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6.8.2004 | Von:
Asiye Öztürk

Das Entstehen eines Macht-Dreiecks

Ankara auf dem Weg nach Washington und Tel Aviv

Fazit

Aus heutiger Perspektive gibt es nur noch "Ruinen eines Dreiecks"[32]. Nicht ohne Ironie ist die Tatsache, dass der Irak-Krieg 1991 als Ausgangspunkt des neuen türkischen Aktivismus dieses Dreieck initiierte, dagegen der Irak-Krieg 2003 dessen Auseinanderbrechen bewirkte. Dennoch müssen vor dem Hintergrund des Dualismus in der türkischen Außenpolitik zwei Ebenen der Kooperation unterschieden werden: die politische und die militärische. Die konservative AKP-Regierung hat ihren Fokus auf einen EU-Beitritt gerichtet, daher hängen die türkisch-amerikanischen Beziehungen zwangsläufig mit dem transatlantischen Verhältnis zusammen. Sollte die Kluft zwischen dem "alten Europa" und den USA nicht überbrückt werden können, wird sich das negativ auf das amerikanisch-türkische Verhältnis auswirken. In den Beziehungen zu Israel kriselte es bereits seit dem Beginn der Zweiten Intifada im Jahr 2000. Die türkische Regierung geriet in Legitimationsschwierigkeiten aufgrund des rigorosen Vorgehens der israelischen Staatsmacht gegen den palästinensischen Aufstand. Da sich Israel beim Irak-Krieg 2003 rhetorisch vorbehaltlos in die Coalition of the Willing einreihte, war auch hier ein Bruch unvermeidlich. Die Ermordung des Hamas-Führers Scheich Yassin und seines Nachfolgers Rantissi sowie das israelische Durchgreifen in den Flüchtlingslagern des Gaza-Streifens brachte das Fass zum Überlaufen. Die Nachrichten über getötete Zivilisten und zerstörte Häuser heizten die antiisraelische Stimmung unter der türkischen Bevölkerung an. Premierminister Recep Tayyip Erdogan bezeichnete das israelische Vorgehen als "Staatsterrorismus", da er keinen Unterschied darin sehe, ob Terroristen israelische Zivilisten töteten oder Israel ebenfalls Zivilisten töte; eine Bekämpfung des Terrorismus sei nur im Rahmen der Beachtung der Menschenrechte möglich.[33] Diese Politik sei "absolut inakzeptabel" und ein "Fall übertriebener Gewaltanwendung", wobei die USA vom türkischen Parlamentspräsidenten, wegen der vorbehaltlosen Unterstützung der Politik Scharons, als "Mittäter dieses Massakers" bezeichnet wurden.[34]

Trotz erheblicher Dissonanzen wird die trilaterale militärische Kooperation weiter bestehen, denn die ursprünglichen strategischen Motive wie gemeinsame Sicherheitsbedrohungen sind noch immer vorhanden beziehungsweise erfuhren durch die Schwierigkeiten der Amerikaner im Irak eine Verstärkung. Die regionalen und globalen Bedrohungswahrnehmungen binden alle drei Staaten aneinander. Der Wert der Türkei und des "türkischen Modells" für die USA als "propagandistischer Gewinn" wächst. Allerdings muss sich die Türkei dieses heiklen Balanceaktes bewusst sein. Denn während sie im Kalten Krieg zwischen die Fronten von Ost und West geriet, sieht sie sich heute dem Risiko ausgesetzt, zwischen die islamische Welt und den Westen zu geraten.


Fußnoten

32.
So Udo Steinbach in einem persönlichen Gespräch mit der Verfasserin am 17. 6. 2003 in Hamburg.
33.
Vgl. Haaretz vom 9. 6. 2004 (http://www.haaretzdaily. com/hasen/spages/434975.html).
34.
Vgl. NZZ vom 27. 5. 2004.