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23.7.2004 | Von:
Claudia Pinl

Wo bleibt die Zeit?

Die Zeitbudgeterhebung 2001/02 des Statistischen Bundesamts

Die Deutschen wenden heute weniger Zeit für Erwerbs- und Hausarbeit auf als noch vor zehn Jahren. Allerdings leisten Frauen nach wie vor den Löwenanteil an unbezahlter Arbeit.

Gesellschaftliche Arbeit - bezahlt und unbezahlt

24 Stunden hat der Tag - für jeden Menschen, egal ob alt oder jung, Mann oder Frau. Wie Menschen ihre Tageszeit verbringen, fand schon immer das Interesse von GesellschaftswissenschaftlerInnen. WirtschaftswissenschaftlerInnen interessierte demgegenüber lange lediglich die Zeit, die für Erwerbsarbeit verbraucht wird. Die bezahlten Arbeitsstunden fließen in die volkswirtschaftliche Kennzahl "Bruttoinlandsprodukt" ein. Wie die Menschen außerhalb der Büros und Betriebe ihre Zeit verbringen, galt eher als uninteressant, solange die Vorstellung dominierte, der Wert einer Volkswirtschaft bestehe ausschließlich aus den in ihr produzierten marktgängigen Waren und Dienstleistungen, alles andere gehöre zum "persönlichen Bereich". "Wer Schweine aufzieht, ist ein produktives, wer Kinder erzieht ein unproduktives Mitglied der Gesellschaft." (Friedrich List)




Zwar hatten bereits Karl Marx und Friedrich Engels analysiert, dass die "Produktion und Reproduktion der Ware Arbeitskraft" in den Familien stattfindet. In der bürgerlichen Wirtschaftslehre setzte sich aber erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Einsicht durch, dass auch die unbezahlte Erstellung von Gütern und Dienstleistungen Anteil an der Leistungsfähigkeit einer Volkswirtschaft hat. Die Frauenbewegung der siebziger und achtziger Jahre machte darauf aufmerksam, dass diese unbezahlte Arbeit im Haus und in der Landwirtschaft weltweit ganz überwiegend von Frauen erbracht wird. Solange die "Eigenarbeit" in den offiziellen Wirtschaftsstatistiken nicht berücksichtigt werde, bleibe der wesentliche Beitrag von Frauen zum Wirtschaftsleben unsichtbar, so die Kritik der internationalen Frauenbewegung. In der Bundesrepublik focht unter anderen die Gießener Haushaltsökonomin Rosemarie von Schweitzer für die statistische Darstellung der in den Privathaushalten geschaffenen Werte. 1985 forderte die UNO-Weltfrauenkonferenz in Nairobi die Staaten auf, auch den "informellen Sektor" in die Berechnung des Bruttosozialprodukts einfließen zu lassen.

Die Gegenargumente kamen schnell: Um die internationale Vergleichbarkeit zu gewährleisten, müssten die Wirtschaftskennzahlen auf die marktgängigen Waren und Dienstleistungen beschränkt bleiben. Allerdings gibt es seit 1993 eine Empfehlung der UNO, die Haushaltsproduktion als sogenanntes "Satellitensystem" in ein neues System der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen ("System of National Accounts") einzubeziehen.[1] Dies geschieht in der Bundesrepublik Deutschland seit Anfang der neunziger Jahre.


Fußnoten

1.
Vgl. Dieter Schäfer/Norbert Schwarz, Der Wert der unbezahlten Arbeit der privaten Haushalte - Das Satellitensystem Haushaltsproduktion, in: Zeit im Blickfeld. Ergebnisse einer repräsentativen Zeitbudgeterhebung. Schriftenreihe des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Band 121, Stuttgart 1996, S. 15.