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8.7.2004 | Von:
Gerhard Hirschfeld

Der Erste Weltkrieg in der deutschen und internationalen Geschichtsschreibung

Die Weltkriegshistoriographie 1919 bis 1945

Die Geschichtsschreibung nach dem Ersten Weltkrieg war wie die historisch-politische Debatte in der Weimarer Republik vor allem durch die so genannte "Kriegsschuldfrage" geprägt: Welches Land trug die Verantwortung für den Ausbruch des Krieges? Zur berüchtigten "Dolchstoßlegende" von Rechts gesellte sich bereits unmittelbar nach dem Ende des Krieges eine verhängnisvolle "Kriegsunschuldlegende", an deren Zustandekommen auch Repräsentanten der linken und liberalen Parteien beteiligt waren. Die "Kriegsunschuldlegende" sollte nach dem Willen zahlreicher Weimarer Demokraten als gleichsam emotionale Klammer für die auseinander strebenden politischen und gesellschaftlichen Kräfte der jungen Republik wirken. Damit erwies sich die Ablehnung des Friedensvertrages von Versailles (insbesondere die in Artikel 231 festgelegte Verantwortung für den Weltkrieg) einmal mehr als das einzige "emotional wirksame Integrationsmittel" (Hagen Schulze), über das die Republik gebot. Der Kampf gegen die alliierte "Kriegsschuldlüge" verhinderte aber zugleich den notwendigen historischen Bruch mit der Vergangenheit und trug entscheidend zur politischen wie zur "moralischen Kontinuität" (Heinrich-August Winkler) zwischen dem wilhelminischen Kaiserreich und der Weimarer Republik bei.[3]

Die von Seiten der Regierungen geforderte oder verantwortete Widerlegung der Versailler "Kriegsschuldlüge" überschattete alle anderen historiographischen Fragen. Vor allem dem eigens eingerichteten Kriegsschuldreferat des Auswärtigen Amtes oblag die Aufgabe, wenn schon nicht die vollständige, so doch die relative Unschuld Deutschlands nachzuweisen. Überraschenderweise spielten Universitätshistoriker bei dieser "wissenschaftlichen" Aufarbeitung der Kriegsschuldfrage nur eine untergeordnete Rolle. Zu der professoralen Minderheit, welche die Kampagne mittrug, gehörten die Tübinger bzw. Stuttgarter Historiker Dietrich Schäfer und Johannes Haller. Wenngleich die meisten Historiker, die fast ausnahmslos einen so genannten "nationalen" Standpunkt einnahmen, sich nach 1919 tagespolitisch abseits hielten, blieben doch die politischen Erfahrungen und der "Interpretationsrahmen" (Christoph Cornelißen) des Ersten Weltkriegs prägend. Als engagierte Befürworter der Idee eines historischen deutschen Sonderwegs - selbst der "Vernunftrepublikaner" Friedrich Meinecke sprach von der "Singularität des deutschen Problems" - lehnte die Mehrheit der Historiker die Weimarer Republik als Ausdruck westlichen Staatsdenkens und aufgezwungener politischer Ideen ab. So wurde in vielerlei Hinsicht die 1914 begonnene Kriegsdebatte über "Kultur und Zivilisation" fortgeführt. Was den Ausgang des Ersten Weltkriegs anging, so galt dieser als nicht abgeschlossene Vergangenheit.[4]

Weder in Deutschland noch in Frankreich oder Großbritannien fand der Erste Weltkrieg in den 1920er und 1930er Jahren eine historiographische Darstellung, die jenseits eng gefasster militärgeschichtlicher Fragestellungen wissenschaftlichen Ansprüchen genügt hätte. Das lange Zeit - eigentlich bis in die 1960er Jahre - vorherrschende Thema blieb die unmittelbare Vorgeschichte des Krieges und die alles dominierende Frage nach den politischen Ursachen und Verantwortlichkeiten. Da das Verhalten der deutschen Regierung in der Julikrise 1914 im Nachhinein auch von den engagiertesten Verfechtern deutscher Unschuld als zumindest ungeschickt angesehen wurde, war diedeutsche Geschichtswissenschaft bemüht, die gesamte Zeit "von Bismarck zum Weltkrieg" (Erich Brandenburg) als "Vorgeschichte" des Krieges darzustellen. Dabei suchte sie nachzuweisen, dass sich im Zeitalter des europäischen Imperialismus eine Mächtekonstellation herausgebildet habe, in der das spät erwachte, dann aber gleichsam riesenhaft wachsende Deutschland an der natürlichen Entfaltung seiner Kräfte gehindert worden sei. Deutschland habe sich vor 1914 - so die überwiegende Auffassung der deutschen Historiker - in einem Zustand notwendiger "Verteidigung" nicht allein seiner Interessen, sondern geradezu seiner Existenz befunden. Immer wieder verwiesen sie darauf, dass diese gegen Deutschland gerichtete Konstellation auch in der Julikrise wirksam gewesen sei, symbolisiert etwa in dem Bemühen der späteren Kriegsgegner, die deutschen Anstrengungen zur "Lokalisierung" des Konflikts auf einen "Kleinkrieg" Österreich-Ungarns gegen Serbien zu hintertreiben.[5]

