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Terrorismus und die Verteidigung des Zivilen


26.10.2004
Die Zivilgesellschaft wird nicht vom Terror bedroht, sondern von der Einschränkung jener Rechte, die sie begründet. Verteidigung des Zivilen kann nur heißen, eben die Freiheit zu leben, die der Terrorismus hinwegbomben will.

Einleitung



Was das "Alte Europa" von Anbeginn argwöhnte, bestätigen nun nicht nur der Geheimdienstausschuss des Kongresses der Vereinigten Staaten von Amerika und der Abschlussbericht der UN-Waffeninspekteure, sondern auch die CIA: Massenvernichtungswaffen konnten im Irak nicht gefunden werden. Die seinerzeit präsentierten "Quellen" erwiesen sich als Täuschungen.[1]




Wäre dieser "Ring der Vernebelungen" nur ein Politthriller[2] gewesen, könnte man mit den Schultern zucken. Dabei wünschte man sich, dass es beim globalen "War on Terror" wirklich darum ginge, wofür gekämpft und gestorben wird: um die Verteidigung des Zivilen, um Demokratie und Menschenrechte, um Freiheit und Wohlstand, kurz, um eine friedlichere, bessere Welt, wenigstens eine ohne Terror. Die Reaktionen auf den 11. September 2001 haben die Erreichbarkeit dieses Ziels suggeriert: Die Anschläge mobilisierten die Amerikaner vor allem moralisch, vergleichbar nur ihrer Mobilisierung durch Pearl Harbor 1941. Wieder sollte ein Krieg von Terror befreien, von Regimen, die mit Füßen treten, was der Nation von 1787 heilig ist und seitdem Modell steht für die westliche Zivilisation.

Doch Osama Bin Laden und Al-Qaida existieren fort, auch wenn Afghanistans Berge von modernsten Ortungswaffen durchlöchert sind. Die Taliban wurden aus Kabul verjagt - zugunsten ihrer Vorgänger, die sich mit westlichen Hilfen wieder bewaffnen, um alsbald jenen Staat beseitigen zu können, der nicht der ihre ist, sondern den der Westen zu seiner eigenen Beruhigung als demokratische Staatenbildung inszeniert, samt einer Wahl, bei der das Wahlvolk kaum weiß, was Wählen bedeutet.

Mit dem Irak verfuhr die westliche Zivilisation in umgekehrter Weise. Statt "nation building" wurde ein für vormoderne Verhältnisse erstaunlich gut funktionierender Staat in die Wüste gebombt, aus Gründen, die nicht stichhaltig waren, und ohne Aussicht auf Erbauliches. Die für den Wiederaufbau vorgesehenen Gelder werden von der allgemeinen nationalen Destruktion verschlungen, in die sich das Gegeneinander von Interessen, Ethnien und Mörderbanden aufgelöst hat. Saudi-Arabien dagegen, dessen ultrafundamentale Eiferer von Wahabiten und Salafiten den internationalen Terrorismus nachweislich finanzieren, ist, im Gegensatz zum Irak Saddam Husseins, als Verbündeter nicht in Ungnade gefallen. Auf der nach unten offenen Skala der Menschenrechtsverletzungen gilt kein Maß mehr, seit die Befreier, wenn es opportun ist, ähnlich zu wüten scheinen wie die Despoten, derer sie sich entledigen wollten.

Dabei entstammt doch die Moral der westlichen Zivilisation ausgerechnet dem Kampf gegen Despotie und Willkür, samt ihrem vornehmsten Grundsatz: der Gleichheit aller vor Gesetz und Recht. Was ist passiert, dass diese Zivilisation ihre wertvollsten Erbschaften, vom Westfälischen Frieden über die Menschenrechte bis zur Charta der Vereinten Nationen, preiszugeben droht aufgrund des Handelns einer unheiligen Allianz aus Gedankenlosen, die an gar nichts mehr glauben, und fanatisch Glaubenden, die zu wenig denken? Muss man den unvermeidbaren Fall großer Mächte, gar den Untergang des Abendlandes befürchten?[3]



Fußnoten

1.
Die obskure Rolle Achmed Chalabis für die amerikanische Irak-Politik ohne Beteiligung von Irakern ist vielfach kritisiert worden: vgl. David L. Phillips, Pentagon's postwar fiasco coming full-circle?, in: The Christian Science Monitor vom 24.5. 2004 (www.csmonitor.com/2004/0524/p09s02-coop.html), sowie Seymor Hersh, Selective Intelligence, in: The New Yorker vom 19.9. 2004 (www.newyorker.com/fact/content/?030512fa_fact).
2.
Vgl. Bob Woodward, Der Angriff, München 2004.
3.
Vgl. Paul Kennedy, Aufstieg und Fall der großen Mächte. Ökonomischer Wandel und militärischer Konflikt von 1500 bis 2000, Hamburg 1989, und Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes. Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte, München 1963 (Orig. 2 Bde., 1918 - 1922).