abschlussbericht der Pilotstudie vor.[52]

Einblicke in die Ergebnisse der Pilotstudie

Allgemein lässt sich sagen, dass sich in der Normalität des Alltags von Männern vielfältige Zwänge finden, deren Übergänge zur Gewalt fließend sind. Das Verständnis von Gewalt[53] umfasst die Bereiche physischer, psychischer und sexualisierter Gewalt, wobei die Grenzen zwischen den einzelnen Ebenen nicht eindeutig zu ziehen sind.

Im Rahmen der Studie wurden durch die Kombination der beiden Dimensionen Lebensphasen und Kontexte die in der Tabelle aufgeführten Gewaltfelder identifiziert.

Einige Detailergebnisse:

- Männer sind vor allem in der Öffentlichkeit gefährdet, Opfer von körperlicher Gewalt, vorrangig durch andere Männer, zu werden.

- In der Arbeitswelt ergaben sich auffällig hohe Zahlen bei psychischer Gewalt durch Vorgesetzte und Kollegen. Auch hier sind vorrangig Männer die Täter.

- Innerhalb der Paarbeziehung ergab sich ein zwiespältiges Bild: Ein Viertel der Männer hat körperliche Gewalt in irgendeiner Form innerhalb der (heterosexuellen) Partnerschaft erfahren, wenige häufiger als zweimal. Dagegen ist der Bereich der sozialen Kontrolle durch die Partnerin vergleichsweise hoch.

- Deutlich wurde, dass viele Übergriffe verborgen bleiben und nicht aufgedeckt werden, weil sie entweder als "normal" gelten oder sich der Betreffende schämt. So hat keiner der Männer, die angaben, von ihrer Partnerin häusliche Gewalt erfahren zu haben, die Polizei gerufen. Es besteht die Vermutung, dass Männer über die ihnen widerfahrene Gewalt überwiegend schweigen.

- Auch über die im Kontext des Militärs erlittenen Übergriffe reden viele junge Männer nicht. Beim Militär sind im Vergleich zum zivilen Leben zahlreiche Mechanismen, die vor Gewalt schützen, eingeschränkt oder außer Kraft gesetzt. Über spezielle Erziehungsprogramme wird die Tötungshemmung der Rekruten überwunden und ihre Bereitschaft geschaffen, sich in das System von Befehl und Gehorsamkeit einzufügen. Häufig ist diese Desensibilisierung eingebunden in Männlichkeitsrituale mit persönlichkeitsverändernder Wirkung.[54] "Fast ein Drittel der Befragten, die Wehrdienst geleistet haben, geben an, gezwungen worden zu sein, etwas zu sagen oder zu tun, was sie absolut nicht wollten."[55] Von vielen Soldaten wurden Gewaltübergriffe als "normal" erlebt.[56]

- Eines der für die Durchführenden der Studie bemerkenswerten Ergebnisse war die Häufigkeit und teilweise auch Intensität, mit der der Zweite Weltkrieg Spuren bei den Befragten hinterlassen hat.[57]

- Aus der Studie ergibt sich diesbezüglich eine weitere wichtige Erkenntnis: Männer sagen erst etwas zu ihren Gewalterfahrungen, wenn sie danach gefragt werden und wenn jemand bereit ist zuzuhören. Damit wird deutlich, wie wichtig private und professionelle Zuhörer sind.

Mit der Pilotstudie wurde weitgehend öffentliches Neuland betreten, indem die "andere" - verletzliche - Seite von Männern in den Blick gerät. Damit besteht eine Chance, das vorherrschende öffentlich gehandelte Klischee von Männlichkeit in Frage zu stellen und durch die gewonnenen Erkenntnisse eine vorurteilsfreiere Sicht auf Männer zu ermöglichen.

Für die Hauptstudie einer repräsentativen Stichprobe der männlichen Bevölkerung hinsichtlich ihrer Viktimisierung bedarf es nun eines politischen Willens, diese unter Bedingungen durchzuführen, die es ermöglichen, die Forschungsperspektiven angemessen und geschlechtergerecht weiterzuentwickeln.

