Bunte Kaffeekapseln für Kaffeemaschinen

30.11.2018 | Von:
Stefan Gäth
Frances Eck

Zur falschen Zeit am falschen Ort. Müll als Ressource

Die stetig wachsende Weltbevölkerung, die nachholende Industrialisierung in den Schwellenländern sowie die nach wie vor hohe Nachfrage nach Rohstoffen in der industrialisierten Welt führen zu einer enormen Beanspruchung der natürlichen Ressourcen und einer erheblichen Belastung der Umwelt. Aktuell verbraucht die Menschheit für die jährliche Produktion von Gütern und Dienstleistungen 1,7 Erden: Das heißt, wir nutzen die Natur 1,7-mal schneller, als Ökosysteme sich regenerieren können, und es ist absehbar, dass die Vorkommen mancher Rohstoffe bald erschöpft sein werden.[1] Seit einigen Jahren wird die zunehmende Verknappung der Ressourcen verstärkt thematisiert, wodurch Fragen zur Ressourceneffizienz und Ressourcensicherheit immer mehr in den Fokus gerückt sind.[2]

Zugleich werden damit auch Fragen nach der Wiederverwertung der bereits genutzten Rohstoffe immer relevanter – und, damit verbunden, wird auch eine andere Betrachtung unseres "Mülls" interessant und notwendig. Denn die Dinge, die wir täglich ausmustern und wegschmeißen, sind zugleich ein Fundus an wichtigen Materialien und Stoffen, die sich wieder nutzbar machen ließen. In unserem Müll sind diese wertvollen Stoffe schlicht zur falschen Zeit am falschen Ort

Um diese Zusammenhänge zu verdeutlichen, werde ich im Folgenden zunächst auf einige allgemeine Grundlagen zur Reichweite von Rohstoffen und ihrer Verteilung eingehen, um dann im Speziellen drei wichtige Rohstoffe näher zu betrachten, ohne die unser Leben anders aussähe: Phosphor, Kobalt und Kupfer. Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie allgegenwärtig sind, aber ebenfalls in großen Mengen ungenutzt oder vermeintlich "verbraucht" auf Deponien landen.

Reichweite und Verteilungsungleichgewicht

Das Problem der Verknappung von Rohstoffen lässt sich durch die Betrachtung der sogenannten statischen Reichweite veranschaulichen. Die Reichweite gibt das Zeitintervall an, wie lange ein Rohstoff nach aktueller Datenlage zur Verfügung steht. Berechnet wird dieser nach den derzeit bekannten und wirtschaftlich gewinnbaren Vorräten (Reserven) und der aktuellen Produktion eines Rohstoffes.[3] Auf Basis der Daten der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe wird für Erdöl zum Beispiel eine statische Reichweite von 41 Jahren berechnet. Werden die Vorkommen berücksichtigt, die zwar bekannt sind, aber nicht mit den heutigen technischen Möglichkeiten wirtschaftlich gefördert werden können (Ressourcen), erhöht sich die Reichweite auf 64 Jahre. Inwieweit die Ressourcenknappheit vorangeschritten ist, verdeutlichen die statischen Reichweiten anderer wichtiger Rohstoffe, wie Antimon, Chrom, Zinn und Zink, die mit unter 20 Jahren angegeben werden.[4]

Global betrachtet sind die Rohstoffe ungleich verteilt: Die Lagerstätten konzentrieren sich oft auf wenige Länder, was mit einer regionalen Abhängigkeit einhergehen kann. Deutschland ist weltweit einer der größten Rohstoffkonsumenten. Die inländischen Rohstoffe beschränken sich jedoch maßgeblich auf Kies, Sand, Kalkstein und Ton – eine Vielzahl von Rohstoffen wie Eisen, Buntmetalle und sogenannte Technologierohstoffe müssen importiert werden.[5] Lithium, das in Batterien verbaut wird, spielt für die Elektromobilität eine entscheidende Rolle. Die Förderung von Lithium in Deutschland ist jedoch marginal. Dies trifft ebenfalls für die sogenannten Seltenen Erden zu, die unter anderem für Magnetwerkstoffe der Generatoren von Windkraftanlagen oder in den Motoren von Elektrofahrzeugen benötigt werden.[6]

Deutschland sichert sich seine Position auf dem Weltmarkt durch Exporte von Technologien. Diese können nicht ohne Energierohstoffe und Metalle produziert werden, was zu einer geopolitischen Abhängigkeit von anderen Ländern führt. Die steigende Nachfrage nach bestimmten Elementen lässt rohstoffreiche Länder an Bedeutung gewinnen, sowohl für den globalen Markt als auch für Deutschland. Damit steigt auch die Bedeutung des Rohstoffsektors für die Entwicklung der Produzentenländer selbst.

