Bunte Kaffeekapseln für Kaffeemaschinen

30.11.2018 | Von:
Laura Moisi

Müll als Strukturfaktor gesellschaftlicher Ungleichheitsbeziehungen

"Erst wer recycelt, ist in Deutschland richtig integriert" – so lautet die Überschrift einer Kolumne des kriegsbedingt aus Syrien geflohenen Journalisten Mohamad Alkhalaf, in der er 2016 für die "Süddeutsche Zeitung" mit Erstaunen darüber schrieb, welche Bedeutung das Trennen und Sortieren von Abfall in Deutschland offenbar haben. Gelber Sack, Blaue Tonne, Bioabfall, Restmüll – der bundesdeutsche Müll setzt tatsächlich spezifische Trennungs- und Einteilungskenntnisse voraus. Das ist besonders deshalb erstaunlich, weil die Dinge, die zu Müll werden, sich zunächst dadurch auszeichnen, dass sie aus Zugehörigkeiten herausfallen – sei es symbolisch, materiell oder räumlich.

Es ist genau diese Ambivalenz des Mülls – randständig, aber allgegenwärtig, vergänglich, ohne zu vergehen –, die den Abfall zum vielleicht prominentesten Problem westlicher Industriegesellschaften macht. Als "Kehrseite der Dinge", wie die Kulturwissenschaftlerin Sonja Windmüller schreibt, ist Abfall zu einem "Kulturprinzip der Moderne" geworden.[1] Schließlich sind nahezu alle Bereiche des täglichen Lebens mit dem Herstellen, Sortieren und Beseitigen von Müll verbunden. Das hat der italienische Autor Italo Calvino bereits in den 1970er Jahren festgestellt, als er das Wegwerfen zur ersten Bedingung des Existierens erklärt hat. Ohne das tägliche Heraustragen des Mülls wäre ein funktionierender Alltag undenkbar, so Calvino. In "La poubelle agréée", ein Essay, den er im Zeitraum von 1974 bis 1976 in Paris verfasst hat, schildert Calvino, was in ihm vorgeht, wenn er seinen "kleinen Eimer" aus der Küche in den größeren Behälter vor dem Haus entleert – ein Ritual, das für Calvino "kein Akt [ist], den ich gedankenlos verrichte, sondern etwas, das wohlbedacht sein will und das in mir eine besondere Befriedigung des Denkens weckt".[2] Das Umfüllen von einem Behälter in den anderen beschreibt Calvino als eine Überführung des Privaten in das Öffentliche, als eine letzte Schwelle, auf der das Private selbst beruht. Die in militärischem Grün gekleidete Mülltonne symbolisiert für den Schriftsteller den sozialen Vertrag, den er stillschweigend, in Form einer steuerlichen Abgabe, mit der Stadt eingeht. Die Mülltonne bestätigt ihn in seiner Rolle als Bürger; sie macht ihn zum Teil der Gesellschaft. Doch im selben Ausmaß, wie die Kategorie des Abfalls soziale Rollen und Zugehörigkeiten herstellt, ist sie auch an Formen der Exklusion beteiligt. Abfälle sind nicht nur Dinge, die ihren Wert oder ihre Funktion verloren haben. Das Weggeworfene signalisiert auch Ablehnung, Gefahr und Grenzüberschreitung.

Die Wahrnehmung von Müll hängt von sozialen Erfahrungen und kulturellen Bewertungen ab. Vorstellungen von legitimen oder illegitimen Abfällen, von Schmutz und Reinheit haben einen maßgeblichen Einfluss auf gesellschaftliche Verhältnisse und politische Fragen. So kommt es, dass mancher Abfall als mehr oder weniger unnötig, wertlos oder schmutzig erscheint – je nachdem, wer ihn zurücklässt oder unter welchen Bedingungen er entsteht. Während Biomüll und Kompost heute beispielsweise als Zeichen von sozialer Verantwortung gelesen werden, dienen andere Abfälle der Legitimation von sozialen Grenzmarkierungen und Ausschlüssen. Um zu verstehen, inwiefern Müll als ein Strukturfaktor von gesellschaftlicher Ungleichheit fungiert, ist es zunächst nötig, bei der Frage anzusetzen, was Müll eigentlich ist.

Fußnoten

1.
Sonja Windmüller, Die Kehrseite der Dinge. Müll, Abfall, Wegwerfen als kulturwissenschaftliches Problem, Münster 2004.
2.
Italo Calvino, Die Mülltonne, in: ders., Die Mülltonne und andere Geschichten, München 1997, S. 77–194, hier S. 83 (Original: La poubelle agréée, in: La Strada di San Giovanni, Mailand 1990).
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Autor: Laura Moisi für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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