Die Notwendigkeit der gesellschaftlich-politischen Sensibilisierung für die Verletzbarkeit von Männern

Im Zentrum der notwendigen Sensibilisierung stehen eine Auseinandersetzung mit den traditionellen Vorstellungen von Männlichkeit und eine selbstkritische Überprüfung von deren Tauglichkeit für gegenwärtige und zukünftige Entwicklungen. Dies könnte Männern eine Chance bieten, über sich selbst und ihr Selbstverständnis nachzudenken und die Kultivierung der Schweigsamkeit zu überwinden. Daneben ist ein Wechsel der Perspektive auf Männer in der Öffentlichkeit - insbesondere auch in Forschung, Politik und in den Medien - notwendig. Statt über Männer als Klischeebilder im öffentlichen Raum zu verhandeln, gilt es, sie als verletzbare Menschen ernst zu nehmen.[58] Nicht die geschlechterstereotype Schuldzuweisung, sondern erst das vorurteilsfreie, selbstreflexive Hinterfragen, was jedes Geschlecht zum Entstehen und zur Aufrechterhaltung der herrschenden Gewaltverhältnisse beiträgt, kann den Raum für weiterführende Perspektiven öffnen.

Unter den gegenwärtig sich verschärfenden existenziellen Lebensbedingungen deutete sich bereits ein Konflikt an: Das Sichtbarwerden und der Kampf um die politische Anerkennung der lange Zeit verborgenen und verschwiegenen Gewalt gegen Männer wird unter den knapper werdenden öffentlichen Ressourcen schwieriger. Um der Konkurrenz mit Frauenprojekten hinsichtlich entsprechender Mittel zu entgehen und Lösungen aus der Verstrickung in Geschlechterklischees zu finden, ist der Dialog[59] zwischen beiden Geschlechtern unabdingbar. Er könnte jenseits herkömmlicher Geschlechtermythen und hegemonialer Maskulinitäten und Feminitäten dazu beitragen, eine Perspektive auf die Gewalt, der Frauen und Männer ausgesetzt sind, zu ermöglichen. In einer gemeinsamen Anstrengung über die herkömmlichen Geschlechtergrenzen hinweg ließe sich ein zukunftsweisender Beitrag zur Fortführung des Prozesses der Zivilisation leisten, ohne ein Geschlecht gegen das andere auszuspielen.[60]

Internetverweise:

