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30.11.2018 | Von:
Christof Mauch

Deponierte Schätze. Archäologien des Mülls als Spiegel der Gesellschaft - Essay

Müll und Abfall sind nicht für die Nachwelt bestimmt. Wer etwas in den Müll wirft, möchte es nicht wiedersehen. Was in der Kippe landet, soll zur Seite geschafft werden, weil es unbrauchbar oder unansehnlich ist, weil es riecht oder schmutzig ist. Die britische Anthropologin Mary Douglas hat bereits vor einem halben Jahrhundert demonstriert, dass Abfall und Schmutz nicht als Substanzen, sondern als Kategorien zu verstehen seien: "Schuhe", schrieb sie, "sind nicht an sich schmutzig, aber es ist schmutzig, sie auf den Esstisch zu stellen".[1] Abfall oder Dreck (dust) sind demnach nicht ihrem Wesen nach Abfall, sie werden es nur, wenn sie am falschen Ort zu finden sind. Wenn etwas Wertvolles nicht mehr gebraucht wird, kann es von einem Moment zum anderen zu Abfall werden. Was für den einen ein Sammlerstück ist, ist für den anderen zuweilen Müll. Die Tatsache, dass Müll nicht nur etwas Materielles ist, sondern auch etwas sozial Konstruiertes sein kann, macht ihn zu einem faszinierenden Forschungsgegenstand für nahezu alle wissenschaftlichen Disziplinen – von der Ökologie bis zur Ethnologie und von der Archäologie bis zur Ethik.[2] Im vorliegenden Essay werfe ich einige Schlaglichter auf die Bedeutung von Abfall in Geschichte und Gegenwart; und ich zeige, wie eine Analyse von Müll Vergangenes zum Sprechen bringt.

Was Abfall ist, ist relativ

Dass es mitunter subjektiv ist, was als Müll gilt und was nicht, verdeutlicht die Geschichte der Collyer Brothers: Es gibt kaum einen Namen in der US-amerikanischen Geschichte, der enger mit Müll verbunden ist als jener dieser zwei exzentrischen Einsiedler, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in einem herrschaftlichen Sandstein-Reihenhaus im New Yorker Stadtteil Harlem residierten und auf vier Stockwerken Unmengen an Gegenständen horteten. Aus Furcht vor ihrer afroamerikanisch geprägten Nachbarschaft hatten sie sich zunehmend von der Außenwelt abgeschottet. Im März 1947 fand man die beiden "Harlem Mystery Men", denen sagenhafter Reichtum nachgesagt wurde, tot in ihrem Haus. Um sich vor Einbrechern und Schnüfflern zu schützen, hatten sie mehrere Fallen gebaut, eine war ihnen selbst zum Verhängnis geworden: Langley Collyer war unter schweren Zeitungsbündeln erstickt, sein erblindeter und auf ihn angewiesener Bruder Homer daraufhin verhungert. Die Sensationspresse erging sich in endlosen Aufzählungen der wunderlichen Gegenstände, die der zuständige Sheriff, der zum Archäologen stilisiert wurde, aus dem Haus barg. Die Collyer Brothers hatten unter anderem mehrere Klaviere gesammelt, Violinen und Cellos, Spielzeugautos und Fahrräder, Schallplatten, Zeitungen und Bücher, Revolver und Öllampen, Pin-up-girl-Poster und eine hölzerne Krippe mit menschlichen Knochen und Schädeln. Nach der Räumung des Hauses landete alles auf einem Haufen an der Ecke zur 128. Straße. Die Entrümpelung nivellierte die Bedeutung der gesammelten Gegenstände: Zierrat und Memorabilien, Plunder und Nützliches waren mit einem Mal zu einem tonnenschweren Müllberg geworden, der nur darauf wartete, entsorgt zu werden. Die Collyers wurden als "Messies" stigmatisiert; das Collyer-Brothers-Syndrome bezeichnet seither eine ausgeprägte Sammelwut, das pathologische "Horten".[3]

Vor dem 20. Jahrhundert, erklärt die US-Kulturhistorikerin Susan Strasser, gab es kaum Müll: "Frauen verkochten Essensreste zu Suppe oder verfütterten sie an Haustiere; Hühner zum Beispiel fraßen fast alles und revanchierten sich mit Eiern. Langlebige Güter wurden an Menschen aus anderen Schichten oder Generationen weitergegeben oder auf Dachböden und in Kellern für eine spätere Nutzung gelagert. Gegenstände, die Erwachsene nicht mehr benötigten, gingen als Spielsachen an Kinder."[4] Defekte Gegenstände wurden von Handwerkern repariert oder gingen an Trödler über. Die Dreckeimer und Kehrichtfässer blieben im 19. Jahrhundert noch weitgehend leer.

