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29.9.2004 | Von:
Thomas Ahbe

Die Konstruktion der Ostdeutschen

Diskursive Spannungen, Stereotype und Identitäten seit 1989

15 Jahre nach dem Beginn vom Ende der DDR sind die Stereotypen von den Eigenarten der Ostdeutschen noch immer aktuell. Fast scheint es, als ginge von der wegdemonstrierten Diktatur nach wie vor eine Gefahr aus.

Einleitung

Mit der Maueröffnung am 9. November 1989 begann in der Beziehungsgeschichte der Deutschen aus der Bundesrepublik bzw. West-Berlin und denen aus der DDR ein neues und recht dynamisches Kapitel. Zu seiner Vorgeschichte gehörte nicht nur der während der Leipziger September-Proteste von 1989 intonierte Sprechchor "Wir wollen raus!", sondern auch der Ruf "Wir wollen rein!", mit dem im Dezember 1989 die Einwohner aus den bayerischen Nachbardörfern an dem für sie immer noch unpassierbaren Grenzzaun nahe des westthüringischen Grenzdörfchens Ketten rüttelten. In diesen Monaten war man neugierig aufeinander, relativ offen, und viele waren gerührt.




Bald wurden die Westdeutschen mit jenem Etikett belegt, das man in West-Berlin bis dahin den aus dem Bundesgebiet Zugezogenen gegeben hatte: "Wessis". Die Ostdeutschen wurden entsprechend "Ossis" genannt. Die im offiziellen Sprachgebrauch genutzte Bezeichnung, welche die Bürgerinnen und Bürgern "aus den alten Bundesländern" von jenen "aus den neuen Bundesländern" unterschied, fand in der Alltagssprache nicht nur wegen ihrer politisch-korrekten Umständlichkeit kaum Eingang, sondern wohl auch, weil viele Menschen aus den "alten Ländern" in den Ostdeutschen die "alten", weniger modernisierten Deutschen sahen, während man selbst sich eher "neu" und modern fühlte. Zudem sprach für die Wessi-Ossi-Entgegensetzung, dass sie terminologisch auf die Wurzeln der Differenzen zwischen den beiden Bevölkerungsteilen verwies. Beide waren zwar mental "von einem Stamme", repräsentierten letztlich jedoch unterschiedliche Varianten des Deutschseins im 20. Jahrhundert: die Menschen in den alten Bundesländern die - im Sinne der Nachkriegssystematik - westliche Variante und die ehemaligen DDR-Bürger die östliche.

Bei der Thematisierung der Wessi-Ossi-Friktionen, die man in den letzten 15 Jahren verfolgen konnte, ging es häufig nicht nur um den Unterschied zwischen West- und Ostdeutschen. Vielfach waren die Spannungen durch andere Konflikte verstärkt oder überhaupt verursacht - etwa durch kulturelle Konflikte zwischen verschiedenen Milieus, durch Generationskonflikte oder durch Hierarchie- und Ausbeutungsverhältnisse, durch den Abstand von Wohlhabenden und weniger Besitzenden und schließlich durch politische und ideologische Konflikte. Gerne und bis heute anhaltend werden diese Spannungen oder Konfliktlinien mit dem Etikett "West-Ost-Unterschiede" - also der, wie es in der Sprache der Politiker heißt, noch "unvollendeten inneren Einheit" - belegt.

Wenn die West-Ost-Friktionen der neunziger Jahre thematisiert werden, hört man - zumindest im Osten - rasch das Stereotyp vom "Besserwessi" und allerlei schlimme Beispiele von seinem Wirken. Diese sollen hier nicht angezweifelt werden.[1] Vielmehr soll zunächst in Erinnerung gerufen werden, welche Botschaft "die Ostdeutschen" in den Jahren 1989/90 an "die Westdeutschen" sandten und welche Haltung sich mit einer gewissen Berechtigung die (Besser-)Wessis von den Ossis erhoffen konnten. Schließlich waren es doch die Ostdeutschen, die 1989 zu Tausenden in den Westen geflohen waren, die in den beiden Parlamentswahlen 1990 das konservative Parteienbündnis für den schnellen Beitritt und die Währungsunion wählten - und nicht die west-ostdeutsche SPD oder die PDS, die autonome Demokratisierung und wirtschaftliche Sanierung der DDR im Rahmen einer Konföderation und schließlich eine gleichberechtigte und durch eine west-ostdeutsche Volksabstimmung legitimierte Vereinigung vorschlugen. Konnte man, als nun dieses von einer großen Mehrheit der Ostdeutschen gewählte Szenario der Übernahme des westdeutschen Modells exerziert wurde, von jenen nicht erwarten, dass sie dankbar und kritiklos das westdeutsche System, die Schulung durch seine Aufbauhelfer mitsamt deren Lebensweisheiten und Geschmacksvorstellungen übernehmen würden? Man sollte den Westdeutschen, die den Osten zu verstehen suchten oder dort auf die eine oder andere Art agierten, die Berechtigung für diese Erwartungshaltung nicht absprechen.

