Staats- und Regierungschefs gedenken des Endes des Ersten Weltkrieges in Paris, 11.09.2018.

23.11.2018 | Von:
Pierre Gottschlich

Hindu-Nationalismus. Indien auf dem Weg in einen Hindu-Staat?

Der Hindu-Nationalismus in Indien hat eine jahrzehntelange politische Tradition. Lange bevor in Europa und den USA nationalistische und rechtspopulistische Parteien und Politiker ihre gegenwärtige Bedeutung erreichten, stellte die hindu-nationalistische Bharatiya Janata Party (BJP, "Indische Volkspartei") die Regierung in Neu-Delhi. Nach ihrer zwischenzeitlichen Abwahl kehrte sie 2014 unter dem umstrittenen Parteiführer Narendra Modi triumphal an die Macht zurück und schickt sich an, die indische Gesellschaft nachhaltig zu verändern.[1]

Die Ursprünge des modernen Hindu-Nationalismus liegen in der Zeit der britischen Kolonialherrschaft über Südasien. Im 19. Jahrhundert begannen die Briten, hinduistische Traditionen und religiöse Praktiken zu kritisieren. Vor allem christliche Puritaner waren entsetzt über die "Götzenanbetung" und Vielgötterei der Hindus. Sie wiesen verstärkt auf die Missstände des Kastenwesens, auf die problematische Rolle der Frau im Hinduismus und auf die verabscheuenswürdigen Traditionen der Kinderheirat und der Witwenverbrennung (Sati) hin. Manche gebildeten, englischsprachigen Hindus zeigten sich durchaus empfänglich für diese Kritik. Sie reagierten aber nicht mit der von den Briten erwarteten Konvertierung zum Christentum, sondern versuchten, innerhalb ihres eigenen Glaubens Verbesserungen zu bewirken. Im Umfeld religiöser Reformatoren entstanden neo-hinduistische, puristische Erweckungsbewegungen, die versuchten, den Hinduismus von innen heraus zu erneuern. Sie übernahmen die christlichen Kritikpunkte, nicht aber das Christentum.[2] Stattdessen leiteten die Reformkräfte eine vorsichtige Modernisierung des Hinduismus ein. Zugleich legten sie großen Wert auf soziales Engagement, errichteten Kranken- und Waisenhäuser und bemühten sich um eine Verbesserung der Stellung der Frau.

Mit den neo-hinduistischen Reformbewegungen in Indien waren auch Bestrebungen verbunden, eine vermeintlich vormals existierende, glorreiche "arische" Zivilisation wieder aufleben zu lassen, die im Laufe der Jahrhunderte verkümmert sei.[3] Radikale Kräfte innerhalb dieser Strömung wandten sich explizit gegen die britische Kolonialherrschaft. Nach ihrer Diagnose war die Fremdherrschaft durch die Briten und zuvor durch die muslimischen Mogulkaiser nur durch die geistig-kulturelle Degenerierung der Hindus überhaupt möglich geworden. Die Hindus hätten "ihren Glauben verloren" und seien "schwach" geworden. Das Gegenmittel und die "Heilung" für diesen geistigen Verfall sahen sie in einer Wiederentdeckung der eigenen religiös-kulturellen Wurzeln eines aus ihrer Sicht homogenen, auf der vedisch-brahmanischen Tradition beruhenden Hinduismus und in einem gemeinsamen Kampf gegen die Feinde Indiens. Politisch organisierten sich die Vertreter dieser Sichtweise in der 1915 gegründeten "gesamtindischen Hindu-Großversammlung" (Akhil Bharatiya Hindu Mahasabha).

