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Der Erste Weltkrieg in der deutschen und internationalen Geschichtsschreibung


8.7.2004
Für die deutschen Historiker hatte der Erste Weltkrieg nie seine zentrale Rolle in der modernen Geschichte verloren. Ansätze einer Alltags- und Erinnerungsgeschichte gestatten es, traditionelle Themen mit aktuellen historiographischen Konzepten zu verbinden.

Einleitung



Anfang August 2004 jährt sich der Beginn des Ersten Weltkriegs zum neunzigsten Mal. Das historische Interesse an der "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts" (George F. Kennan) ist unverändert groß. Neue oder wieder aufgelegte Bücher, Zeitungsartikel und Magazinserien, Ausstellungen und Fernsehdokumentationen sowie eine steigende Zahl von Internetadressen deuten darauf hin, dass für Historiker, Journalisten, Ausstellungs- und Medienmacher die Beschäftigung mit dem Ersten Weltkrieg noch lange nicht abgeschlossen ist.






Dass das sogar wachsende Interesse keineswegs nur medial aufbereiteten "Erinnerungsjahren" geschuldet ist, darauf weisen steigende Besucherzahlen der einschlägigen Museen hin, so etwa das 1992 im nordfranzösischen Péronne an der Somme eröffnete, vorbildlich international konzipierte "Historial de la Grande Guerre" oder die mit modernster musealer Technik inszenierte Dauerausstellung des Weltkriegsmuseums von Ypern (Belgien) "In Flanders Fields". Für Belgier, Briten und Franzosen bleibt der Erste Weltkrieg im kollektiven Gedächtnis dieser Länder schon aufgrund der immens hohen Zahlen ihrer gefallenen, vermissten und verwundeten Soldaten stets der "Große Krieg" ("De Groote Oorlog", "The Great War", "La Grande Guerre"). Demgegenüber scheint in der Erinnerung der meisten Deutschen der Zweite Weltkrieg die Ereignisse des Ersten inzwischen überlagert zu haben - ähnlich wie das in Russland und anderen Ländern Ost- und Ostmitteleuropas der Fall ist, wo der "Große Vaterländische Krieg" schon durch die unermessliche Zahl der Opfer die Erinnerung an den Ersten weithin verdrängt hat. Inzwischen allerdings beginnt sich in Deutschland das "historische Gedächtnis" beider Weltkriege zu verändern: Mit der zunehmenden Historisierung der Ereignisse in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts werden beide Weltkriege stärker aufeinander bezogen und gemeinsam "erinnert". Das von General Charles de Gaulle in seinem Londoner Exil geprägte, in den 1950er Jahren von Raymond Aron verwandte und jüngst von Hans-Ulrich Wehler aufgegriffene Schlagwort vom "zweiten Dreißigjährigen Krieg" 1914 bis 1945 macht die Runde.[1]

Für die deutschen Historiker hatte der Erste Weltkrieg nie seine zentrale Rolle in der modernen deutschen und europäischen Geschichte verloren. Natürlich gab es Phasen unterschiedlicher Intensität bei der Beschäftigung der "Zunft" mit diesem Krieg. Der Düsseldorfer Weltkriegsforscher Gerd Krumeich hat von einem historiographischen Paradigma gesprochen, das sich in der Regel etwa alle zehn Jahre verändert habe.[2] Man sollte hinzufügen, dass einige dieser Paradigmen entschieden länger bestanden haben, bevor sie durch andere ersetzt wurden, und bei anderen wiederum stellt sich der Eindruck ein, dass sie ihre historische Wirkungsmächtigkeit nach wie vor entfalten.



Fußnoten

1.
Hans-Ulrich Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 4: Vom Beginn des Ersten Weltkriegs bis zur Gründung der beiden deutschen Staaten 1914 - 1949, München 2003(2), S. XIX, 985.
2.
Gerd Krumeich, Kriegsgeschichte im Wandel, in: Gerhard Hirschfeld/ders./Irina Renz (Hrsg.), "Keiner fühlt sich hier mehr als Mensch ..." Erlebnis und Wirkung des Ersten Weltkriegs, Frankfurt/M. 1996, S. 11.