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6.8.2004 | Von:
Asiye Öztürk

Das Entstehen eines Macht-Dreiecks

Ankara auf dem Weg nach Washington und Tel Aviv

Die Partnerschaft zwischen der Türkei und den USA

Sowohl während als auch nach dem Kalten Krieg war die Achse zu Washington ein wichtiger Pfeiler der türkischen Außen- und Sicherheitspolitik. Die Türkei diente vier Jahrzehnte als loyaler Wächter über die Meerengen des Bosporus, während die USA ihre Schutzmacht waren. Auch nach dem Wegfall der sowjetischen Bedrohung blieben die USA der stärkste Anwalt für die prioritären Ziele der Türkei wie die Öl- und Gaspipelines von Baku über Tiflis nach Ceyhan am Mittelmeer oder für den türkischen EU-Beitritt. Dafür übernahm Ankara Aufgaben, die im Interesse Washingtons lagen: als Militärstützpunkt gegen den Irak, Modellstaat für andere islamische Staaten und Transitland zur Ausbeutung der Energiequellen der Kaspischen Region.

Das Augenmerk der bilateralen Annäherung in den neunziger Jahren galt dem geostrategischen Schulterschluss im Kaukasus und in Zentralasien. Für die Türkei war die Möglichkeit, ihre erweiterten Handlungsoptionen in Eurasien wahrnehmen zu können, besonders von der Qualität ihrer Beziehungen zu den USA abhängig, da sie sich nicht allein im Konkurrenzkampf um die Vormachtstellung in der Kaspischen Region behaupten konnte. Für die USA wurde die außenpolitische Aktivität Ankaras im Greater Middle East zu einem Gewinn, da sie ab 1996 den Kaspischen Raum zu einer Region von vitalem Interesse deklarierten.[8] Die Türkei galt dabei oft als "prolonged arm of the US"[9]. Die türkisch-amerikanische Kooperation sollte sich gegen die Zweckallianz zwischen Russland und dem Iran richten und diese Region in der Tendenz zu einer prowestlichen transformieren. Was die Energierouten aus dem Kaspischen Becken betraf, wurden die USA zum stärksten Fürsprecher der Türkei als Hauptumschlagsort. Dafür wurde der Grundstein 1999 auf dem OSZE-Gipfel in Istanbul gelegt, als in Anwesenheit von US-Präsident Bill Clinton das Abkommen zum Bau der Pipeline von Aserbaidschan über Georgien in die Türkei unterzeichnet wurde. Auch sein Nachfolger George W. Bush zeigte spätestens mit der Veröffentlichung des National Energy Policy Report im Mai 2000 volle Zustimmung zu diesem Projekt. Allerdings bleibt für die Türkei eine Ungewissheit bestehen: Das langfristige amerikanische Interesse zielt auf profitablere Pipelinerouten durch Afghanistan.[10]

Mit der Zäsur durch den 11. September 2001 erhielt die türkisch-amerikanische Partnerschaft neue Impulse. Der Kampf gegen den internationalen Terrorismus wurde zu einem stärkeren Moment der bilateralen Kooperation. Angesichts der wachsenden Kritik aus der islamischen Welt am Vorgehen der USA war das "türkische Modell", eine islamische Gesellschaft mit einem westlichen Staatsverständnis, und das Einbinden der Türkei die effektivste Verteidigung, um im weltweiten Kampf gegen den Terrorismus den Makel eines Kreuzzuges wettzumachen. Es folgte eine enge militärische und politische Zusammenarbeit, bis der Irak-Krieg 2003 zu einem neuen Stolperstein in den bilateralen Beziehungen wurde.

In dessen Vorbereitungsphase hatte die Türkei als der wichtigste regionale Verbündete Washingtons eine wichtige Rolle inne. Doch die türkische Irakpolitik besaß wenig Spielraum, da sie aufgrund ihrer Wirtschaftskrise sehr von US-Hilfen abhängig war.[11] Dennoch wurde in Ankara der Beschluss zur Freigabe des türkischen Territoriums für US-Truppen abgelehnt. Denn die Vorstellungen von Demilitarisierung und Regimewechsel im Irak glichen sich lediglich oberflächlich, da die Türkei als direkter Nachbarstaat langfristige Interessen hatte, die nicht zwangsläufig von den USA geteilt wurden. Ihr Fokus lag auf der Erhaltung der nationalen und territorialen Integrität des Irak. Saddam Hussein galt als das "kleinere Übel, solange keine glaubwürdige Alternative erkennbar"[12] war. Gleichzeitig war der Bush-Administration nicht bewusst, wie tief noch in der türkischen Bevölkerung die Frustration über die Folgen des Zweiten Golfkrieges verwurzelt war. Hinzu kam der transatlantische Disput: Angesichts des alternativlosen EU-Kurses der Regierung Erdogans wurde die Entscheidung immer mehr zur Gradwanderung zwischen der Loyalität zur EU und zu den USA. In der Retrospektive ist das Ergebnis allerdings nicht überraschend, da die Irak-Kurden-Problematik der heikelste Punkt in den türkisch-amerikanischen Beziehungen seit Anfang der neunziger Jahre war. Die US-Agenda eines föderalen Kurdenstaates im Nordirak ließ die USA in der Türkei zeitweise eher als Feind denn als strategischen Alliierten erscheinen.


Fußnoten

8.
Vgl. Aschot L. Manutscharjan, Sicherheitspolitik im Kaukasus. Perspektiven für das 21. Jahrhundert, in: KAS-Auslandsinformationen, (2002) 3, S. 52.
9.
Svante E. Cornell, Geopolitics and Strategic Alignment in the Caucasus and Centralasia, in: Perceptions, IV (1999) 2 (http://www.mfa.gov.tr/grupa/percept/iv-2/cornell.htm).
10.
Vgl. Ernst-Otto Czempiel, Das Verständnis von Bedrohung umpolen. Internationale Konsequenzen der Terroranschläge vom 11. September 2001. "Blätter"-Gespräch mit Czempiel, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, (2001) 11, S. 1320.
11.
Vgl. Udo Steinbach, Türkei, Informationen zur politischen Bildung, Nr. 277, Bonn 2002, S. 46.
12.
Heinz Kramer, Zur Gefolgschaft verdammt: Ankaras Irak-Dilemma, SWP-Aktuell, (2003)7, S. 1.