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8.7.2004 | Von:
Gerhard Hirschfeld

Der Erste Weltkrieg in der deutschen und internationalen Geschichtsschreibung

Die neue Weltkriegsforschung: Alltags- und Mentalitätsgeschichte

Seit Mitte der 1980er Jahre beobachten wir eine sehr unterschiedliche Herangehensweise der Historiker an die Geschichte des Ersten Weltkriegs. Es begann die Rückkehr des Individuums auf die historische Bühne und die Entdeckung des methodischen Ansatzes der so genannten "Alltagsgeschichte". "Alltag" ist kein exakter wissenschaftlicher Begriff, eher handelt es sich um einen "Sammelbegriff für unterschiedliche Formen und Annäherungen an die Alltagserfahrungen von Menschen" (Detlev Peukert).[24] Die Vertreter des Konzepts der "Alltagsgeschichte" sprachen von einem "radikalen Ansatz ohne theoretische und methodische Überfrachtung". Nicht von ungefähr wurden sie von ihren Kritikern, darunter den Vertretern der historischen Sozialwissenschaften Hans-Ulrich Wehler und Jürgen Kocka, wegen ihres Verzichts auf eine explizite theoretische Fundierung als "Barfuß-Historiker" bezeichnet, für die emotionale Hinwendung kritische Reflexion und Analyse ersetzen.[25] Für die Weltkriegsforscher war die Aneignung der Konzepte einer "Geschichte von unten", wie die Alltagsgeschichte gern charakterisiert wird, aber nicht nur ein wissenschaftlicher Reflex auf eine methodische Neuorientierung eines Teils der Geschichtswissenschaft. Der damals einsetzende Paradigmenwechsel war das Ergebnis eines tief empfundenen Unbehagens mit bisher beschrittenen historiographischen Wegen: der Politik- und Diplomatiegeschichte mit ihrer Betonung der Rolle der militärischen, politischen und wirtschaftlichen Eliten oder dem Ansatz der historischen Sozialwissenschaften, die sich mit ökonomischen und sozialen Strukturen beschäftigten, wobei das Individuum zumeist in einer abstrakten sozialen Gruppe oder Klasse verschwand.

Trotz der zweifellos vorhandenen Wertschätzung sozialhistorischer Konzepte und Ansätze lautete der Haupteinwand, den die Alltags- und Mentalitätshistoriker gegenüber einer reinen Strukturgeschichte erhoben, dass diese weithin eine "Geschichte des Krieges ohne den Krieg" sei.[26] Sie sei nicht in der Lage, sich mit dem wichtigsten Gegenstand der Geschichte angemessen auseinanderzusetzen, dem Menschen, und sie habe einen zentralen Aspekt der menschlichen Existenz im Kriege vernachlässigt: das so genannte "Kriegserlebnis". Nach eigenem Bekunden verstanden sich die Alltagshistoriker vor allem als Anwälte des gemeinen Soldaten. "Der Krieg des kleinen Mannes" lautete der Titel eines Sammelbandes, den der Freiburger Militärhistoriker Wolfram Wette als "Militärgeschichte von unten" 1992 veröffentlichte.[27] Wettes einführende Bemerkung, dass die etablierte Militärgeschichte sich bislang mit dem "kleinen Mann" nicht ausreichend beschäftigt habe, mochte für die deutsche Militärgeschichte zutreffen, für die britischen oder französischen Historiker der Weltkriege konnte sie nicht gelten.

Besonders in Großbritannien bestand schon immer ein ausgeprägtes Interesse an dem unbekannten Krieger, den "nur Gott kennt" (wie es in Rudyard Kiplings Formulierung "known only unto God" auf englischen Soldatengräbern eingemeißelt steht). Die Bedeutung des gemeinen Soldaten unterliegt zwar Schwankungen der historischen Konjunktur, doch in den Büchern von John Keegan, Denis Winter, Martin Middlebrook und Lyn Macdonald - um nur einige zu nennen - war die Figur des "Tommy Atkins" - wie man den gemeinen Soldaten in Großbritannien zu nennen pflegt - stets vorhanden.[28] Eine ähnliche Tradition, die subjektiven Erfahrungshorizonte der einfachen Leute zu ermessen, existiert auch in Frankreich. Die beinahe klassisch zu nennende Dokumentensammlung "Vie et mort des Françaises, 1914 - 1918" (zusammengestellt von André Ducasse, Jacques Meyer und Gabrielle Perreux) trägt nicht von ungefähr den Untertitel "Simple histoire de la Grande Guerre".[29]

Verglichen mit Großbritannien und Frankreich war das Interesse der deutschen Historiker am "kleinen Mann" (oder der "kleinen Frau") nur wenig ausgeprägt. Die Quellenedition der deutsch-amerikanischen Historikerin Hanna Hafkesbrink, die diese 1948 unter dem Titel "Unknown Germany. An inner chronicle of the First World War based on letters and diaries" veröffentlichte, blieb in Deutschland weithin unbekannt.[30] Drei Jahre nach dem Ende eines weiteren und für die Deutschen noch weitaus schrecklicheren Krieges konnte es kaum überraschen, dass kein deutscher Historiker von Hafkesbrinks Brief- und Tagebuchsammlung Notiz nahm - heute ist sie nahezu vergessen.

