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29.9.2004 | Von:
Thomas Ahbe

Die Konstruktion der Ostdeutschen

Diskursive Spannungen, Stereotype und Identitäten seit 1989

Effekte der DDR-Sozialisation

Die Wissenschaften haben der Erforschung von Vergangenheit und Gegenwart der Ostdeutschen große Aufmerksamkeit geschenkt, etwa durch den Förderschwerpunkt der Deutschen Forschungsgemeinschaft "Sozialer und Politischer Wandel im Zuge der Integration der DDR-Gesellschaft" oder durch die Installation der Kommission zur Erforschung des sozialen und politischen Wandels in den neuen Bundesländern (KSPW). Inzwischen kann gesagt werden, dass die Ostdeutschen im Prozess der Transformation erschöpfend beschrieben worden sind.[3] Das gilt auch für die bis heute erkennbare Spezifik der sozialisatorischen Muster, der Wert- und Sinnvorstellungen der ostdeutschen Bevölkerung. Sie ist eher unspektakulär.

In empirischer Sicht unterscheiden sich Ost- und Westdeutsche bei weitem nicht so sehr voneinander, wie man es angesichts der Klischees, die den medialen Diskurs beherrschen, erwarten könnte. Das zeigt sich, wenn ein auf der Basis der speyerischen Wertetypen vorgenommener Vergleich vorgenommen wird. Mit diesem Zugriff wird rekonstruiert, wie sich die Verteilung von Personen auf die fünf definierten Wertetypen in verschiedenen Gesellschaften zu unterschiedlichen Zeiten darstellt.[4] Der Befund für das Jahr 1990 zeigt, dass auf der grundsätzlichen Ebene die Verteilung der Wertetypen in Ost- der in Westdeutschland ganz ähnlich ist. Der Wertewandel als internationales Phänomen hat also auch "hinter der Mauer" stattgefunden - freilich mit DDR-typischen Besonderheiten. Damals erwies sich, dass die Ostdeutschen etwas konventioneller als die Westdeutschen sind. Zudem sind sie viel öfter materialistisch-hedonistisch und viel seltener nonkonform-idealistisch orientiert als die Westdeutschen und schließlich viel seltener perspektivlos-resigniert. Die letzten drei Befunde widerspiegeln die Stagnation der DDR auf allerdings hohem sozialstaatlichen Niveau. Schon drei Jahre nach dem Beitritt der Ostdeutschen zur Bundesrepublik änderte sich das Bild: Die Ostdeutschen waren etwas weniger konventionell und weniger materialistisch-hedonistisch orientiert. Die Gruppe der perspektivlos resignierten Ostdeutschen hat sich hingegen verdoppelt, während sich die bei den Ostdeutschen ohnehin größte Gruppe der "aktiven Realisten" noch einmal vergrößert hat. Dieser Wertetyp, der sowohl hedonistische Impulse wie die einer anstrengungsbereiten, gewissermaßen disziplinierten Selbstverwirklichung vereint, gilt als der modernste und zukunftsfähigste Wertetyp.

Obwohl die ostdeutsche Bevölkerung von ihrer Wertestruktur also gut in die Marktwirtschaft "passt" und sich dabei nur wenig von der westdeutschen Bevölkerung unterscheidet, zeigt sie bei den gesellschaftsbezogenen Werten eine ungleich größere Distanz zu den Gegebenheiten. Obwohl nur ein Bruchteil "am liebsten die DDR wieder haben" will[5] und eine wachsende Mehrheit im Nachhinein "die Einführung einer politischen Ordnung nach westlichem Vorbild" für richtig hält,[6] stehen die Ostdeutschen im Detail den politischen und wirtschaftlichen Gegebenheiten des vereinigten Deutschlands distanzierter oder kritischer gegenüber als der westdeutsche Durchschnitt. Eine "gute Meinung" über das westliche Wirtschaftssystem hatten 1990 noch 77 Prozent; im Jahr 1997 war die Gruppe der Befürworter auf 22 Prozent zusammengeschrumpft.[7] Die Frage, "ob die bundesdeutsche Demokratie die beste Staatsform ist", bejahten 1997 nur noch 33 Prozent der Ostdeutschen, der höchste Wert lag in den Jahren 1990 und 1992 bei jeweils 41 Prozent. Die Westdeutschen hingegen halten die bundesdeutsche Demokratie mehrheitlich für "die beste Staatsform". Die Zustimmungsraten schwankten hier zwischen 1990 und 1997 kaum und lagen bei etwa 70 Prozent.[8]