Die vom Reichsarchiv zwischen 1925 und 1944 erarbeitete kriegsgeschichtliche Bilanz "Der Weltkrieg 1914 - 1918" stand ganz in der Tradition preußischer Generalstabswerke des 19. Jahrhunderts. Sie war geprägt vom Bemühen, die "Ehre des deutschen Heeres" (bzw. seiner Generalität) zu wahren und sie gegen jegliche "zivilistische" Kritik abzuschirmen. Die letzten beiden Bände wurden elf Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, nun vom westdeutschen Bundesarchiv, veröffentlicht. Allerdings lassen sich beim militärgeschichtlichen "Weltkriegswerk" durchaus innovative methodische Ansätze feststellen, etwa mit der Befragung von Zeitzeugen bei fehlenden Primärquellen.[6]

Auch die Historiker der "Siegermächte" unternahmen zunächst keinen Versuch, eine Gesamtdarstellung zu schreiben. Auch bei ihnen dominierte die"Generalstabshistoriographie" (Markus Pöhlmann) sowie eine grundsätzliche Trennung von militärischer und politischer Geschichte. Dies gilt etwa für das große offizielle Werk des französischen Kriegsministeriums "Les armées françaises dans la Grande Guerre", das von Aufbau und Struktur her verblüffende Ähnlichkeiten mit dem 14-bändigen "Weltkriegswerk" des Reichsarchivs aufweist. Allerdings war die der französischen Darstellung zugrunde liegende Argumentation nicht annähernd so defensiv-militaristisch wie die der deutschen.[7]

Die auffällige Zurückhaltung hing mit der weit verbreiteten Scheu vieler Historiker vor der "Zeitgeschichte" zusammen, die quellenmäßig noch weithin als ungesichert galt. Für die deutschen Historiker mag auch die Überzeugung ausschlaggebend gewesen sein, dass der Krieg mit dem Frieden von Versailles nicht aufgehört hatte. Angesichts der fortdauernden Auseinandersetzungen um die neuen nationalen Grenzen in Europa, unter dem Eindruck der Freikorpskämpfe im Baltikum und in Oberschlesien, der Rheinlandbesetzung und des "Kampfes um die Ruhr" sowie geprägt von der in der Gesellschaft der Weimarer Republik vorhandenen allgemeinen Gewaltbereitschaft setzte sich "der Krieg in den Köpfen" (Jost Dülffer) gleichsam als "Krieg nach dem Krieg" fort.[8] In den 1920er Jahren wurden die weit verbreiteten Studien französischer und angelsächsischer Historiker und Publizisten, welche die deutsche Kampagne gegen die Kriegsschuld untermauern sollten, von deutschen Regierungsstellen, vor allem vom Kriegsschuldreferat des Auswärtigen Amtes, finanziell unterstützt.[9]

Einen bemerkenswerten Kontrapunkt bildeten die bis heute von der Weltkriegsforschung weithin übersehenen Länderstudien der amerikanischen Stiftung Carnegie Endowment for International Peace. Auch wenn der wissenschaftliche Ertrag der in 18 nationalen Serien (von 1911 bis 1941) versammelten Studien sehr unterschiedlich ausfällt, so enthalten doch etliche der Forschungsarbeiten interessantes Material. Dies gilt für die Untersuchungen sowohl zu den ökonomischen Entwicklungen und staatlichen Maßnahmen während des Krieges wie zu den sozialen und mentalen Kriegsfolgen, beispielsweise Moritz Liepmanns wichtige Studie über "Krieg und Kriminalität in Deutschland" von 1930.[10]

In den ersten Jahren der nationalsozialistischen Diktatur änderten viele deutsche Historiker nur ihre Fragestellung. Statt "Wer war für den Ausbruch verantwortlich?" lautete nun das verbreitete Leitmotiv: "Was ging schief, und wie können wir verhindern, dass sich ähnliche Fehler künftig wiederholen?" Auf der Basis historischer Stereotypen und gleichsam mythischer Beschwörungen von Schlachtenorten wie Tannenberg, Langemarck und Verdun vollzog sich die "Wehrhaftmachung" der deutschen Geschichtsschreibung.[11] Die militärischen Siege über Belgien und Frankreich im Frühsommer 1940 wurden vom NS-Regime als das wahre Ende des Ersten Weltkriegs gefeiert, wobei sich die Führung der Zustimmung der meisten Deutschen sicher sein konnte. Selbst liberale und konservative Gegner des Regimes, so der Historiker Friedrich Meinecke, empfanden diese Siege als persönliche Genugtuung. In einem Brief an seinen Kollegen Siegfried Kaehler von Anfang Juli 1940 bekannte Meinecke: "Freude, Bewunderung und Stolz auf dieses Heer müssen zunächst auch für mich dominieren. Und Straßburgs Wiedergewinnung! Wie sollte einem da das Herz nicht schlagen."[12]

