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26.10.2004 | Von:
Jan Wehrheim

Städte im Blickpunkt Innerer Sicherheit

Ambivalente Urbanität

Größe, Dichte und Heterogenität konstituieren eine Großstadt. Sie bringen untrennbar positive und negative Seiten hervor, die gleichzeitig anziehend und abstoßend, produktiv und verängstigend wirken. Die meist negativ konnotierten Begriffe Anonymität und Abweichung charakterisieren diese Ambivalenz von Urbanität am besten: Die Großstadt befreit aus den rigiden informellen Kontrollen dörflicher Nachbarschaft. Man ist unbekannt und bleibt dies auch überwiegend, wenn man sich durch die Stadt bewegt. Die Anonymität der Großstadt ist die Voraussetzung für die Freiheit zur Abweichung. Anonymität und schwächere Kontrollen erlauben es beispielsweise, sich ausgefallener zu kleiden oder für randständige politische Positionen zu engagieren. Sie erlauben es, wenig reputierliche Orte aufsuchen zu können, seien es soziale Beratungsstellen oder Sexshops, ohne befürchten zu müssen, dass am nächsten Tag alle Welt dem Klatsch frönt. Die Großstadt ermöglicht deviantes Verhalten, ohne dass man per se Sanktionen oder Stigmatisierung fürchten muss - dies macht ihren besonderen Charakter aus.

Damit sind zugleich die Schattenseiten der Urbanität angesprochen: "Nichts ist unerträglicher als die als Promiskuität empfundene physische Nähe sozial fernstehender Personen."[1] Die Koexistenz unterschiedlicher Individuen und heterogener sozialer und kultureller Gruppen und damit die Koexistenz unterschiedlicher Normen verlangen Anpassungsleistungen von den Individuen und permanente Aushandlungsprozesse darüber, was tolerabel ist und wo die Abweichung des einen die Individualität des anderen einschränkt oder gar gefährdet. Die Individuen müssen positive Toleranz erlernen oder aber sich mental von ihrer Umwelt abschotten, um nicht von der Vielfalt der Reize überfordert zu werden, denn "Urbanität ist nichts als die überlegende Unfähigkeit, sich über die schlechten Manieren des anderen zu ärgern"[2]. Diese beiden Integrationsmechanismen prägen die urbane Ordnung.

Die Großstadt zeichnet sich aber nicht nur durch individuelle Freiheiten aus, sie ist auch Ort sozialen Wandels. Sie macht den Kontakt mit Fremden wahrscheinlich, und es ist dieser Fremde, der "objektive" Beobachter, der eingefahrene Normen, Institutionen und Rituale hinterfragen und Wandel initiieren kann. Konkurrierende Normen, Abweichungen vom Durchschnitt, Hinterfragen des Status quo, Krise statt Routine, Vielfalt statt Homogenität sind grundlegende Bestandteile von Veränderungen und von zivilisatorischem Fortschritt.

Im Folgenden sollen zunächst verschiedene Entwicklungen auf dem Feld der Inneren Sicherheit nachgezeichnet werden, mit denen in die urbane Ordnung interveniert wird, um anschließend auf deren Hintergründe und Folgen einzugehen.


Fußnoten

1.
Pierre Bourdieu, Ortseffekte, in: Albrecht Göschel/Volker Kirchberg (Hrsg.), Kultur in der Stadt, Opladen 1998, S. 24.
2.
So Stendhal (1783 - 1842), zit. nach Walter Siebel, Wesen und Zukunft der europäischen Stadt, in: DISP, 141 (2000) 2, S. 28 - 34, hier: S. 32.