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3.11.2004 | Von:
Peter Döge
Rainer Volz

Männer - weder Paschas noch Nestflüchter

Aspekte der Zeitverwendung von Männern nach den Daten derZeitbudgetstudie 2001/2002 des Statistischen Bundesamtes

Neue bzw. moderne Männer stehen der Übernahme häuslicher Pflegearbeiten und einer damit zusammenhängen Unterbrechung ihrer Erwerbstätigkeit aufgeschlossener gegenüber. Sie verstehen sich als partnerschaftliche und aktive Väter.

Bruchlinien im Männerleben

"Männer sind ihr Beruf, und zu Hause sind sie fremd" - so lautet wohl das vorherrschende Stereotyp über Männer in der Bundesrepublik Deutschland. Zwei zentrale Aspekte hegemonialer Männlichkeitsbilder, wie sie gemeinhin noch immer als verbindlich für Männerleben gelten, spiegeln sich hier wider: der ErwerbsMann und der MachtMann.[1]









Allerdings scheinen solche Männerbilder nicht mehr das dominante Leitbild für alle Männer zu sein. Mehr und mehr werden im Rahmen von Studien der Männerforschung Bruchlinien im Männerleben deutlich. In der Debatte um einen Wandel männlicher Lebensmuster erhielt im vergangenen Jahr die Entdeckung des so genannten "Metrosexuellen" besondere publizistische Aufmerksamkeit. Dieser in Großstädten lebende, gut verdienende und gut ausgebildete Mann habe seine femininen Seiten entdeckt und pflege diese.[2] So finden nur zehn Prozent der befragten Männer Parfüm bei Männern "unmännlich", und mehr als die Hälfte fühlt sich nach dem Gebrauch eines After-Shaves wohl. Auch wenn dies zunächst sehr banal klingt, so sind doch einige Ergebnisse der zugrunde liegenden Studie beachtenswert - nicht zuletzt vor dem Hintergrund, dass die befragten Männer hinsichtlich ihres Profils doch eher in leitenden Positionen tätig sein dürften und damit die Arbeitsbedingungen in Organisationen maßgeblich mitbestimmen. Folglich ist auch die Tatsache bedeutsam, dass fast drei Viertel der Befragten ein Ende geschlechtsspezifisch unterschiedlicher Entlohnung für gleiche Tätigkeiten fordern und gut acht Zehntel der Männer die Frauenbewegung positiv bewerten. Nur gut die Hälfte der befragten Frauen hat diese Antwort von den Männern erwartet. Gehen hier die Ansichten auseinander, findet sich hinsichtlich der Bestimmung der vorwiegenden Eigenschaften der "metrosexuellen" Männer eine große Übereinstimmung zwischen den befragten Frauen und Männern: Jeweils drei Viertel sieht als vorrangige Eigenschaft Fürsorglichkeit ("caring"). Bei der Frage der Kinderbetreuung erweisen sich die "Metrosexuellen" jedoch als traditionell: 43 Prozent dieser Männer sind der Ansicht, dass die Berufstätigkeit von Frauen mit Kindern unter fünf Jahren die Ausnahme sein sollte, und für nur 47 Prozent der "Metrosexuellen" ist eine familienorientierte Arbeitsplatzgestaltung von Relevanz, während fast drei Viertel der Frauen dies wünschen.

Hier scheint der "neue" oder "moderne Mann", wie ihn Männerstudien in Deutschland und Österreich identifiziert haben, wohl einen Schritt weiter zu gehen.[3] Die jüngst erschienene österreichische Männerstudie zeigt, dass sich der Anteil moderner Männer in Österreich in den letzten zehn Jahren sogar von 14 Prozent auf 23 Prozent erhöht habe.[4] In Deutschland lag deren Anteil 1998 bei 20 Prozent.[5] Neue bzw. moderne Männer zeichnen sich unter anderem dadurch aus, dass sie nicht mehr so ausschließlich berufsorientiert sind wie traditionelle Männer; der Übernahme häuslicher Pflegearbeiten und einer damit zusammenhängenden Unterbrechung ihrer Erwerbstätigkeitaufgeschlossen gegenüber stehen; sich als partnerschaftlich wahrnehmen und dass sie aktive Väter sind.