http://www.bmfsj.de

http://www.die-frankfurt.de/esprid/dokumente/ doc-2000/lenz00_02.doc

http://www.europrofem.org/02.info/22contri/2.02.de/ 4de.viol/04de_vio.htm

http://www.boell.de/downloads/gd/MannoderOpfer.pdf

http://home.t-online.de/home/efbsazgitter/aktuell/ mag125d.htm

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Fußnoten

1.
Vgl. http://www.bka.de. Die Polizeiliche Kriminalstatistik bietet bislang die einzigen verlässlichen Zahlen. Sie wird aufgrund der Strafgesetze in der Bundesrepublik Deutschland in Form der polizeilichen Strafverfolgungsstatistik des Bundeskriminalamtes und der Strafvollzugstatistik des Statistischen Bundesamtes erstellt. Weil die PKS eine Verdachtstatistik und ein Arbeitsnachweis der Polizei ist, sind Datenerhebung, Dunkelfeldforschung und die Aussagekraft von Kriminalstatistiken jedoch nicht unproblematisch.
2.
Vgl. Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) 2003, hrsg. vom Bundeskriminalamt, Wiesbaden 2004, S. 25.
3.
Lothar Böhnisch/Reinhard Winter, Männliche Sozialisation. Bewältigungsprobleme männlicher Geschlechtsidentität im Lebensverlauf, Weinheim 1993, S. 128.
4.
Vgl. hierzu Carola Meier-Seethaler, Ursprünge und Befreiungen - eine dissidente Kulturtheorie, Zürich 1988.
5.
Der Männeranteil wird hierbei als sehr gering angesehen beträgt er (in der PKS von 2003 ist es ein Prozent). Dieser Bereich ist der Bereich, der durch Scham am stärksten verdeckt wird und mit dem die Strafverfolgungsbehörden am wenigsten rechnen. Vermutlich zeigt sich in der Polizeistatistik deshalb nur ein Bruchteil der sexuellen Übergriffe, denen Männer ausgesetzt waren.
6.
PKS 2003 (Anm.2), S. 7.
7.
PSB 2001, S. 493. Der Periodische Sicherheitsbericht (PSB) beruht auf der Polizeilichen Kriminalstatistik, vgl. http://www.bmi.bund.de/dokumente/ (11.10.2004).
8.
Sam Keen, Feuer im Bauch - Über das Mann-sein, Hamburg 1992, S. 57.
9.
Vgl. Carol Hagemann-White/Hans-Joachim Lenz, Gewalterfahrungen von Männern und Frauen, in: Klaus Hurrelmann/Petra Kolip (Hrsg.), Geschlecht und Gesundheit, Stuttgart-Bern 2002.
10.
Vgl. Hans-Joachim Lenz/Ludger Jungnitz, Männergesundheit und die verborgene Gewalt gegen Männer, in: Österreichisches Bundesministerium für soziale Sicherheit, Generationen und Konsumentenschutz (Hrsg.), Psychosoziale und ethische Aspekte der Männergesundheit, Wien 2004.
11.
Die gängigen Stichworte dazu sind Prostata, Viagra und Hormontherapie mit dem Ziel von Anti-Aging.
12.
Vgl. Carol Hagemann-White, Gender-Perspektiven auf Gewalt in vergleichender Sicht, in: Wilhelm Heitmeyer/John Hagan (Hrsg.), Internationales Handbuch der Gewaltforschung, Wiesbaden 2002, S. 127.
13.
Vgl. den Vortrag von Frigga Haug aus dem Jahre 1980: Frigga Haug, Frauen - Opfer oder Täter? Über das Verhalten von Frauen, in: dies., Erinnerungsarbeit, Hamburg 2001; Christina Thürmer-Rohr, Aus der Täuschung in die Ent-Täuschung. Zur Mittäterschaft von Frauen, in: dies. (Hrsg.), Vagabundinnen - Feministische Essays, Berlin 1987.
14.
Zum Schutz von vergewaltigten Frauen und zur Frauengesundheit.
15.
Jörg Lau, Männerhaß und Männerselbsthaß als kultureller Mainstream, in: Merkur - Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken, 58 (2004) 665/666, S. 934 - 943.
16.
Der Plan ist inzwischen weitgehend umgesetzt. (Quelle: http://www.bmfsfj.de/ 24.10.2004)
17.
Vgl. Carol Hagemann-White, Sozialisation: weiblich - männlich, Opladen 1984.
18.
Dies zeigt sich darin, dass es inzwischen in Deutschland 440 Frauenhäuser gibt. Sie bieten Beratung und Hilfe für jährlich 45 000 misshandelte Frauen und deren Kinder an; vgl. Carol Hagemann-White, Die Geschichte der Frauenhausbewegung - eine Erfolgsgeschichte, in: Frauenhauskoordinierung e. V. (Hrsg.), Frauenhäuser im Mainstream, Dokumentation des 5. Fachforums Frauenhausarbeit vom 6. bis. 8. Mai 2003 in Erkner. Entsprechende Angebote für Männer gibt es nicht, inbesondere auch keine staatlich alimentierten.
