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23.7.2004 | Von:
Katharina Belwe

Editorial

Zeit ist zum knappen Gut geworden. Es geht heute nicht nur alles viel schneller, es müssen auch immer mehr und immer komplexere Aufgaben in gleich gebliebener Zeit bewältigt werden.

Zeit ist zu einem knappen Gut geworden. Sowohl im Erwerbs- als auch im privaten Bereich herrschen Zeitdruck, Zeitnot oder Zeitstress. In der Informationsgesellschaft geht nicht nur alles viel schneller, sondern es müssen auch immer mehr und immer komplexere Aufgaben bewältigt werden. Das gilt für alle Lebensbereiche. Hinzu kommt die zunehmende Verwischung der Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit, Privatem und Öffentlichem. Sie werden porös, der private Raum verliert mehr und mehr seine Schutzfunktion, die Zeit für die Pflege sozialer Beziehungen verringert sich.

Lebensqualität hat auch mit Zeit zu tun. Nach den Kriterien der neuen Bewegung für Zeitpolitik verfügt über Zeitwohlstand, wer über die eigene Zeit selbst bestimmen kann, wer Zeit für sich und andere Menschen, für Beziehungen und Bindungen hat. Helga Zeiher regt in ihrem Essay dazu an, anhand dieser Kriterien Optionen für neue Balancen von Arbeit und Leben zu prüfen.

Soziale Beziehungen werden immer stärker aus ortsgebundenen Interaktionszusammenhängen herausgelöst, gleichzeitig erfolgt eine Entgrenzung von Raum und Zeit. Dementsprechend hat nach Karlheinz A. Geißler die Zeit ihren Ort und der Ort seine Zeit verloren, werden Orte und Zeiten flexibler, beherrscht die Entgrenzung von Raum und Zeit die Dynamik der Lebensverhältnisse - überall. Mit der Erweiterung der Handlungsfreiheiten geht zugleich ein Verlust der sozialen Rhythmik einher, gehen Kontinuität und gemeinschaftlicher Zusammenhalt verloren. Skeptische Beobachter, zu denen Geißler zählt, sprechen in diesem Zusammenhang vom "Ende des Sozialen" und warnen vor absehbaren und unabsehbaren Folgen.

Zeit gestalten heiße, Beziehungen zu gestalten - meint Christel Eckart. Neue Konzepte von Arbeit und Zeit seien daran zu messen, ob und wie sie den Bürgerinnen und Bürgern Ressourcen zur Verfügung stellen, die ein Engagement ermöglichen: sowohl außerhalb der Erwerbs- als auch außerhalb der Familienarbeit. Beziehungen seien nicht auf zwischenmenschliche Fürsorge im privaten Bereich beschränkt, sondern wesentlicher Teil menschlicher Kommunikation und Interaktion. Ihre Entfaltung setze entsprechende soziale Bedingungen voraus.

Trotz gestiegenen Zeitdrucks wenden die Deutschen heute weniger Zeit für Erwerbs- und Hausarbeit auf als noch vor zehn Jahren. Ein Grund dafür ist der Rückgang der Zahl der Erwerbsarbeitsplätze bei gleichzeitiger Zunahme des Anteils älterer Menschen. Dass auch weniger Hausarbeit geleistet wird, erklärt Claudia Pinl mit der rückläufigen Zahl der Geburten bei gleichzeitig steigendem technischen Standard der Haushalte: "Es gibt mehr Geschirrspülautomaten und weniger Kinder." Dessen ungeachtet hat sich bei der Aufteilung der Hausarbeit nichts oder so gut wie nichts verändert - ein Ergebnis, zu dem auch Vera Hewener kommt. Außerdem gehen Frauen mit Zeit anders um als Männer. Sie nehmen Zeit intensiver wahr und gestalten sie bewusster als diese - so die Autorin. Männer werteten Zeit stärker als Produktionsgröße; der metaphysische Aspekt der Zeit sei bei ihnen schwächer ausgeprägt als bei den Frauen.

Ludwig Heuwinkel skizziert die Entwicklung der Geschichte der Zeit vom Mittelalter bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts. Während noch bis zum Spätmittelalter das Prinzip der Langsamkeit herrschte, sind moderne Gesellschaften durch Beschleunigungsprozesse gekennzeichnet - mit positiven und negativen Folgen. Der Autor setzt sich damit auseinander, wie Menschen heute Zeit erleben, wobei er einen Akzent auf die negativen Folgen der Beschleunigung legt.