Das Demokratieverständnis der Ostdeutschen schließt neben politischen Rechten auch soziale mit ein, wie der "Sozialreport 2002" belegt. Die Vorstellungen von sozialer Gerechtigkeit sind bei den Ostdeutschen deutlich anders als bei den Westdeutschen. "Bei über 88 % der Ostdeutschen kollidieren die sozialen Unterschiede in der Bundesrepublik mit ihrem Gerechtigkeitsempfinden, während 46 % der Westdeutschen sie im großen und ganzen als gerecht ansehen."[9] Insbesondere schreiben die Ostdeutschen dem (Sozial-)Staat größere Verantwortlichkeiten für soziale Gerechtigkeit und Absicherung der Menschen zu.[10]

Ein Überblick über die Besonderheiten ostdeutscher Wertvorstellungen kommt nicht ohne den Rekurs auf die These aus, dass die hohe Quote fremdenfeindlicher Gewalttaten in den neuen Bundesländern ein Effekt der spezifischen DDR-Sozialisation sei. Die Relevanz dieser These entspricht allerdings nicht den Ergebnissen der empirischen Werteforschung, sondern ihrer Funktion in den politischen und ideologischen Deutungskämpfen um den Status der DDR und der Bundesrepublik. Untersuchungen der Werteforschung konnten die kurzschlüssige Folgerung, dass die autoritären Herrschaftsformen in der DDR autoritäre Persönlichkeiten hervorgebracht hätten, nicht bestätigen.[11] Auch manche Spekulation über eine typisch ostdeutsche Indifferenz gegenüber dem Nationalsozialismus wurden empirisch eindeutig widerlegt; im West-Ost-Vergleich zeigte sich eher das Gegenteil.[12]

Walter Friedrich überprüfte die Spekulation von der strukturellen Produktion fremdenfeindlicher und rechtsextremistischer Einstellungen in der DDR anhand von Daten aus den sechziger bis neunziger Jahren. Wenn der unterstellte Zusammenhang zwischen DDR-Sozialisation und der Ausbildung rechtsextremistischer und ausländerfeindlicher Einstellungen tatsächlich bestünde, so folgerte Friedrich, müssten sich anhand der Daten vier Arbeitshypothesen verifizieren lassen: Erstens müssten diese Einstellungen in der Hoch- und Stabilitätsphase der DDR stärker ausgeprägt gewesen sein als in der Niedergangs- und Instabilitätsphase. Zweitens müssten ältere und mittlere Jahrgänge, die der DDR-Sozialisation länger ausgesetzt waren, stärker rechtsextremistische und ausländerfeindliche Einstellungen zeigen als jüngere. Drittens müsste die Identifikation mit System und Ideologie der DDR mit der Ausprägung der genannten rechtsextremistischen und ausländerfeindlichen Einstellungen korrelieren. Viertens müssten Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus nach dem Verschwinden der DDR kontinuierlich zurückgehen. Alle vier Arbeitshypothesen wurden falsifiziert.[13]

Ein deutlicher Unterschied zu den Westdeutschen zeigt sich in der "subjektiven Schichteinstufung" der Ostdeutschen. Dabei wird ermittelt, zu welchen Anteilen sich die Bevölkerung eines Territoriums welchen sozialen Schichten zurechnet. Erfasst werden subjektive Zurechnungen, nicht objektive Daten über die Sozialstruktur einer Bevölkerung. Im Jahr 1992/93 ordnete sich eine deutliche Mehrheit der Ostdeutschen (61 Prozent) der Unter- und Arbeiterschicht und eine Minderheit (37 Prozent) der Mittelschicht zu. Zur Oberschicht zählten sich zwei Prozent. Bei den Westdeutschen ist das ganz anders: Die Mehrheit (57 Prozent) ordnete sich der Mittelschicht zu, nur 29 Prozent der Unter- und Arbeiterschicht. 14 Prozent sahen sich der Oberschicht zugehörig. Zehn Jahre später, im Jahr 2002, sah die Verteilung immer noch so aus.[14] Interessant ist, dass die Sozialstruktur in den alten und neuen Ländern nicht so differiert, wie es die Erhebung der subjektiven Schichteinstufung suggeriert. In einem Modell über die reale Schichtung der westdeutschen Bevölkerung kommt Rainer Geißler zu dem Ergebnis, dass schon die westdeutschen Randschichten, die un- und angelernten Arbeiter, die ausführende Dienstleistungsschicht und die Facharbeiter, etwa 48 Prozent der Bevölkerung ausmachen, wobei die 12 Prozent "Arbeiterelite" noch nicht eingerechnet waren.[15] Bei den subjektiven Zurechnungen der Westdeutschen definiert sich die Mehrheit jedoch als zur Mitte gehörig. Ganz anders der Osten. Hier bietet sich, wenn es um die subjektiven Zurechnungen zur Mittelschicht oder zur Unter- und Arbeiterschicht geht, ein geradezu spiegelverkehrtes Bild: Die große Mehrheit rechnet sich im Osten den Arbeiterschichten zu.

