APUZ Dossier Bild

23.7.2004 | Von:
Vera Hewener

Geschlechtsspezifische Unterschiede im Umgang mit der Zeit

Zeitdruck als Stressfaktor

Die Frage nach dem Zeitdruck sollte Auskunft über die Bewältigungsformen einer Situation geben. Es ging insbesondere darum, einerseits die Wirkungen von Zeitenge als Stressfaktor mit krankmachenden Auswirkungen und andererseits auch kreative Lösungen herauszuarbeiten.

Die Wertungen wurden in zwei Kategorien angeboten: Reaktion auf Zeitdruck in Form von Disstress mit psychosomatischen Symptomen und in Form von Eustress mit Kreativität und Konstruktivität. Es waren Mehrfachwertungen möglich.

Zeitdruck als Disstress

Unruhe und Nervosität waren die häufigsten Anzeichen bei Zeitdruck, und zwar sowohl in der Häufigkeitsverteilung aller psychosomatischen Reaktionen mit 46 Prozent als auch in den Geschlechtergruppen mit 85 Prozent (w) bzw. 83 Prozent (m) (vgl. Symptomliste Tabelle 1: PDF-Version). Aggression war die zweithäufigste Reaktion mit 19 Prozent aller Symptome. Auch in den Geschlechtergruppen reagierte jeweils ein Drittel der Befragten dann aggressiv, wenn die Zeit knapp wurde. An dritter Stelle wurden sowohl Magenschmerzen als auch Herzklopfen mit jeweils 11 Prozent als Symptom genannt. In den Geschlechtergruppen traten hier jedoch deutliche Abweichungen auf. 26 Prozent der Männer gaben Magenschmerzen als dritthäufigste Reaktion an, d.h. jedem Vierten schlug der Stressfaktor Zeit auf den Magen. Bei den Frauen rangierte an dritter Stelle mit 23 Prozent jedoch Herzklopfen. Zählt man den Schwindel und Kopfschmerzen als vegetative Reaktionen hinzu, waren dies 46 Prozent. Dies bedeutet, dass Zeitdruck bei fast der Hälfte der Frauen das Herz-Kreislauf-System belastete, was auch der Mortalitätsrate der Frauen an akuten Myokardinfarkten entspricht.[3] Das bedeutet, dass Frauen bei Dauerstress eher körperlich erkranken können als Männer. Bezogen auf die Gesamtgruppe wurde mindestens jeder Zweite nervös, jeder Vierte aggressiv, und jeder Siebte bekam Herzklopfen oder Magenschmerzen.

Zeitdruck als Eustress

Während Disstress von vier Prozent mehr Frauen als Männern angegeben wurde, gaben Eustress sieben Prozent mehr Männer als Frauen an. Männer können danach eher produktiv mit Stresssituationen umgehen als Frauen bzw. Frauen reagieren intensiver auf den Stressfaktor Zeit. Zwei Drittel der Befragten reagierten sowohl mit Di- als auch mit Eustress auf Zeitdruck.

Die häufigste Wertung sowohl in der Häufigkeitsverteilung aller produktiven Reaktionen bei Zeitdruck (28 Prozent; vgl. Tabelle 2: PDF-Version) als auch in den Geschlechtergruppen war die Konzentration auf das Wesentliche, und zwar bei Männern mit 42 Prozent, bei Frauen jedoch mit 57 Prozent. Frauen reagierten danach eher rational auf Zeitdruck. Diese Aussage korreliert mit der Wertepräferenz der Zeiteinschätzung, bedeutet jedoch auch, dass psychosomatische Reaktionen und Bewältigungsmuster sich nicht entsprechen müssen bzw. rationale Reaktionen auf der Verhaltensebene somatische Reaktionen nicht unbedingt verhindern. Denn obwohl fast die Hälfte der Frauen vegetative Reaktionen auf Zeitdruck zeigte, gaben mehr als die Hälfte an, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Fast jeder zweite Mann reagierte unter Zeitnot rational, jeder dritte sah darin eine Herausforderung, die seine Gesundheit nicht beeinträchtigt. Mindestens jede zweite Frau reagierte unter Zeitnot rational, jede vierte spürte einen Energiezuwachs, war daran gewöhnt und suchte soziale Lösungen. Bezogen auf die Gesamtgruppe (n = 150) gingen fast zwei Drittel der Befragten produktiv mit Zeitdruck um. Mindestens jeder Dritte konzentrierte sich auf das Wesentliche (vgl. Tabelle 2: PDF-Version).


Fußnoten

3.
57 Prozent der Todesursachen im Saarland waren 1999 Herz-Kreislauf-Erkrankungen, davon starben 14 Prozent an einem akuten Myokardinfarkt, 45 Prozent davon waren Frauen. Vgl. Statistisches Landesamt Saarland, Statistisches Jahrbuch des Saarlandes, Saarbrücken 2000, S. 20ff.