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9.7.2004 | Von:
Hans-Georg Golz

Editorial

Mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs zerbrach die bürgerliche Gesellschaft des 19. Jahrhunderts. Die historische Forschung befindet sich auf dem Weg zu einer "Europäischen Kulturgeschichte des Ersten Weltkriegs".

Mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs im "gewitterschwülen" Sommer 1914 zerbrach die bürgerliche Gesellschaft des 19. Jahrhunderts. Die Staats- und Gesellschaftsordnungen der kriegführenden Länder erfuhren revolutionäre Umwälzungen. In Großbritannien, Frankreich und Belgien ist noch heute vom "Großen Krieg" die Rede. Neuartige Waffen wie Giftgas, Panzer, Bomberflugzeuge und Maschinengewehre forderten Millionen Opfer.

Der Anfang vom Ende der europäischen Dominanz in der Welt war eingeleitet. Die USA traten im April 1917 in den Krieg ein und stiegen zur Weltmacht auf. Nach der Oktoberrevolution begann der Aufbau des Sozialismus in der späteren Sowjetunion. In der Zwischenkriegszeit etablierten sich in Japan, Italien und in Deutschland Diktaturen. Das "Zeitalter der Extreme" (Eric Hobsbawm) hatte seine Protagonisten geboren.

Seit Fritz Fischers Buch "Griff nach der Weltmacht", das 1961 den ersten Historikerstreit der Bundesrepublik auslöste, ist die deutsche Verantwortung für den Beginn des Ersten Weltkriegs erwiesen. Zwar hatten alle Großmächte die Eskalation sehenden Auges hingenommen. Aber das Deutsche Reich schürte in der Julikrise nach dem Attentat von Sarajevo den Konflikt und trieb Österreich-Ungarn in den Krieg mit Serbien. Der Wunsch Kaiser Wilhelms II., ungehindert von den anderen Großmächten "Weltpolitik" betreiben zu können, schien sich zu erfüllen.

Der Erste Weltkrieg, den George F. Kennan "the great seminal catastrophe" des Jahrhunderts nannte, barg den Samen ("semen") des zweiten, noch fürchterlicheren globalen Krieges bereits in sich. Denn in der deutschen Geschichte führt eine direkte Linie von der Dolchstoßlegende und dem 1919 "oktroyierten" Friedensvertrag von Versailles zum chauvinistischen Wahn der Nationalsozialisten, in dem die verachtete Republik schließlich versank.

90 Jahre nach dem Kriegsbeginn am 1. August 1914 gibt es keine Zeitzeugen mehr. Statt dessen lässt sich anhand von Alltagsdokumenten die kollektive Erfahrung rekonstruieren: Feldpostbriefe, Tagebücher, Fotoalben künden vom Grauen des Massenschlachtens. Noch bis August 2004 ist im Deutschen Historischen Museum in Berlin eine Weltkriegsausstellung mit dem Untertitel "Ereignis und Erinnerung" zu sehen. Die Exponate lassen erschaudern: der Feldlazarettbaukasten als Kinderspielzeug, die Holzfigur eines betenden Soldaten, das festliche Abendkleid neben Beinprothesen. Wahnwitzig erscheint der jüngst von Michael Jürgs popularisierte, in Großbritannien schon lange zum nationalen Gedächtnis gehörende lokale "Weihnachtsfrieden" im ersten Winter an der Westfront. Deutsche, Briten und Franzosen ließen spontan die Waffen ruhen und "feierten" gemeinsam im Niemandsland. Mittlerweile gibt es zwar weniger spektakuläre, aber mannigfache Belege für Meutereien, Desertionen und Streiks, die im Laufe des Krieges auf allen Seiten zunahmen. Auch das von den nationalen Historiographien transportierte Klischee einer allgemeinen Kriegsbegeisterung 1914 muss revidiert werden.

Die Forschung befindet sich auf dem Weg zu einer "Europäischen Kulturgeschichte des Ersten Weltkriegs". Dabei sollten Ansätze einer interdisziplinären Alltags- und Mentalitätsgeschichte mit den traditionellen Forschungsthemen der Politikgeschichte verknüpft werden. Auch die lange "vergessenen" Kriegsschauplätze in Ost- und Südosteuropa rücken in den Blickpunkt. Die EU-Erweiterung begünstigt die Entwicklung eines gesamteuropäischen Geschichtsbewusstseins: Viele Mitgliedsländer der EU sind nach der Auflösung des Habsburgischen, des Osmanischen und des Zarenreiches nach Kriegsende entstanden. Polen erlangte damals seine staatliche Souveränität wieder.