19.
M.E. wäre es an der Zeit zu prüfen, ob sich im Rahmen der sich verändernden Verhältnisse zwischen den Geschlechtern nicht erneut die Ideologie des Sexismus durchsetzt, nur eben jetzt unter gewandelten Bedingungen. Die Minder- und Abwertung der männlichen Verletzbarkeit aufgrund des Geschlechts legt dies nahe. "Sexismus ist ein anstößiger Begriff, weil er sein Gegenteil anmahnt: Er deutet Kritik an einem ,ungerechten` Zustand an und Bemühungen um dessen Aufhebung. Grundsätzlich wäre er, lägen andere Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern vor, auch auf Männer anwendbar. ... Der Begriff Sexismus ist dem des Rassismus nachgebildet (...). Er meint die Unterdrückung aufgrund des Geschlechts und wurde bisher ausschließlich reserviert für die Missachtung und Ausbeutung von Frauen (durch Männer)." Sigrid Metz-Göckel, Sexismus, in: Anneliese Lissner/Rita Süssmuth/Karin Walter (Hrsg.), Frauenlexikon - Wirklichkeiten und Wünsche von Frauen, Freiburg 1988, S. 990ff.
20.
Vgl. Ulrike Popp, Das Ignorieren "weiblicher Gewalt" als "Strategie" zur Aufrechterhaltung der sozialen Konstruktion von männlichen Tätern, in: Siegfried Lamnek/Manuela Boatca (Hrsg.), Geschlecht-Gewalt-Gesellschaft, Opladen 2003. Siehe auch die vor kurzem erschienene Arbeit von Hilke Gerber, Frauen, die Kinder sexuell missbrauchen - eine explorative Studie, Berlin 2004.
21.
Diese "Siegerkultur" funktioniert unter den bestehenden Herrschaftsverhältnissen auf der Basis kapitalistischer Vergesellschaftung. Für den australischen Geschlechterforscher Robert W. Connell differenziert sich Männlichkeit in verschiedene Formen aus. Er spricht von Männlichkeiten und unterscheidet: Hegemonie, Unterordnung, Komplizenschaft und Marginalisierung (vgl. Robert W. Connell, Der gemachte Mann - Konstruktion und Krise von Männlichkeiten, Opladen 1999).
22.
Im Spielfilm, der an der vorhandenen Bewusstseinslage anknüpft und diese widerspiegelt, wird im Allgemeinen der vermeintlich "schwache" Mann der Lächerlichkeit preisgegeben (z.B. Der bewegte Mann). Inzwischen gibt es Ausnahmen, beispielsweise Das Fest, einen dänischen Film, in dem es aus Anlass eines Familienfestes um eine vom Sohn vollzogene Aufdeckung des vom Vater während seiner Kindheit begangenen sexuellen Missbrauchs geht.
23.
Der Opferbegriff ist im Kontext des Diskurses um Gewalt generell umstritten. Vgl. Hans-Joachim Lenz (Hrsg.), Männliche Opfererfahrungen. Problemlagen und Hilfeansätze in der Männerberatung, Weinheim 2000, S. 21 - 24.
24.
Vgl. ders., Spirale der Gewalt. Jungen und Männer als Opfer von Gewalt, Berlin 1996.
25.
Die lange Geschichte der Anerkennung der Deserteure aus dem Zweiten Weltkrieg zeigt dies.
26.
Lothar Böhnisch, Männer als Opfer - ein paradigmatischer Versuch, in: H.-J. Lenz (Anm.23), S. 70.
27.
Probleme, die mit dem Geschlecht in Zusammenhang stehen, gelten kulturell weitgehend als Probleme von Frauen. Bevor Geschlechterfragen Männer erreichen können, delegieren viele Männer diese an Frauen.
28.
Vgl. Hans-Joachim Lenz, " ... und wo bleibt die solidarische Kraft für die gedemütigten Geschlechtsgenossen?" Männer als Opfer von Gewalt - Hinführung zu einer (noch) verborgenen Problemstellung, in: ders. (Anm. 23).
29.
Lothar Böhnisch, Die Entgrenzung der Männlichkeit. Verstörungen und Formierungen des Mannseins im gesellschaftlichen Übergang, Opladen 2003, S. 143. Vgl. auch: H.-J. Lenz (Anm. 23), S. 285ff., und ders., Spirale der Gewalt - Jungen und Männer als Opfer von Gewalt, Berlin 1996, S. 176ff.
30.
