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Renewables, adaptationspolitisch betrachtet


31.8.2004
Die Ursachen des Klimawandels sind gesetzt, und wir warten auf die Folgen: die Temperaturerhöhung und deren Konsequenzen. Daneben betreiben wir "Klimapolitik", gemeint ist Mitigationspolitik, um Schlimmeres zu verhindern als das, was nicht mehr zu verhindern ist.

Einleitung



Das klimapolitische Hauptereignis des Jahres 2003 war nicht das Ergebnis bzw. die Entscheidung eines Gremiums, sondern der Effekt eines "Natur"-Ereignisses: die Hitze. Aufgesattelt auf die Fluten des Jahres 2002 hat sie einen Durchbruch im öffentlichen Bewusstsein geschafft, wie es politischen Vorgängen im engeren Sinne selten vergönnt ist. Bislang wurde das Erfordernis der Adaptation (Anpassung), der Zwillingsschwester der Mitigation (Vermeidung) von Treibhausgasen, ausgeblendet. Erst mit Flut und Hitzewelle in Deutschland sowie vergleichbaren Ereignissen weltweit wurde sie zum Thema.





Das Paradoxe an der Ausblendung, die Selbststabilisierung der Wahrnehmungsverweigerung gegen die eigenen Interessen, ist am einprägsamsten wohl aus dem Galilei-Konflikt bekannt - Bert Brecht hat es gleichsam zum literarischen Topos gemacht. Laut Brecht klagte Galilei: "Ich bin es gewohnt, die Herren aller Fakultäten sämtlichen Fakten gegenüber die Augen schließen zu sehen. Ich stelle mein Fernrohr zur Verfügung ... und man zitiert Aristoteles. Der Mann hatte kein Fernrohr." Das Fernrohr war Anfang des 17. Jahrhunderts ein gerade entwickeltes Wahrnehmungsinstrument, das Ergebnis einer damals neu beginnenden wissenschaftlich-technischen Dynamik. Es diente dazu, die im Rahmen der "Messgenauigkeit" zu Recht als statisch anzunehmende Wirklichkeit besser wahrzunehmen und damit das Bild der Welt zu verändern.





350 Jahre später hat der Erfolg der Wissenschaft, für die Galilei steht, die wahrzunehmende Wirklichkeit, hier das Klima, in eine Dynamik versetzt, die nur noch langfristig zu begrenzen ist - zu stoppen oder gar ungeschehen zu machen ist sie nicht mehr. Die neuzeitliche Wissenschaft hat es zugleich vermocht, für eine Weiterentwicklung der Wahrnehmungsmittel zu sorgen, für neue "Ferngläser". Heute kann es bei vernünftiger Verteilung knapper Forschungsmittel kaum mehr darum gehen, Ferngläser für die Wahrnehmung grundsätzlich neuer, räumlich entfernter Fakten zu entwickeln, es muss vielmehr um die Entwicklung und Erhöhung der Leistungsfähigkeit der "Ferngläser" gehen, die in der Lage sind, uns besser aufzukünftige Gefahren vorzubereiten, damit wir ihnen begegnen können und sie nicht zu Katastrophen werden.

Das solchen Gefahren angemessene moderne Wahrnehmungsmittel sind die Computermodelle der (regionalen) Klimafolgenforschung. Durch diese haben die modernen "Herren aller Fakultäten" zu blicken: Wirtschaftsunternehmen mit langfristigen Investitionsvorhaben genauso wie diejenigen politischen Instanzen, die für die Infrastruktur- und Regionalplanung zuständig sind, aber auch die Energieunternehmen und die Wissenschaften, die für die Konzipierung von zukünftigen klimagerechten Energiesystemen sorgensollen.

Was bei Galilei die Erlaubnis der Kardinäle war, ist heute die Finanzierung der Anfertigung und vor allem der Anwendung der modernen "Fernrohre". Wie es nicht gehen darf, wenn man die Brecht'sche Galilei-Szene nicht imitieren will, zeigt die folgende Episode. Bekanntlich ist der mitteleuropäische Gebirgsraum mit seinem Vorland besonders "fernrohrträchtig", denn er ist anfällig für Effekte des Klimawandels. Die bayerische Staatsregierung hatte im Vorfeld der Klimakonferenz von Rio zunächst wie die Römische Kurie reagiert: Sie hatte beschlossen, ihren Clavius, die bayerische Wissenschaft, das Fernrohr bauen zu lassen. Von 1990 bis 1999 ließ sie ein beeindruckend konzipiertes und dotiertes Programm der Klimafolgenforschung für den Voralpenraum durchführen (BayFORKLIM). Und sie gestattete auch, dass durch das Rohr geblickt wurde. Die Ergebnisse hätten öffentliches Aufsehen verdient gehabt. Von einer zu erwartenden "Häufung winterlicher Hochwassersituationen" war die Rede, ebenso von einer Bedrohung der "Vitalität der drei Hauptbaumarten des Bergmischwaldes". Ferner wurde berichtet, dass der Stickstoffhaushalt der Waldböden in eine Dynamik versetzt wird und dass die Sommertemperaturen im Bodenseegebiet um sechs Grad ansteigen werden - also um dreimal mehr als die globale Durchschnittstemperatur. Und das alles bei einer zentralen, aber in ihrer Bedeutung kaum kommunizierten Unterstellung, dass nämlich das Ziel der multilateralen Klimapolitik, die Begrenzung des Klimawandels auf plus zwei Grad Celsius, gesetzt und auch erreicht wird. Ein Bedarf nach solchen Ergebnissen existiert: Zum Bodenseegebiet zählt u.a. die Insel Reichenau, ein Gemüseanbaugebiet. Die Forstwirtschaft schließlich - und beispielhaft - hat sich in ihren Aufzuchtentscheidungen auf ein Temperaturszenario festzulegen, will sie nicht das Risiko eingehen, in sechzig Jahren mit grandios unangepassten Baumarten dazustehen.

Statt vor diesem Hintergrund aber in die Validierung der Ergebnisse einzusteigen, ist die bayerische Staatsregierung aus der Klärung der aufgeworfenen Fragen ausgestiegen - Galileis Kardinäle lassen grüßen. Das war im Jahre 1999 klaglos möglich. Am Ende des Jahres 2003 war alles anders, da wies der bayerische Umweltminister persönlich darauf hin, dass "für die Bodensee- und Karwendelregion (...) sogar eine Erwärmung um bis zu sechs Grad" prognostiziert werde.[1] Das Bundesministerium für Wissenschaft und Bildung entschied sich, Klimaforschungsmittel umzuschichten, weg von der reinen Klimaforschung hin zur Klimafolgenforschung. Eine Wahrnehmungsverweigerung wie die des Jahres 1999 wäre heute kaum mehr möglich.



Fußnoten

1.
dpa vom 5.12.2003.