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23.7.2004 | Von:
Vera Hewener

Geschlechtsspezifische Unterschiede im Umgang mit der Zeit

Das aktuelle Zeitregime

Die Beschleunigungsgesellschaft ist unschwer an den Maximen ihrer Ökonomie auszumachen. Mobilität, Flexibilität und ständige Erreichbarkeit kennzeichnen erfolgreiche Arbeitnehmer mit Karrierechancen. Was bedeutet dies im Alltag?

Das aktuelle Zeitregime war bereits Gegenstand verschiedener Untersuchungen. Nach Claus Offe und Rolf G. Heinze nimmt der Beruf einschließlich Wegezeiten täglich 9,75 Stunden in Anspruch.[4] 9,3 Stunden des Tages werden den reproduktiven Bedürfnissen wie Essen, Körperpflege, Hausarbeit und Schlafen gewidmet. Von den 24 Stunden eines Werktages verbleiben nach einer Studie von Horst W. Opaschowski noch vier Stunden frei verfügbare Zeit, die allerdings zusammenhängend nur an Wochenenden oder zu Urlaubszeiten zur Verfügung stehen.[5]

Die Frage "Wie viele Stunden bringen Sie auf für den Beruf, die Familie, Partnerschaft, Hausarbeit, Hobby und sich selbst?" war eine Frage nach dem aktuell praktizierten Zeitregime und sollte eine Aufschlüsselung ermöglichen bzw. einen Vergleich herstellen zwischen dem gelebten Zeitregime und den bereits untersuchten.

Außerdem sollte überprüft werden, ob sich bei Aufteilung der Geschlechtsrollen Veränderungen aufzeigen lassen. Die Frage nach der Stundenzeiteinteilung enthielt eine Kategorisierung in Hausarbeit, Beruf, Familie/Kinder, Partnerschaft, Hobby und Zeit für sich selbst. Bezogen auf die Gesamtgruppe wurden 28 Prozent der Tagesstunden für die Familie und die Kinder, 22 Prozent für den Beruf, 18 Prozent für die Hausarbeit, 12 Prozent für den Lebenspartner und jeweils 10 Prozent für das Hobby und sich selbst aufgebracht.

Betrachtet man die Geschlechtergruppen getrennt, brachten Männer 33 Prozent der Tagesstunden für den Beruf, 16 Prozent für die Partnerschaft, 15 für die Familie und die Kinder, 14 für das Hobby, 13 für die Hausarbeit und 9 Prozent für sich selbst auf. 7,3 Stunden verblieben täglich für den Schlaf. Frauen brachten 31 Prozent der Tagesstunden für die Familie und die Kinder auf, jeweils 19 für die Hausarbeit und den Beruf, jeweils 11 für den Partner und sich selbst und 9 Prozent für ihr Hobby. Ihnen verblieben 7,9 Stunden für den Schlaf (vgl. Abbildung 2: PDF-Version).

Erhalt der traditionellen Familienstrukturen

Die Familienarbeit nahm Frauen täglich doppelt so lang in Anspruch wie Männer. Die Aufteilung der Hausarbeit scheint sich jedoch allmählich zu verändern. Nach der Umfrage des Gesundheitsamtes benötigten Frauen hierfür 2,4 Stunden der Tageszeit, Männer setzten 1,7 Stunden dafür ein. Die ganztägige Berufstätigkeit ist immer noch anmännlichen Arbeitnehmern orientiert. Ohne Wegezeiten lag die durchschnittliche tägliche Arbeitszeit bei 8 Stunden, womit sie etwas über den gültigen Tarifverträgen liegt. Das größte Zeitpotenzial setzte die männliche Personengruppe für den Beruf mit 33 Prozent der Stunden ein. Bei Frauen war dies die Familienarbeit mit 31 Prozent. Sie brachten genauso viel Zeit für die Hausarbeit auf wie für den Beruf. Die Familienarbeit machte bei ihnen jedoch ein Drittel der gesamten Tageszeit aus, d.h. 12 Prozent mehr als beispielsweise für den Beruf oder die Hausarbeit. Damit wurden die sozialen Ungleichheitspotenziale durch die strukturell vorgegebenen gesellschaftlichen Bedingungen bestätigt, was bedeutet, dass sich an den traditionellen Geschlechterrollen nicht viel geändert hat.

Deutliche Unterschiede bestanden auch bei der Pflege der Partnerschaft. Männer brachten für ihre Partnerinnen genauso viel Zeit auf wie für die Kinder, Frauen hingegen setzen für die Kinder dreimal so viel Zeit ein wie für die Partnerschaft. Sie investierten außerdem für ihren Partner und sich selbst gleich viel Zeit. Männer nahmen für sich selbst das geringste Zeitpotenzial in Anspruch. Bei den Hobbies konnten sie wiederum 5Prozent mehr an Tageszeit investieren als Frauen. Während sich bei der Übernahme von Hausarbeitspflichten langsam eine Angleichung vollzieht, scheint die Beziehungsarbeit immer noch eine weibliche Domäne zu sein. Die berufliche Arbeitszeit von Frauen verteilte sich durchschnittlich auf sechs Stunden, was bedeutet, dass Teilzeitarbeit bevorzugt wird.

Im Vergleich zu den Ergebnissen von Offe und Heinze ergaben sich damit in der Untersuchung des Gesundheitsamtes des Stadtverbandes Saarbrücken mehr oder weniger deutliche Verschiebungen. Der Anteil an reproduktiver Arbeit betrug in der untersuchten Gesamtgruppe 13,2 Stunden (Hausarbeit, Familie/Kinder und Schlaf), d.h. 3,9 Stunden mehr als bei Offe und Heinze. Nach Geschlechtergruppen differenziert betrug diese Zeit beim weiblichen Personenkreis 14,1 Stunden und im männlichen 11 Stunden. Die frei verfügbare Zeit, die laut Opaschowski durchschnittlich 4 Stunden beträgt, wurde mit 4,1 bestätigt. Jedoch traten auch hier deutliche Unterschiede zwischen den Geschlechtergruppen auf. Frauen verblieben nach dieser Umfrage 3,7 Stunden, Männern hingegen 5 Stunden Zeit.

Insgesamt kann gesagt werden, dass Frauen mehr Schlaf benötigen als Männer, dass Familienarbeit immer noch zunächst einmal Frauensache ist, dass berufstätige Frauen in der Regel teilzeitbeschäftigt sind und dass Männer für die partnerschaftliche Beziehung mehr Zeit investieren als Frauen.


Fußnoten

4.
Vgl. Claus Offe/Rolf G. Heinze, Organisierte Eigenarbeit. Das Modell Kooperationsring, Frankfurt/M.-New York 1990.
5.
Vgl. Horst W. Opaschowski, Freizeitökonomie: Marketing von Erlebniswelten, Opladen 1995.