Die "Hindu-Nation"

Der Fortgang dieser Bewegung und die Definition einer nationalen Hindu-Identität wurden besonders stark von Vinayak Damodar Savarkar geprägt, dem vielleicht wichtigsten ideologischen Vordenker des modernen Hindu-Nationalismus. Mit seinem 1923 in Haft entstandenem Buch "Hindutva: Who is a Hindu?" schuf er eine Art Grundsatzprogramm des politischen "Hindutums" (Hindutva), das bis heute Gültigkeit beansprucht.[4] Die Grundlagen der "Hindu-Nation" (Hindu Rashtra) sah Savarkar im Zusammenspiel dreier zentraler Forderungen. Die Hindus sollen ein gemeinsames Land bewohnen, das als geografische Einheit des Gebiets zwischen dem Fluss Indus, der Gebirgskette des Himalaya und dem Indischem Ozean verstanden wird. Sie müssen zudem eine gemeinsame Abstammung, also ein einheitliches "Hindu-Blut", teilen und der "Rasse" der "vedischen Arier" angehören. Schließlich ist eine gemeinsame Kultur, eben jenes "Hindutum", von außerordentlicher Bedeutung, die ausdrücklich mehr ist als die geteilte Religion und auch ein einheitliches Sozialsystem und eine gemeinsame Sprache (Sanskrit beziehungsweise heute Hindi) umfasst.[5] Die "Hindu-Nation" ist demnach dreifach definiert und abgegrenzt: geografisch, ethnisch und religiös-kulturell. Dieser an einem europäischen Nationalitätsverständnis orientierte Hindu-Nationalismus unterscheidet sich stark vom Nationalismus der indischen Unabhängigkeitsbewegung. Insbesondere Mahatma Gandhi weigerte sich, die indische Nation mit einer einzigen Religion oder einer einzigen Sprache gleichzusetzen.[6] Linke Intellektuelle wie Ram Sharan Sharma, die sich ebenfalls als indische Nationalisten verstanden und verstehen, haben der Hindutva-Bewegung folgerichtig die Bezeichnung "Nationalismus" abgesprochen und stattdessen den Begriff "Konservatismus" genutzt.[7]

Mit seinem Werk hatte Savarkar nichtsdestotrotz eine für Hindu-Nationalisten selbstverständliche Wahrheit klar umrissen: "Indien ist das Land der Hindus, die indische Nation ist eine Hindu-Nation, Inder zu sein heißt Hindu zu sein."[8] Die Versuche der Durchsetzung dieser Forderung sind seither immer wieder mit Gewaltausbrüchen verbunden. Bereits 1925 wurde, angeblich auf Anregung Savarkars, die hindu-nationalistische Kaderorganisation Rashtriya Swayamsevak Sangh (RSS, wörtlich etwa "Nationaler Freiwilligen-Bund") gegründet, die in ihrem Wesen bisweilen mit der nur wenig später in Ägypten formierten Muslimbruderschaft verglichen wird. Ziel des RSS ist es bis heute, junge Hindus vor den Versuchungen einer säkularen Gesellschaft zu bewahren, ihnen die traditionellen Werte des "Hindutums" zu vermitteln und sie nicht zuletzt für die gewaltsame Konfrontation mit den Feinden der Hindus wehrhaft zu machen.[9] Der langjährige RSS-Führer Mahadev Sadashivrao Golwalkar hatte noch vor dem Ende der britischen Kolonialherrschaft in seiner Schrift über die indische Nation deutlich gemacht, dass im unabhängigen Indien für Nicht-Hindus nur der Weg der totalen Anpassung und Unterordnung bleibt: "Die Nicht-Hindus müssen die Hindu-Kultur und -Sprache annehmen, die Hindu-Religion achten und verehren lernen, und dürfen keinen anderen Ideen als der Verherrlichung der Hindu-Nation anhängen. (…) Wenn nicht, können sie nur in unserem Land bleiben, wenn sie sich der Hindu-Nation ganz und gar unterordnen – ohne Ansprüche, ohne Privilegien, ja selbst ohne Staatsbürgerrechte."[10]