Mit dem Paradigmenwechsel in der Weltkriegsforschung hin zu einer Geschichte des Alltags im Krieg richtete sich das Interesse der Historiker verstärkt auf das "Kriegserlebnis": Wie erlebten Menschen aller Schichten - die Soldaten an der Front wie auch Frauen, Männer und Kinder in der Heimat - den Krieg? Hat der Krieg neue soziale Gegensätze geschaffen, oder bestätigte er nur den bestehenden gesellschaftlichen Status? Was bedeutete die Trennung der Soldaten von ihren Familien? Welche Rollen wurden den Frauen innerhalb und außerhalb der Familie zugewiesen? Brachte der Krieg für sie - wie gerne behauptet wird - einen Zugewinn an gesellschaftlicher und politischer Emanzipation? Welches Bild von den Weltkriegsfeinden existierte in der Bevölkerung und welche Mechanismen zu seiner Stabilisierung waren notwendig? An welche Ereignisse erinnerten sich die Menschen nach 1918, und wie gingen sie mit dieser Erinnerung unter den Bedingungen der Nachkriegsgesellschaft um?

Diese Art des "Kriegserlebnisses", die sowohl die Erfahrungen der Schützengräben als auch die der "Heimatfront" darzustellen trachtete, hatte wenig mit jenem soldatischen Blick gemein, der vor allem die nationalistische Erinnerungsliteratur der Weimarer Zeit beherrscht hatte. Zwischen Ernst Jüngers Tagebuchbeschreibungen des "stahlgewitternden" Krieges und seiner literarischen Schöpfung eines "Neuen Menschen" (des kämpfenden Mannes) auf dem Schlachtfeld und der empirischen Rekonstruktion der Kriegswirklichkeit durch die Alltagshistoriker liegen Welten - einmal abgesehen von Jüngers radikal-ästhetischen und auch politischen Auffassungen. Die Mehrheit der Kriegsteilnehmer konnte sich wohl kaum mit demvon ihm propagierten Draufgängertum der "Fürsten des Grabens mit den harten, entschlossenen Gesichtern (...) mit scharfen blutdürstigen Augen" identifizieren, wie Jünger die Soldaten an der Westfront in seinem frühen Werk "In Stahlgewittern" zu charakterisieren suchte.[31] Jüngers heroische Deutung war eine "ideologische Verzerrung der tatsächlichen Abläufe und mehr noch der mentalen Dispositionen und der Motive" der meisten Frontsoldaten.[32]

Die zu Beginn des Krieges propagierten Ideale der individuellen Tapferkeit und des selbstlosen Einsatzes für das Vaterland wurden rasch obsolet; gefragt waren Leidensfähigkeit und Durchhaltevermögen unter widrigsten Verhältnissen. Der heldenhafte Kampf unter den Bedingungen des Stellungskriegs reduzierte sich auf die Erfahrung von Kälte, Schlamm und Nässe, auf das Ertragen von Ungeziefer und Krankheiten und die verzweifelten Versuche, dem Artillerie- und Schrapnellbeschuss zu entkommen. Angesichts des anonymen Massensterbens verlor der Tod des Einzelnen seine Sinnhaftigkeit, nicht nur deshalb, weil die Körper der Gefallenen häufig bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt waren.[33] Bemerkenswerterweise stellte gerade diese Vorstellung für die Soldaten häufig genug eine traumatische Perspektive dar. "Durch die Kugel zu sterben, scheint nicht schwer; dabei bleiben die Teile unseres Wesens unversehrt; aber zerrissen, in Stücke gehackt, zu Brei gestampft zu werden, ist eine Angst, die das Fleisch nicht ertragen kann", so die Beschreibung der Todesumstände auf dem Schlachtfeld durch einen Soldaten in einem Feldpostbrief an seine Familie.[34]

Entscheidend für die Beschäftigung mit Kriegsalltag, Mentalitäten und den Erlebnissen der Menschen im Krieg war nicht zuletzt ein erweiterter Umgang mit den Quellen: mit Tagebüchern und Erinnerungen, mit Front- und Soldatenzeitungen, mit Bildern und Fotografien sowie vor allem mit den Kriegsbriefen, die in beide Richtungen zwischen der Front und der Heimat versandt wurden, der so genannten Feldpost. Vor allem die Entdeckung der Soldatenbriefe als einer bis vor kurzem noch weithin ungesicherten "popularen" Quelle erwies sich als wichtige Informationsgrundlage.[35] Feldpostbriefe, wie sie sich zu Tausenden in den Archiven des Londoner Imperial War Museums oder der Stuttgarter Bibliothek für Zeitgeschichte finden, stellen eine bedeutende Quelle für die "Erforschung der populären Kultur und der totalen Mobilisierung unter den Bedingungen industrieller Kriegführung" dar, so Aribert Reimann, der einen aufschlussreichen Vergleich zwischen deutscher und britischer Feldpost unternommen hat.[36]