Natürlich liegen die Ursachen hierfür nicht in der Sozialstruktur; die ist in Ost und West annähernd ähnlich. Die Ergebnisse widerspiegeln vor allem die gültigen Wertvorstellungen der beiden Teilgesellschaften. Die west- wie die ostdeutsche Bevölkerung ordnet sich mehrheitlich jenen gesellschaftlichen Schichten zu, die in ihren Gesellschaften als maßgeblich, als stilbildend gelten und durch die dominierenden Diskurse als "ehrbare Stützen" der Gesellschaft ausgegeben wurden. In den Einordnungen der Ostdeutschen spiegelt sich sowohl dasdurch die Offizialdiskurse erzeugte Prestige der "Arbeiterklasse" und die ihr zugeschriebenen Werte und Lebensformen wie auch die faktische alltagskulturelle Dominanz und Maßgeblichkeit der Lebensformen und Wertvorstellungen der kleinbürgerlich-materialistischen Milieus in der DDR wider. Im Zusammenfließen des herrschenden Mythos von der Arbeiterklasse mit der alltagskulturellen Dominanz der proletarisch bis kleinbürgerlich-materialistischen Kultur bildete sich in Ostdeutschland eine, wie es Wolfgang Engler formulierte, "arbeiterliche" Gesellschaft heraus: "Die Ostdeutschen lebten in einer Gesellschaft, in der die Arbeiterschaft sozial und kulturell dominierte und die anderen Teilgruppen mehr oder weniger 'verarbeiterlichten'. Es wäre eine Absurdität zu behaupten, die ostdeutschen Arbeiter hätten die politische Herrschaft ausgeübt. Aber das soziale Zepter hielten sie in der Hand. Anschauungen, Meinungen, Konventionen, Kleidungs- und Konsumgewohnheiten und nicht zuletzt die Alltagssitten richteten sich nach den Normen und Idealen der arbeitenden Klassen. (...) Gemessen (...) am Aristokraten wie am Bürger, erschien der arbeiterliche Mensch als wahres Glückskind der Geschichte. Er mußte nichts sein, um etwas zu werden, nichts werden, um etwas zu sein, denn alles, was er sein und werden konnte, war er bereits: ein anerkanntes Mitglied des Gemeinwesens. Er war ökonomisch unabhängig, existentiell von vornherein gesichert und wußte vom Kampf um soziale Anerkennung nur vom Hörensagen."[16]

Die Rede von alltagskulturellen Dominanzwechseln in Gesellschaften wird gerade durch die Beschreibungen der Gegner und Verlierer der neuen Entwicklungen beglaubigt. Im Falle der DDR waren das vor allem bürgerlich orientierte Personen oder Gruppen, deren symbolisches und kulturelles Kapital in der "arbeiterlichen Gesellschaft" rapide an Kurs verlor. Eine entsprechende Beschreibung auf Basis dieser Verlusterfahrung liest sich so: "Sittenzerfall - Der ganze bürgerliche Plunder, über Bord mit ihm. Knicks und Verbeugung der Kinder: ein Zeichen der Verkrüppelung. Aufstehen vor Älteren, Vorgesetzten: ein Überrest des Untertanengeistes. Wir alle sind 'per Du', denn wir sind alle in der Gewerkschaft. Bei Tisch benehmen wir uns, wie es in einer Proletarierküche üblich ist. Mit Schürze und Hausschuhen auf die Straße, mit dem Blaumann ins Gasthaus, die Arbeitskleidung ist ein Ehrenkleid. Bunte Perlonschürzen überfluten Fabriken, Läden, Ambulatorien und Kontore. Bald bemerkt niemand mehr, wie häßlich sie sind. (...) Zur neuen Art des Zusammenlebens gehört, daß man anders miteinander redet als früher. Man spricht deftig, grob und geradezu, nennt das offen und ehrlich."[17]