Vgl. Forschungsgruppe Schulevaluation, Gewalt als soziales Problem in Schulen. Die Dresdner Studie: Untersuchungsergebnisse und Präventionsstrategien, Opladen 1998; Ulrike Popp, Geschlechtersozialisation und schulische Gewalt. Geschlechtstypische Ausdrucksformen und konflikthafte Interaktionen von Schülerinnen und Schülern, Weinheim 2002.
31.
Die Untersuchungsdimension und die Untersuchungskategorien sind durch die Analyse von Fällen, in denen bestehende gesetzliche Regelungen übertreten wurden, bestimmt und dadurch letztlich eingeengt.
32.
Vgl. Hans-Joachim Lenz, Die Verletzungen von Männern und die Maske der Scham, in: ders./Christoph Meier (Hrsg.), Männliche Opfererfahrungen. Dokumentation einer Tagung der Evangelischen Akademie Tutzing vom 1. bis 3. März 2003. Reihe Tutzinger Materialien Nr. 88, Tutzing 2002.
33.
Gerd Ferdinand Kirchhoff, Hilflose Opfer? Männer aus viktimologischer Sicht, in: Heinrich-Böll-Stiftung (Hrsg.), Mann oder Opfer? Dokumentation einer Tagung der Heinrich-Böll-Stiftung mit dem "Forum Männer in Theorie und Praxis der Geschlechterverhältnisse", Schriften zur Geschlechterdemokratie Nr.4., Berlin, September 2002, S. 52.
34.
Ebd., S. 38.
35.
Vgl. Hans-Joachim Lenz, Männliche Opfer - über eine vorsätzliche Wahrnehmungslücke in der viktimologisch-kriminologischen Forschung, in: Julia Bettermann/Moetje Feenders (Hrsg.), Stalking - Möglichkeiten und Grenzen der Intervention, Frankfurt/M. 2004, S. 277ff.
36.
Neuerdings beginnt die Mainstream-Kriminologie damit, sich der Konstruktion von Gewalt und Geschlecht zuzuwenden und ihre lange Zurückhaltung vor einer differenzierten Perspektive auf Männer aufzugeben (als Reflex auf den Streit um häusliche Gewalt?). So bringt Michael Meuser die männliche Opferperspektive in den soziologischen Gewaltdiskurs über den Zusammenhang von Männlichkeit und Gewalt ein (vgl. Michael Meuser, Gewalt als Modus von Distinktion und Vergemeinschaftung. Zur ordnungsbildenden Funktion männlicher Gewalt, in: S. Lamnek/M. Boatca (Anm. 20).
37.
Gerd Ferdinand Kirchhoff, Hilflose Opfer? Männer aus viktimologischer Sicht, in: Heinrich-Böll-Stiftung (Anm.33), S. 55.
38.
Constanze Engelfried unterscheidet drei problematische Aspekte des vorurteilsvollen feministischen Blicks auf Jungen und Männer: 1. Der Mann als Feindbild; 2. Der Mann als (potenzieller) Täter sexueller Gewalt; 3. Der Mann als illegitimer Partner (vgl. Constance Engelfried, Männlichkeiten. Die Öffnung des feministischen Blicks auf den Mann, Weinheim 1997). Engelfried referiert das von Lerke Gravenhorst Ende der 1980er Jahre formulierte "feministische Dilemma": Männer seien nicht auf patriarchale Verhältnisse zu reduzieren. "Für sie (H.-J. L. Gravenhorst) sind Männer Akteure des Patriarchats, die ebenso nicht-patriarchale Verhaltensweisen zeigten, die sie als begehrenswert und lebensförderlich für Frauen ansieht." (C. Engelfried, S. 33).
39.
Christina Thürmer-Rohr, Veränderungen der feministischen Gewaltdebatte in den letzten 30 Jahren, in: Antje Hilbig/Claudia Kajatin/Ingrid Miethe, Frauen und Gewalt. Interdisziplinäre Untersuchungen zu geschlechtsgebundener Gewalt in Theorie und Praxis, Würzburg 2003.
40.
Christina Thürmer-Rohr unterscheidet fünf Stationen: Frauen als Opfer von Gewaltverhältnissen, Frauen als Mittäterinnen an Gewaltverhältnissen, Deutsche Frauen als Mittäterinnen und Täterinnen im Nationssozialismus, Westliche/weiße Frauen als Täterinnen in der westlichen Moderne, Gewalt des Klassifizierens - Geschlecht als totalitäres Konstrukt.
41.
Christina Thürmer-Rohr, Geschlechterdemokratie, in: Heinrich-Böll-Stiftung (Hrsg.) Geschlechterdemokratie - Vielfalt der Visionen, Visionen der Vielfalt, Berlin 2001, S. 31.
42.
Heinrich-Böll-Stiftung, ebd.
43.
Vgl. http://www.gender-mainstreaming.net/ (27.10.2004).
44.
