Staats- und Regierungschefs gedenken des Endes des Ersten Weltkrieges in Paris, 11.09.2018.

23.11.2018 | Von:
Sezer İdİl Göğüş

Die neue Diasporapolitik der Türkei und Türkeistämmige in Deutschland

Die Geschichte der Türkei im 20. Jahrhundert war stark von Auswanderung geprägt. Aktuell leben mehr als 5,5 Millionen türkische Staatsbürger*innen laut dem türkischen Ministerium für auswärtige Angelegenheiten im Ausland; 4,6 Millionen davon haben ihren Wohnsitz in einem westeuropäischen Land.[1] Die meisten türkeistämmigen[2] Einwohner*innen hat Deutschland: etwa drei Millionen, darunter sowohl türkische Staatsbürger*innen als auch Menschen türkischer Abstammung, die entweder die deutsche und die türkische oder nur die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen.[3] Aufgrund verschiedener Phasen der Auswanderung setzt sich die türkeistämmige Bevölkerung in Deutschland aus vielen unterschiedlichen Gruppen zusammen, die sich teilweise aktiv voneinander abgrenzen und zuweilen auch Konflikte aus dem Herkunftsland hier austragen: Kurd*innen und Türk*innen, Alevit*innen und Sunnit*innen, säkulare und religiöse Türkeistämmige, AKP-Anhänger*innen und AKP-Kritiker*innen.

Die türkische Politik gegenüber den im Ausland ansässigen Türkeistämmigen wurde seit dem AKP-Wahlsieg von 2002 verstärkt und ausgeweitet. Dieses Engagement basiert auf drei Prinzipien: Erstens werden die Angehörigen der Nation im Ausland als "Diaspora" definiert; zweitens wurde die Teilnahme an Wahlen und Referenden für türkische Staatsbürger*innen im Ausland ermöglicht, ohne dass diese ins Land reisen müssen, und drittens wird die Verbindung von muslimischer und türkischer beziehungsweise eine neo-osmanische Identität betont.[4] Die AKP betreibt eine aktive Politik zur Förderung der Identifikation mit der Türkei unter Türkeistämmigen im Ausland und zur Mobilisierung der Türkeistämmigen in Deutschland für innertürkische beziehungsweise ihre eigenen Belange, wie zuletzt etwa die Eröffnung der Ditib-Moschee (Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion e.V.) am 29. September 2018 in Köln in Anwesenheit von Präsident Recep Tayyip Erdoğan zeigte.

Im Folgenden skizziere ich zunächst die Phasen der Migration aus der Türkei nach Deutschland. Vor diesem Hintergrund analysiere ich die ab 2002 erfolgte Neuausrichtung der "Diasporapolitik" der türkischen Regierung und frage abschließend nach den Reaktionen der Türkeistämmigen auf diese Mobilisierungsstrategien.

Aus der Türkei nach Deutschland

Die türkische Migration in die westeuropäischen Länder begann in den 1960er Jahren als Arbeitsmigration im Zuge des Wiederaufbaus nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges.[5] Deutschland war eines der bedeutendsten Aufnahmeländer und schloss bilaterale Abkommen über die Anwerbung von Arbeitskräften mit verschiedenen Ländern: etwa mit Italien 1955, mit Spanien und Griechenland 1960 und mit der Türkei 1961.[6] Die Arbeitsmigrant*innen wurden als "Gastarbeiter" bezeichnet, was den vorübergehenden Wohnsitz in Deutschland betonen sollte,[7] – und damals die Vorstellung beider Seiten wiederspiegelte. Ab Mitte der 1970er Jahre verschob sich der Schwerpunkt der türkischen Migration: Seit dem "Anwerbestopp" von 1973 fand Einwanderung vor allem im Rahmen des Familiennachzugs statt[8] – und als nicht intendierte Folge wurden aus vielen "Gastarbeitern" Einwander*innen und Deutschland zum Einwanderungsland.[9]

Eine weitere Immigration aus der Türkei setzte ein, als die politische Lage in der Türkei unmittelbar vor und in den Jahren nach dem Militärputsch 1980 viele Menschen auf der Suche nach Asyl nach Deutschland und in andere europäische Länder trieb. In den 1980er und 1990er Jahren erfolgte so eine Diversifizierung der Immigrant*innen aus der Türkei.[10] Viele der Asylsuchenden waren linksgerichtete Aktivist*innen. Zudem kamen viele Kurd*innen, die wegen der fortwährenden Zusammenstöße zwischen Sicherheitskräften und der PKK (Arbeiterpartei Kurdistans) in den südöstlichen und östlichen Provinzen der Türkei das Land verließen.[11] Eine in vielerlei Hinsicht vergleichbare Zuwanderung wurde jüngst ausgelöst durch die "Säuberungspolitik", die nach dem Putschversuch in der Nacht vom 15. auf den 16. Juli 2016 einsetzte. Viele der aktuell Geflüchteten sind gut ausgebildete Journalist*innen, Akademiker*innen und Aktivist*innen, weshalb in diesem Zusammenhang auch von einem neuerlichen brain drain gesprochen werden kann.

Fußnoten

1.
Vgl. Turkish Ministry of Foreign Affairs, Turkish Citizens Living Abroad, http://www.mfa.gov.tr/the-expatriate-turkish-citizens.en.mfa«.
2.
Der Begriff "Türkeistämmige" schließt alle Gruppen aus der Türkei mit ein, darunter unterschiedliche ethnische und religiöse Gruppen.
3.
Laut einer Studie von Statista wohnten 2017 1,5 Millionen türkische Staatsbürger*innen in Deutschland, de.statista.com/statistik/daten/studie/152911/umfrage/tuerken-in-deutschland-seit-2001.
4.
Vgl. Yasar Aydın, Die neue türkische Diasporapolitik. Ihre Ziele, ihre Grenzen und Herausforderungen für die türkeistämmigen Verbände und die Entscheidungsträger in Deutschland, Stiftung Wissenschaft und Politik, SWP-Studie 14/2014, S. 7ff.
5.
Vgl. Özge Bilgili/Melissa Siegel, From Economic to Political Engagement: Analysing the Changing Role of the Turkish Diaspora, in: Michael Collyer (Hrsg.), Emigration Nations. Policies and Ideologies of Emigrant Engagement, Hamshire 2013, S. 277–301, hier S. 278.
6.
Siehe dazu auch die APuZ 43/2011 mit dem Schwerpunkt "50 Jahre Anwerbeabkommen mit der Türkei" (Anm. d. Red.).
7.
Vgl. Ulrich Herbert, Geschichte der Ausländerpolitik in Deutschland. Saisonarbeiter, Zwangsarbeiter, Gastarbeiter, Flüchtlinge, München 1990; Gökce Yurdakul, From Guest Workers into Muslims: The Transformation of Turkish Immigrant Associations in Germany, Cambridge 2009.
8.
Vgl. Yurdakul (Anm. 7).
9.
Vgl. Klaus J. Bade, Anwerbestopp 1973. Als Deutschland zum Einwanderungsland wurde, 24.11.2013, www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2013-11/einwanderung-anwerbestopp.
10.
Vgl. Bilgili/Siegel (Anm. 5), S. 279.
11.
Vgl. ebd., S. 279ff.
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Autor: Sezer İdİl Göğüş für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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