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23.7.2004 | Von:
Vera Hewener

Geschlechtsspezifische Unterschiede im Umgang mit der Zeit

Unterschiedliche Zeitbedeutungen

Die Zeit als metaphysischer Bedeutungsgehalt, die individuellen Einstellungen und Haltungen zu ihr als nicht fasslichem Realitätskonstrukt standen im Blickpunkt der Frage "Was bedeutet Zeit für Sie?". Dabei wurde zwischen folgenden Haltungen differenziert: hohe Wertschätzung der Zeit, aktive Einstellung, passive, materielle, rationale und depressive Haltungen.

Mehr als ein Drittel aller Befragten gab an, eine hohe Wertschätzung von der Zeit zu haben. Unterteilt nach Geschlechtergruppen war dies beinahe jede dritte (2,8) Frau und mehr als jeder dritte (3,4) Mann, d.h., Frauen maßen der Zeit als solche mehr Bedeutung zu als Männer.

Ein Drittel der Befragten äußerte, eine aktive Einstellung zur Zeit zu besitzen; Zeit wurde mit etwas Lebendigem, Selbstbestimmtem, Gestaltbarem assoziiert, wobei die geschlechtsspezifische Abweichung hier nur gering war. Der Umgang mit der Zeit scheint für Frauen und Männer eine gleichwertige Bedeutung zu haben. Der metaphysische Bedeutungsgehalt der Zeit hat danach keine Auswirkungen auf die direkte Umsetzung in der Eigenzeit.[2] Das bedeutet, dass die Sinnhaftigkeit der Zeit als solche bzw. ihre Seinserfahrung unabhängig von der eigenen zeitlichen Orientierung ist.

11 Prozent sowohl der Frauen als auch der Männer nahmen eine eher passive Haltung zur Zeit ein. Jeder Zehnte akzeptierte danach Zeitabläufe in ihrer aktuellen Erfahrbarkeit und wertete sie als eine Determinante im Lebenslauf, als etwas Schicksalhaftes. Das aktuelle gesellschaftliche Zeitregime spiegelte sich direkt in der Werthaltung wider, d.h., hier manifestierte sich die Haltung, dass die Person selbst nicht agiert, nur reagieren kann.

Einstellungen, die einen materiellen Gegenwert zum Bezugspunkt Zeit haben wie z.B. "Geld" oder "Vermögenswert", wurden als materielle Haltung gewertet. Danach äußerten 10 Prozent der Befragten eine eher materielle Haltung, wobei es hier deutliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern gab. Nur jede vierzehnte Frau, aber jeder sechste Mann gewann der Zeit eine materielle Bedeutung ab. Einerseits spiegelte sich hier auch die unterschiedliche metaphysische Beziehung zur Zeit wider: Zeit wird von Frauen weniger mit einem Nutzeffekt in Beziehung gebracht. Andererseits wirkte sich die Rollenverteilung deutlich aus: Männer sahen in der Zeit eher einen geldwerten Vorteil, was der Rolle des Ehemannes und Vaters als Ernährer der Familie entspricht. Die Losung "Zeit ist Geld" ist danach eine männliche Konnotation.

3 Prozent der Befragten zeigten eine rationale Haltung zur Zeit. Das äußerte sich in Einstellungen wie "Uhrzeit", "Pünktlichkeit" oder "Maßeinheit", wobei diese Angaben nur von Frauen gemacht wurden. Der sorgfältige Umgang mit der Uhrzeit und Pünktlichkeit ist folglich eher eine Frauendomäne. Angesichts der Tatsache, dass nach den Sozialindikatoren der Befragten 76 Prozent der verheirateten berufstätigen Frauen auch Kinder versorgen und daher ein hohes Maß an Organisationstalent aufbringen müssen, um den Alltag zu regeln, ist dies nicht verwunderlich. Es erklärt jedoch nicht den Unterschied in der Konnotation hinsichtlich der materiellen Einstellung: Wenn Zeit Geld ist, bedarf es hierzu auch des sorgfältigsten Umgangs mit ihr.

Die Kategorie depressive Haltung beinhaltet Einstellungen, die über eine distanzierte Subjekt-Objekt-Beziehung hinausgehen. Sie negieren positive Eigenschaften der Zeit unabhängig von ihrer Quantität bzw. Verfügbarkeit und reagieren mit Rückzugstendenzen. Hierunter wurden Einstellungen wie "Langeweile", "sollte man haben", "Vergänglichkeit" oder "mehr als ich brauche" gezählt. Eine eher depressive Haltung nahmen insgesamt sechs Prozent aller Befragten ein, wobei dies geringfügig mehr männliche als weibliche Personen angaben.

Insgesamt betrachtet äußerten zwei Drittel der Befragten eine positive Einstellung zur Zeit. Die größte Abweichung bei den Geschlechtern betraf die materielle und rationale Einstellung und die Wertepräferenz insgesamt. Danach nehmen Frauen die Zeit intensiver wahr und gestalten sie bewusster. Männer hingegen werten Zeit eher als Produktionsgröße. Die Wahrnehmung der Zeit als etwas Metaphysisches scheint bei Männern weniger intensiv ausgeprägt zu sein als bei Frauen (Abbildung 1: s. PDF-Version).


Fußnoten

2.
Vgl. Helga Nowotny, Eigenzeit. Entstehung und Strukturierung eines Zeitgefühls, Frankfurt/M.-New York 1993.