APUZ Dossier Bild

23.7.2004 | Von:
Vera Hewener

Geschlechtsspezifische Unterschiede im Umgang mit der Zeit

Kommunikationshäufigkeit der Geschlechter

Kommunikation ist die Basis jedweder zwischenmenschlichen Beziehung. Wie viel Zeit nehmen sich die Menschen heute füreinander, reicht die Zeit aus, um über alltägliche Dinge hinaus füreinander da sein zu können, oder stimmt der Eindruck von der "Pinnbrettfamilie", in der sich die einzelnen Familienmitglieder per Zettelbotschaften am Pinnbrett in der Küche verständigen? Die zentrale Fragestellung war hier die Kommunikationshäufigkeit. Die Kategorisierung erfolgte nach Familienmitgliedern. Sie sollte aufzeigen, ob Ehepartner noch genügend Zeit für sich als Paar aufbringen können, wie Elternschaft sich heute im gemeinsamen Gespräch niederschlägt und ob Verwandtschaft mehr ist als die bloße Zugehörigkeit zu einer Abstammungslinie (vgl. Abbildung 3: PDF-Version).

Ingesamt verteilte sich die Kommunikationszeit auf die Kategorien wie folgt: Partnerschaft 34 Prozent, Kinder 13 Prozent, Eltern 9 Prozent, Verwandte 8 Prozent, Freunde 18 Prozent, Bekannte 10 Prozent und Geschwister 8 Prozent. Betrachtet man die Kategorien nach sozialen Gruppen, wurde in der Kernfamilie insgesamt pro Tag 2,2 Stunden miteinander kommuniziert, mit der Groß- bzw. Herkunftsfamilie 1,2 und mit dem Freundes- und Bekanntenkreis 1,4 Stunden. Das bedeutet, dass die Struktur der Großfamilie weithin nicht mehr existiert und soziale Beziehungen im sozialen Umfeld als gleichwertig zu betrachten sind bzw. dass das Gespräch mit dem Nachbarn, der Freundin, dem Kegelbruder, dem Fußballfreund etc. genauso viel bedeutet wie das Gespräch mit der Verwandtschaft. Die Kernfamilie bildet den Mittelpunkt des persönlichen Austauschs. Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern lagen in einer generell deutlich höheren Kommunikationshäufigkeit bei Frauen. Ihre Kommunikationszeit betrug insgesamt 5,1 Stunden, bei den Männern waren es nur 3,84 Stunden täglich. Väter sprachen mit ihren Kindern 20 Minuten täglich, Mütter 48 Minuten. Deutliche Unterschiede bestanden auch im Beziehungsgeflecht zur Großfamilie. Männer redeten mit ihren Eltern, Onkeln, Tanten und Geschwistern insgesamt 26 Minuten am Tag, wobei die Gesprächshäufigkeit mit Geschwistern nur wöchentlich eine sinnvolle Quantität ergab, nämlich 1,1 Stunden. Für den Freundes- und Bekanntenkreis wendeten Frauen genauso viel Zeit auf wie für die Verwandtschaft, nämlich 1,4 Stunden. Dies bedeutet auch, dass die Pflege der Beziehungen in der Großfamilie von den Frauen abhängt. Frauen verfügen danach über eine bessere Kommunikationsfähigkeit als Männer. Sie reden doppelt so lange mit ihren Kindern und dreimal so häufig mit der Verwandtschaft wie ihre Ehepartner. Auch wenn sich die Beschäftigung der Frauen deutlich zugunsten der Berufstätigkeit neben der Familienarbeit verschoben hat, bleiben hier die traditionellen Rollen erhalten.

Schlussbemerkung

Trotz des rasanten Wandels der gesellschaftlichen Strukturen bleibt die traditionelle Rollenverteilung der Geschlechter aufgrund der sozialstrukturellen Ungleichheitspotenziale erhalten. Der sich daraus ergebende Zeitdruck führt bei Frauen schneller zu Erkrankungen, messbar an der Zunahme akuter Myokardinfarkte.

Internetadressen

www.univie.ac.at/schroedinger
www.zeitverein.com
www.angewandte-forschung.de