Diese radikale Vision Golwalkars wurde allerdings nicht das Leitbild des unabhängigen Indiens. Der politische Einfluss der Hindu-Nationalisten blieb zunächst begrenzt. Sie hatten in der Unabhängigkeitsbewegung gegenüber einem übermächtigen Indian National Congress (INC, "Kongresspartei") nur eine nachrangige Rolle gespielt und gravierende organisatorische Nachteile gegenüber der indienweit perfekt eingespielten Kongress-Maschinerie. Nach der Ermordung Gandhis durch das RSS- und Hindu Mahasabha-Mitglied Nathuram Godse 1948 wurde der RSS verboten.[11] Auch wenn das Verbot kurze Zeit später wieder aufgehoben wurde, hatte das Attentat auf den Bapu ("Vater") der indischen Unabhängigkeit die Hindu-Nationalisten in weiten Teilen der Bevölkerung politisch delegitimiert und unwählbar gemacht. Die 1951 gegründete hindu-nationalistische Partei Bharatiya Jana Sangh (BJS, "Indische Volksvereinigung"), eine direkte Vorgängerorganisation der heutigen BJP, blieb weitgehend wirkungslos. Der Schatten der ideologischen Verantwortung für die Ermordung Gandhis konnte erst mit der Gründung der BJP 1980 mehr oder weniger abgelegt werden. Mit der Neuaufstellung wurden nun unter günstigen Rahmenbedingungen größere Erfolge bei demokratischen Wahlen möglich.

Fußnoten

1.
Für eine detaillierte Darstellung der hier aufgezeigten Sachverhalte und insbesondere der aktuellen Entwicklungen in Indien siehe Pierre Gottschlich, Hindu-Nationalismus und geschlossene Identität in Indien, in: Yves Bizeul/Ludmila Lutz-Auras/Jan Rohgalf (Hrsg.), Offene oder geschlossene Kollektividentität. Von der Entstehung einer neuen politischen Konfliktlinie, Wiesbaden 2019 (i.E.), S. 340–365.
2.
Vgl. Heinrich von Stietencron, Der Hinduismus, München 2010³, S. 84ff.
3.
Vgl. Kim Knott, Der Hinduismus. Eine kleine Einführung, Stuttgart 2009², S. 111f.
4.
Vgl. Vinayak Damodar Savarkar, Extract from Hindutva: Who is a Hindu?, in: Christophe Jaffrelot (Hrsg.), Hindu Nationalism. A Reader, Princeton 2007, S. 87–96.
5.
Es ist ein altes, bislang aber immer gescheitertes politisches Projekt der Hindu-Nationalisten, Hindi im sprachlich extrem vielfältigen Indien zur alleinigen Staatssprache zu machen.
6.
Vgl. Ramachandra Guha, Patriotism vs Jingoism, 5.2.2018, http://www.outlookindia.com/magazine/story/patriotism-vs-jingoism/299735«.
7.
Vgl. Hermann Kulke, The Early Textbook Controversy and R.S. Sharma’s Concept of Indian Feudalism. Some Historiographic Reflections, in: Rafael Klöber/Manju Ludwig (Hrsg.), HerStory. Historical Scholarship between South Asia and Europe, Heidelberg 2018, S. 219–239, hier S. 221.
8.
Clemens Jürgenmeyer, Ein Land, ein Volk, eine Kultur – Ideologie und Politik hindunationaler Identität in Indien, in: Peter Molt/Helga Dickow (Hrsg.), Kulturen und Konflikte im Vergleich, Baden-Baden 2007, S. 632–647, hier S. 635
9.
Vgl. Mark Juergensmeyer, Die Globalisierung religiöser Gewalt. Von christlichen Milizen bis al-Qaida, Hamburg 2009, S. 176.
10.
Zit. nach Dominik Müller, Indien. Die größte Demokratie der Welt? Marktmacht – Hindunationalismus – Widerstand, Berlin 2014, S. 81.
11.
Vgl. ebd., S. 88.
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Autor: Pierre Gottschlich für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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