Keine Quelle informiert besser über die "Mülllandschaften" Mitte des 19. Jahrhunderts als die Artmutsreportagen des britischen Journalisten und Sozialreformers Henry Mayhew (1812–1887).[5] Sie legen Zeugnis darüber ab, dass es im Zwielicht der Londoner Unterwelt von Müllsammlern nur so wimmelte. Die dust men, die die Straßen im Auftrag der City of London räumten, standen ganz oben in der Hierarchie. Sie hatten als Einzige ein doppeltes Einkommen, denn sie wurden nicht nur für die Abfuhr von Abfall bezahlt, sie konnten das Weggeworfene auch gewinnbringend an Landwirte und Fabrikbetriebe weiterverkaufen. Mit nahezu allem, was weggeworfen wurde, ließ sich Geld machen. Im viktorianischen England wurde alles Papier aus Lumpen hergestellt; die boomende Zeitungsbranche und der expandierende Buchmarkt machten Lumpen zu einem raren und immer begehrteren Rohstoff. Ladengeschäfte hatten ihre eigenen "Kehrer", und so manche Papierfabrik verfügte über Kohorten von Lumpensammlern. Blut und Knochen wurden zu wertvollem Dünger und zu Seifen verarbeitet, und selbst Schweine- und Hundekot fand in den zahlreichen Gerbereien begehrte Abnehmer. Die Sammler von Hundekot, genannt pure-finders, hatten sich die City of London untereinander aufgeteilt, manche von ihnen arbeiteten mit Unterlieferanten zusammen, unter ihnen Iren, die vor der Hungersnot in ihrem Heimatland geflohen waren. Die Wohnbezirke der Wohlhabenden waren beliebter, weil sich die Qualität des Hundefutters auf die Konsistenz des Kots, der zum Lederbeizen benötigt wurde, niederschlug.

Mehr als zwanzig verschiedene Typen von Müllsammlern sorgten in London für den Abtransport von Essensresten und Fäkalien, verfaulten Lebensmitteln und Altpapier, Schrott und Scherben, Tierkadavern und alten Kleidern. Wer im 19. Jahrhundert durch die Straßen von Englands Hauptstadt zog, watete durch Dreck und roch den Mief. Die Zeitgenossen konnten die verschiedenen Müllmänner schon von Weitem unterscheiden: Die Knochensammler (bone-grubbers) und Lumpensammler (rag gatherers) trugen Säcke und Stöcke mit sich herum, die pure-finders hatten schwarze Handschuhe an, mit denen sie ihre stinkenden Findlinge in mit Lumpen bedeckte Körbe warfen. Die dust men wiederum verwendeten zum Abtransport von Müll Karren. Was nicht in der Themse landete, wurde auf gigantischen dust heaps aufgetürmt – auf Müllbergen, die fürchterlich stanken und gelegentlich niedergebrannt wurden, und doch für die Armen voller Schätze waren, die den Lebensunterhalt einer ganzen Bevölkerungsschicht sicherten. Charles Dickens hat einen dieser Müllberge in der Nähe der Battle Bridge, in der "Vorstadt-Sahara" von London, beschrieben: Dort wurden "Ziegel und Ziegelsteine gebrannt, Knochen verkocht, Teppiche geklopft (…) Hunde weggejagt und Müll von Lieferanten aufgetürmt".[6] Das Müllmilieu des frühindustriellen England erscheint aus heutiger Sicht wie ein wuseliges, von Krankheitserregern verseuchtes Schattenreich. Eine verlorene Welt, der heute keiner mehr nachtrauert.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts verschwanden nach und nach nicht nur Schutt und Schmutz, sondern auch Trödler und Lumpensammler. Gesundheitsreformen und städtische Müllsammlungen veränderten das Gesicht der Großstädte grundlegend. Die Massenherstellung machte industrielle Produkte billig und wohlfeil. Was einst noch wertvoll war – Reste und Schrott – landete in der Mülltonne, und der Sinn des Flickens, Reparierens und Bastelns geriet zunehmend in Vergessenheit. Laissez-faire-Kapitalismus und industrielle Produktion beförderten überall in der westlichen Welt die Entstehung von "Überfluss-, Müll-, Konsum- und Wegwerfgesellschaften", denn Gebrauchsgegenstände, die aus der Mode kamen, landeten zunehmend rasch auf Müllkippen oder in Verbrennungsanlagen, denn das Deponieren war günstiger geworden als das Reparieren und Wiederverwerten. Der US-amerikanische Soziologe Vance Packard bezeichnete seine Landsleute 1960 als waste makers – Müllproduzenten.[7]

Fußnoten

1.
Mary Douglas, Purity and Danger: An Analysis of Concepts of Pollution and Taboo, London 1966, S. 35f.
2.
Vgl. Jens Kersten, Inwastement: Abfall in Umwelt und Gesellschaft, Bielefeld 2016.
3.
Vgl. Scott Herring, Collyer Curiosa: A Brief History of Hoarding, in: Criticism 53/2011, S. 159–188; Harold Faber, Homer Collyer, Harlem Recluse, Found Dead at 70, in: The New York Times, 22.3.1947.
4.
Susan Strasser, Waste and Want: A Social History of Trash, New York 1999, S. 12.
5.
Vgl. Henry Mayhew, London Labour and the London Poor, Oxford 2012 (1851).
6.
Charles Dickens, Our Mutual Friend, London–New York 1997 (1865), S. 42. Vgl. auch Jerry White, London in the Nineteenth Century: "A Human Awful Wonder of God", London 2007, S. 68f.; Martin O’Brien, A Crisis of Waste? Understanding the Rubbish Society, New York 2011, S. 61ff.
7.
Vance Packard, The Waste Makers, Philadelphia 1960. Vgl. auch Strasser (Anm. 4), S. 13ff.; Franz-Josef Brüggemeier, Schranken der Natur: Umwelt, Gesellschaft, Experimente. 1750 bis heute, Essen 2014, S. 124; Martin O’Brien, Consumers, Waste and the "Throwaway Society" Thesis: Some Observations on the Evidence, in: International Journal of Applied Sociology 3/2013, S. 19–27.
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Autor: Christof Mauch für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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