Um eine Vorstellung von zukünftigen potenziellen Versorgungsengpässen zu erhalten, wird auf sogenannte Kritikalitätsanalysen zurückgegriffen. In diesen werden einerseits die sichere, wirtschaftliche und umweltverträgliche Versorgung (Versorgungsrisiken) und andererseits die Abhängigkeit einer Wirtschaft von den mineralischen Rohstoffen (Vulnerabilität) berücksichtigt. Genauer: Rohstoffe sind als kritisch zu bezeichnen, "wenn das mit ihnen verbundene hohe Versorgungsrisiko in erster Linie darauf zurückzuführen ist, dass sich die weltweite Produktion zum großen Teil in wenigen Ländern konzentriert".[7] In der Regel sind diese Rohstoffe nur schwer durch andere Stoffe ersetzbar und haben eine geringe Recyclingquote.

Beispielsweise wurden in der Studie "Critical Raw Materials for the EU" 20 von 54 untersuchten Rohstoffen für die Europäische Union als "versorgungskritisch" eingestuft.[8] Bei diesen handelt es sich um Borate, Chrom, Kokskohle, Magnesit, Phosphatgestein und Silicium sowie Antimon, Beryllium, Flussspat, Gallium, Germanium, Graphit, Indium, Kobalt, Magnesium, Niob, Metalle der Platingruppe, schwere Seltene Erden, leichte Seltene Erden und Wolfram.

Die Kritikalitätsbetrachtungen basieren in der Regel auf qualitativen Experteneinschätzungen. Dennoch liefern sie wertvolle Hinweise für die Bewertung der Rohstoffverfügbarkeit in einzelnen Ländern, um zukünftige Entwicklungen besser abschätzen zu können. Die folgenden Beispiele – Phosphor, Kobalt und Kupfer – stehen exemplarisch für die Notwendigkeit, unsere Ressourcen intensiver in den Blick zu nehmen. Dabei soll der Fokus verstärkt von den Primärrohstoffen auf die Sekundärrohstoffe gelegt werden. Sekundärrohstoffe sind Elemente beziehungsweise Stoffe, die aus flüssigen oder festen Abfällen stammen und durch gezieltes Recycling für den Wertstoffkreislauf zurückgewonnen wurden.

Fußnoten

1.
Vgl. Earth Overshoot Day 2018: Ressourcenbudget verbraucht, 1.8.2018, http://www.umweltbundesamt.de/themen/earth-overshoot-day-2018-ressourcenbudget«.
2.
Vgl. Peter Hennike/Kora Kristof/Ulrike Dorner, Ressourcensicherheit und Ressourceneffizienz – Wege aus der Rohstoffkrise, Policy Paper zu Arbeitspaket 7 des Projekts "Materialeffizienz und Ressourcenschonung" (MaRess), Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie, 2009.
3.
Vgl. Dieter Lohmann/Nadja Podbregar/Harald Frater, Im Fokus: Bodenschätze. Auf der Suche nach Rohstoffen, Heidelberg u.a. 2012.
4.
Vgl. Lukas Egle/Helmut Rechberger/Matthias Zessner, Vergleich von Verfahren zur Rückgewinnung von Phosphor aus Abwasser und Klärschlamm, in: Österreichische Wasser- und Abfallwirtschaft 1–2/2014, S. 30–39.
5.
Vgl. Malte Drobe/Franziska Killiches, Vorkommen und Produktion mineralischer Rohstoffe – ein Ländervergleich, Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR), Hannover 2014.
6.
Vgl. Michael Schmidt, Rohstoffrisikobewertung – Lithium, Deutsche Rohstoffagentur, DERA Rohstoffinformationen 33/2017.
7.
Europäische Kommission, Große Herausforderung für die Industrie der EU: 20 kritische Rohstoffe, Pressemitteilung, 26.5.2014.
8.
Vgl. Europäische Kommission, Report on Critical Raw Materials for the EU. Report of the Ad-hoc Working Group on Defining Critical Raw Materials, Mai 2014, http://ec.europa.eu/DocsRoom/documents/10010/attachments/1/translations«.
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Autoren: Stefan Gäth, Frances Eck für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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