Vgl. http://www.genderkompetenz.info/ (27.10.2004).
45.
Vgl. Gerhard Amendt, Scheidungsväter, Bremen 2003; Ralf Ruhl, Väter-Opfer bei Trennung und Scheidung?, in: H.-J. Lenz (Anm. 23), S. 149 - 166.
46.
Zuletzt im Zusammenhang mit den jahrelangen Verhandlungen um die Entschädigungszahlungen für Zwangsarbeit. Vgl. H.-J. Lenz (Anm. 23), S. 52 - 55.
47.
Vgl. Jörg Friedrich, Der Brand. Deutschland im Bombenkrieg 1940 - 1945, München 2002.
48.
Vgl. beispielsweise die Fachtagung Mann oder Opfer?, die zusammen mit dem "Forum Männer in Theorie und Praxis der Geschlechterverhältnisse" am 12./13. Oktober 2001 in Berlin stattfand. Siehe: http://www.boell.de/downloads/gd/MannoderOpfer.pdf.
49.
Vgl. die Tagung "Männliche Opfererfahrungen" in Heilsbronn vom 1. bis 3. März 2003. Vgl. H.-J. Lenz/Chr. Meier (Anm.32).
50.
Vgl. Thomas Schlingmann und andere Mitarbeiter, Selbsthilfe - Ein taugliches Konzept für Männer, die als Junge Opfer sexualisierter Gewalt geworden sind? Erfahrungen der Anlaufstelle Tauwetter, Berlin, in: H.-J. Lenz (Anm. 23).
51.
Im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend wurde die Studie erarbeitet durch die Kooperation von Dissens Berlin, GeFoWe Eckenhaid und Soko Bielefeld. Das Forschungsteam bestand aus Ludger Jungnitz, Hans-Joachim Lenz, Ralf Puchert, Henry Puhe und Willi Walter. (GeFoWe = Praxis für Geschlechterforschung, Beratung und Weiterbildung Eckenhaid; Soko = Soku-Institut GmbH - Sozialforschung und Kommunikation Bielefeld.)
52.
Vgl. Forschungsverbund "Gewalt gegen Männer", Gewalt gegen Männer - Personale Gewaltwiderfahrnisse von Männern in Deutschland - Abschlussbericht der Pilotstudie, Berlin 2004. Es sind eine deutsche und englische Kurzfassung und eine deutsche Langfassung abrufbar. Sie können im Internet eingesehen bzw. heruntergeladen werden über: http://www.bmfsfj.de/
53.
Die zugrunde gelegte Definition lautet: "Personale Gewalt ist jede Handlung eines anderen Menschen, die mir Verletzungen zufügt und von der ich annehme, dass sie mich verletzen sollte oder zumindest Verletzungen billigend in Kauf genommen wurden." (Forschungsverbund, ebd., S. 18)
54.
Vgl. Christian Herz, Kein Frieden mit der Wehrpflicht. Entstehungsgeschichte, Auswirkungen und Abschaffung der allgemeinen Wehrpflicht, Münster 2003.
55.
Forschungsverbund 2004 (Anm.52), S.149.
56.
Dies scheint der wesentliche Grund zu sein, warum die Misshandlungen während der Grundausbildung in Coesfeld von den Rekruten widerspruchslos hingenommen worden sind. Zugleich wird der Zusammenhang von Männlichkeit und legalisierter Gewaltausübung kaum reflektiert (vgl. Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 24.11. 2004, S.2).
57.
Sei es als Kriegskind im Bombenhagel, auf der Flucht, als Soldat oder Zivilist.
58.
Vgl. H.-J. Lenz (Anm. 23), S. 167ff. Es gibt inzwischen Beispiele einer weiterführenden Entwicklung, welche die Sprachlosigkeit von Betroffenen zu durchbrechen versuchen. So beginnt die Jugendhilfe die Problemlage von viktimisierten Jungen zu realisieren und mit spezifischen institutionellen Angeboten zu reagieren. Exemplarisch ist hierfür die in Nürnberg eingerichtete Beratungsstelle Paroli, die auf Initiative des Jugendamtes Nürnberg zustande kam (vgl. Claudia Beyer, Jung, männlich, ängstlich. "Paroli" eine Beratungsstelle für Jungen mit Gewalterfahrungen, in: Nürnberger Nachrichten vom 7./8. Februar 2004, S. 24).
59.
Vgl. Chr. Thürmer-Rohr (Anm. 41), S. 35.
60.
Zum Versuch einer integrierenden Perspektive im Kontext des Diskurses um Menschenrechte vgl. Carol Hagemann-White/Hans-Joachim Lenz, Violence against women/violence against men: Comparisons, differences, controversies, in: Renate C.A. Klein/Bernard Wallner (Hrsg.), Gender, conflict, and violence, Wien 2004.