Im Herbst 1940 fanden in Verdun und auf dem Soldatenfriedhof von Langemarck militärische Gedenkfeiern statt, die das Ende des Ersten Weltkriegs symbolisieren sollten. Bereits am 12. Juni 1940 war im "Völkischen Beobachter" ein Bild erschienen, auf dem ein Wehrmachtsoldat zu sehen war, der die Reichskriegsflagge (mit Hakenkreuz) in französischen Boden pflanzte. Darunter stand der Satz, den der Wehrmachtsoldat den imaginierten Kameraden des Ersten Weltkriegs zurief: "Und Ihr habt doch gesiegt."[13]


Fußnoten

3.
Vgl. Ulrich Heinemann, Die verdrängte Niederlage. Politische Öffentlichkeit und Kriegsschuldfrage in der Weimarer Republik, Göttingen 1987; Hagen Schulze, Weimar. Deutschland 1917 - 1933, Berlin 1994; Heinrich-August Winkler, Weimar 1918 - 1933, München 1993; Gerd Krumeich (Hrsg.), Versailles 1919. Ziele - Wirkung - Wahrnehmung, Essen 2001.
4.
Vgl. Christoph Cornelißen, Politische Historiker und deutsche Kultur. Die Schriften und Reden von Georg von Below, Hermann Oncken und Gerhard Ritter im Ersten Weltkrieg, in: Wolfgang. J. Mommsen (Hrsg.), Kultur und Krieg. Die Rolle der Intellektuellen, Künstler und Schriftsteller im Ersten Weltkrieg, München 1996, S. 119 - 142; ders., Gerhard Ritter. Geschichtswissenschaft und Politik im 20. Jahrhundert, Düsseldorf 2001; Ernst Schulin, Weltkriegserfahrung und Historikerreaktion, in: ders./Wolfgang Küttler/Jörn Rüsen (Hrsg.), Geschichtsdiskurs Bd. 4: Krisenbewusstsein, Katastrophenerfahrung und Innovation 1880 - 1945, Frankfurt/M. 1997, S. 165 - 188, vgl. jetzt auch Klaus Große Kracht, Kriegsschuldfrage und zeithistorische Forschung in Deutschland, in: Internetportal Erster Weltkrieg, www.erster-weltkrieg.clio-online.de.
5.
Vgl. Erich Brandenburg, Von Bismarck zum Weltkrieg, Leipzig 1939; vgl. hierzu auch Gerd Krumeich/Gerhard Hirschfeld, Geschichtsschreibung zum Ersten Weltkrieg, in: dies./Irina Renz (Hrsg.), Enzyklopädie Erster Weltkrieg, Paderborn 2004(2), S. 304 - 315; K. Große Kracht (Anm. 4).
6.
Vgl. Markus Pöhlmann, Kriegsgeschichte und Geschichtspolitik: Der Erste Weltkrieg. Die amtliche deutsche Militärgeschichtsschreibung 1914 - 1956, Paderborn 2002.
7.
Vgl. G. Krumeich/G. Hirschfeld (Anm. 5), S. 307.
8.
Jost Dülffer/Gerd Krumeich (Hrsg.), Der verlorene Frieden. Politik und Kriegskultur nach 1918, Essen 2002.
9.
Vgl. Harry Elmer Barnes, The Genesis of the World War, New York 1926; Sidney B. Fay, The Origins of the World War, 2 Bde., New York 1929; Mathias Morhardt, Die wahren Schuldigen. Die Beweise, das Verbrechen des gemeinen Rechts, das diplomatische Verbrechen, Leipzig 1925; Bernadotte E. Schmitt, The Coming of the War 1914, 2 Bde., New York 1930.
10.
Carnegie Endowment for International Peace (Hrsg.), Summary of Organization and Work 1911 - 1941, Washington, D.C. 1941.
11.
Karen Schönwälder, Historiker und Politik. Geschichtswissenschaft im Nationalsozialismus, Frankfurt/M. 1992; Peter Schöttler (Hrsg.), Geschichtsschreibung als Legitimationswissenschaft, Frankfurt/M. 1997.
12.
Ludwig Dehio/Walter Classen (Hrsg.), Friedrich Meinecke: Ausgewählter Briefwechsel, Stuttgart 1962, S. 364.
13.
Susanne Brandt, Bilder von der Zerstörung an der Westfront und die doppelte Verdrängung der Niederlage, in: Gerhard Hirschfeld/Gerd Krumeich/Dieter Langewiesche/Hans-Peter Ullmann (Hrsg.), Kriegserfahrungen. Studien zur Sozial- und Mentalitätsgeschichte des Ersten Weltkriegs, Essen 1977, S. 439 - 454, hier S. 453.