Ein Nachteil der beiden angeführten und einer Vielzahl der bisher vorliegenden Studien zum Wandel des Männerlebens besteht darin, dass überwiegend Einstellungen abgefragt werden und so die Möglichkeit bei den Befragten besteht, ihre Antworten "zu schönen". Hier geht unsere Analyse der Zeitverwendung von Männern auf der Basis der Daten der Zeitbudgetstudie des Statistischen Bundesamtes methodisch einen Schritt weiter: Auf der Grundlage einer bisher in der bundesdeutschen Männerforschung noch nicht da gewesenen Stichprobengröße werden konkrete Handlungssequenzen analysiert.[6] Somit kann ein großer Schritt getan werden in Richtung der Beantwortung der Frage nach Umfang und Tiefe der vermeintlichen Bruchlinien im Männerleben. Von besonderer Relevanz ist dabei, wie Beruf undFamilie auf der einen und die Ausgestaltung von Freizeit auf der anderen Seite ausbalanciert werden: Sind Männer nach wie vor fremd in der Familie, und sind sie in ihrer Freizeit die "autistischen Angler" oder Betreiber von Risikosportarten?


Fußnoten

1.
Vgl. Peter Döge, Geschlechterdemokratie als Männlichkeitskritik. Männerforschung, Männerpolitik und der "neue Mann", in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 31 - 32/2000, S. 18 - 23.
2.
Vgl. Euro RSC Worldwide, Prosumer Pulse. The Future of Men: USA, New York 2003.
3.
Vgl. Rainer Volz/Paul M. Zulehner, Männer im Aufbruch. Wie Deutschlands Männer sich selbst und wie Frauen sie sehen. Ein Forschungsbericht, hrsg. von der Männerarbeit der Evangelischen Kirche in Deutschland sowie der Gemeinschaft der Katholischen Männer Deutschlands, Ostfildern 1998; Paul M. Zulehner (Hrsg.), MannsBilder. Ein Jahrzehnt Männerentwicklung. Im Auftrag des Bundesministeriums für soziale Sicherheit, Generationen und Konsumentenschutz, Ostfildern 2003. Anmerkung der Redaktion: Siehe auch den Beitrag von Paul M. Zulehner in dieser Ausgabe.
4.
Vgl. P. M. Zulehner (Anm. 3), S. 23.
5.
Vgl. R. Volz/P. M. Zulehner (Anm. 3), S. 51.
6.
Um der Frage nachzugehen, womit die Bürgerinnen und Bürger täglich ihre Zeit verbringen, wird alle zehn Jahre vom Statistischen Bundesamt deren Zeitverwendung erfasst - so zuletzt in den Jahren 2001 und 2002. Dazu wurden in mehr als 5 400 Haushalten von über 12 600 Personen ab dem zehnten Lebensjahr an jeweils drei Wochentagen jede Tätigkeit und ihr Umfang akribisch notiert, so dass auf diese Weise 37 800 Tagebücher zusammengekommen sind. Eine erste Auswertung der Zeitbudgeterhebung (ZBE) haben wir vorgelegt unter dem Titel: "Was machen Männer mit ihrer Zeit? Zeitverwendung bundesdeutscher Männer nach den Ergebnissen der Zeitbudgeterhebung (ZBE) 2001/2002", in: Statistisches Bundesamt, (Hrsg.), Alltag in Deutschland. Analysen zur Zeitverwendung; Schriftenreihe "Forum der Bundesstatistik", Band 43, Stuttgart 2004.Wir danken Thomas Weißbrodt, Universität Köln, für engagierte statistische Datenaufbereitung und methodische Impulse im Blick auf multivariative Auswertungen.