Bald zeigte sich jedoch, dass die Interaktion zwischen West- und Ostdeutschen dieser Erwartungshaltung nicht entsprach und stattdessen von großen Spannungen begleitet war. Um die Ursachen dieser Spannungen zu erklären, sollten, bevor von Identität, dem viel zitierten gelebten Leben und von entwerteten Biographien gesprochen wird, vor allem die typischen sozialen Rollen, in denen Westdeutsche und Ostdeutsche in den neunziger Jahren interagierten, analysiert werden. Die Situation war notwendigerweise asymmetrisch. Die Spitzen- und die Leihbeamten auf der mittleren Ebene, die entscheidenden Personen in der Treuhandanstalt, die Liquidatoren, Sanierer, Privatisierer, Investoren und Kapitaleigner, Chefs in Produktion, Handel und Versicherung, die Instrukteure, Ausbilder und Evaluatoren, die Immobilienbesitzer und Vermieter waren meist Westdeutsche - und die Verwalteten, die Lohnabhängigen, die Empfänger von Weisungen, die Entlassenen, die Angeleiteten und Evaluierten, die auf jeder Ebene Lernenden, die Mieter und Besitzlosen waren die Einheimischen, die Ostdeutschen.[2]

Obwohl das Projekt "Aufbau Ost" riesige Steuermittel verschlang (und verschlingt) und die Ergebnisse der Privatisierungen im Osten aus der Sicht der öffentlichen Hand als "Verlust" zu sehen war, erbrachten diese Investitionen in den Augen der Westdeutschen und im Vergleich zu ihren eigenen Aufbauerfolgen keinen wirtschaftlichen Aufschwung, wenig Zufriedenheit, Zuversicht, sozialen Frieden und Legitimitätsgewinn für das neue System. Es stellte sich die Frage, ob die "Brüder und Schwestern" doch nur entferntere Verwandte seien und ob die Effekte von vier Jahrzehnten DDR-Sozialisation eventuell unterschätzt wurden.


Fußnoten

1.
Die ostdeutschen Gegendiskurse zu den westdeutschen Ost-Diskursen werden hier nicht thematisiert. Vgl. Thomas Ahbe, Ostalgie und die Lücke in der gesellschaftlichen Produktion von Erinnerungen, in: Hochschule Ost, 10 (2001) 1 - 2, S. 143 - 156; ders., Arbeit am kollektiven Gedächtnis. Die Fernseh-Shows zur DDR als Effekt der vergangenheitspolitischen Diskurse seit 1990, in: Deutschland Archiv, 36 (2003) 6, S. 917 - 924.
2.
Die durch die Privatisierungspolitik seit 1990 zunehmende Polarisierung bei Besitz, Vermögen und Kapital illustrieren beispielsweise Angaben über das Grundvermögen. Im Jahr 1993 entsprach das Grundvermögen der Ostdeutschen 6 % desjenigen der Westdeutschen; vgl. Ulrich Busch, Vermögensdifferenzierung und Disparität der Lebensverhältnisse im vereinigten Deutschland, in: Berliner Debatte Initial, (1996) 5, S. 103 - 119. Nach einer Übersicht des DIW betrug die Ost-West-Relation beim Geldvermögen 32 : 100, beim Haus- und Grundbesitz 37 : 100 und beim Gebrauchsvermögen 71 : 100, vgl. Leipziger Volkszeitung vom 29.7.1999, S. 1.