Diese spezifischen Verhältnisse in der DDR, die Aufwertung der Arbeiter- und Volksschichten in den Offizialdiskursen, in den Diskursen der Wissenschaft und Bildung, haben offensichtlich sozialisatorische Langzeitwirkung. Denn obwohl heute das Prestige der Arbeiterschichten viel geringer ist, hat sich die subjektive Zuordnung der Ostdeutschen auch in den neunziger Jahren nicht an die westdeutsche Normalverteilung angeglichen. Die "alten Werte" sind insofern subjektiv noch etwas wert. Das kann man als ein Stück DDR im Alltag ihrer ehemaligen Bevölkerung deuten.


Fußnoten

3.
Ein Überblick und eine Bewertung zu den KSPW-Berichten findet sich in: Berliner Journal für Soziologie, (1997) 4, S. 609 - 618 und 619 - 630; ein weiterer Rückblick bei Raj Kollmorgen, Die Transformation Ostdeutschlands. Berichte zum sozialen und politischen Wandel in den neuen Bundesländern, Opladen 2001. Vgl. auch Thomas Bulmahn, Vereinigungsbilanzen. Die Deutsche Einheit im Spiegel der Sozialwissenschaften, Berlin (WZB) 1996.
4.
Vgl. Thomas Gensicke, Die neuen Bundesbürger. Eine Transformation ohne Integration, Opladen 1998, S. 89.
5.
Im Jahr 2002 sind das 10 Prozent der Ostdeutschen; vgl. Gunnar Winkler (Hrsg.), Sozialreport 2002. Daten und Fakten zur sozialen Lage in den neuen Bundesländern, Berlin 2003, S. 54.
6.
1995 waren das 77 %, vgl. T. Gensicke (Anm. 4), S. 186.
7.
Vgl. ebd., S. 186.
8.
Vgl. ebd., S. 187.
9.
Jürgen Hofmann, Ostdeutsches Wir-Bewußtsein: Altlast oder Transformationseffekt?, in: Heiner Timmermann (Hrsg.), Die DDR - Politik und Ideologie als Instrument, Berlin 1999, S. 169 - 203, hier: S. 160.
10.
Vgl. Markus Gangl, Ansprüche an den Wohlfahrtsstaat in den alten und neuen Ländern, in: Walter Müller (Hrsg.), Soziale Ungleichheit. Neue Befunde zu Strukturen, Bewußtsein und Politik, Opladen 1999, S. 169 - 203.
11.
Vgl. Hendrik Berth/Wolf Wagner/Oliver Decker/Elmar Brähler, Und Propaganda wirkt doch! ... ? Eine empirische Untersuchung zu Autoritarismus in Deutschland und zur Überprüfung von Theorien über die Entstehung von Einstellungsunterschieden zwischen Ost- und Westdeutschen, in: Hendrik Berth/Elmar Brähler (Hrsg.), Deutsch-deutsche Vergleiche. Psychologische Untersuchungen 10 Jahre nach dem Mauerfall, Berlin 1999, S. 141 - 159; Wolf Wagner, Kulturschock Deutschland, Hamburg 1996; ders., Kulturschock Deutschland. Der zweite Blick, Hamburg 1999, S. 111 - 116.
12.
Vgl. W. Wagner, Kulturschock 1999 (ebd.), S. 116ff.
13.
Vgl. Walter Friedrich, Ist der Rechtsextremismus im Osten ein Erziehungsprodukt der autoritären DDR?, in: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), B 46/2001, S. 16 - 23.
14.
Vgl. G. Winkler (Anm.5), S.48; T. Gensicke (Anm.4), S.134 und 148.
15.
Vgl. Rainer Geißler, Die Sozialstruktur Deutschlands, Opladen 1996, S. 86.
16.
Wolfgang Engler, Die Ostdeutschen. Kunde von einem verlorenen Land, Berlin 1999, S. 200, 205f.
17.
Irene Böhme, Jugendbande oder der mißbrauchte Idealismus, in: In Sachen Erich Honecker. Kursbuch 111, Berlin 1993, S. 13 - 23, hier: S. 18f.