Die Heranziehung privater Briefe zur Rekonstruktion des "Kriegsalltags" (Peter Knoch) ist unerlässlich, um jene Menschen zum Sprechen zu bringen, die sonst stumm geblieben wären. Einfache Soldaten, Bauern, Arbeiter und Angestellte wurden im Krieg angehalten - die Soldaten in regelmäßigen Abständen durch die so genannte "Schreibstunde" an der Front oder in der Etappe-, über ihre Erlebnisse Rechenschaft abzulegen. Natürlich gab es eine militärische Zensur, aber diese hatte auf die Art und Weise, wie Soldaten mit der Heimat kommunizierten, geringe Auswirkungen.[37] Für den Historiker gibt es vor allem methodische Probleme: Das offenkundige Unvermögen mancher Soldaten, sich angemessen zu artikulieren, oder aber die Absicht der Schreiber, ihren Familien den Horror des Krieges zu ersparen, zwingen dazu, "zwischen den Zeilen" zu lesen. Entsprechende Dokumentationen existieren auch für das "Alltagsleben" an der "Heimatfront", so in den Briefen und Tagebuchaufzeichnungen von Ehefrauen und Kindern, die den Gatten und Vater über die Ereignisse daheim auf dem Laufenden halten wollten. Private Briefe sind - neben Tagebüchern, Fotos und Frontzeitungen - die wichtigsten Quellen für die neue historiographische Annäherung an die Alltagsgeschichte des Ersten Weltkriegs. Ganz so neu allerdings sind derartige Dokumente keineswegs: Die zuerst 1916 publizierte Briefsammlung des Freiburger Germanistikprofessors Philipp Witkop, "Kriegsbriefe gefallener Studenten", stieß nach 1928 sowohl in Deutschland als auch - dank zahlreicher Übersetzungen - im Ausland auf ein auflagenstarkes Echo.[38] Eine vergleichbare Sammlung entstand Ende der 1920er Jahre, vermutlich unter dem Eindruck der Witkopschen Edition, in Großbritannien (Sammlung Laurence Housman).[39]


Fußnoten

24.
Detlev Peukert, Alltagsgeschichte - eine andere Perspektive, in: ders., Volksgenossen und Gemeinschaftsfremde. Anpassung, Ausmerze und Aufbegehren unter dem Nationalsozialismus, Köln 1982, S. 21 - 26.
25.
Vgl. Hans-Ulrich Wehler, Neoromantik und Pseudorealismus in der neuen "Alltagsgeschichte", in: ders., Preußen ist wieder chic... Politik und Polemik in zwanzig Essays, Frankfurt/M. 1983, S. 99 - 106; Jürgen Kocka, Kritik und Identität, in: Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte, (1986) 10, S. 890 - 897.
26.
Hierzu G. Krumeich (Anm. 2), S. 14f.
27.
Wolfram Wette (Hrsg.), Der Krieg des kleinen Mannes. Eine Militärgeschichte von unten, München-Zürich 1992, S. 9 - 47.
28.
Hierzu u.a. John Keegan, The Face of Battle. A Study of Agincourt, Waterloo and the Somme, London 1976; Denis Winter, Death's Men. Soldiers of the Great War, London 1978; Martin Middlebrook, The First Day on the Somme, London 1971; Lyn Macdonald, They called it Passchendaele. The Story of Ypres and the Men who fought in it, London 1978; dies., 1914 - 1918: Voices and Images of the Great War, London 1988.
29.
André Ducasse/Jacques Meyer/Gabrielle Perreux, Vie et mort des Françaises, 1914 - 1918, Paris 1962.
30.
Hanna Hafkesbrink, Unknown Germany. An inner chronicle of the First World War based on letters and diaries, New Haven 1948; vgl. hierzu auch Christian Geinitz, Kriegsfurcht und Kampfbereitschaft. Das Augusterlebnis in Freiburg, Essen 1998, S. 11f.
31.
Ernst Jünger, Tagebücher I. Der Erste Weltkrieg, in: ders., Sämtliche Werke, Bd. 1, Stuttgart 1978, S. 9 - 300; hierzu Hans-Harald Müller, "Im Grunde erlebt jeder seinen eigenen Krieg". Zur Bedeutung des Kriegserlebnisses im Frühwerk Ernst Jüngers, in: ders./Hasso Segeberg (Hrsg.), Ernst Jünger im 20. Jahrhundert, München 1995.
32.
Wolfgang J. Mommsen, Kriegsalltag und Kriegserlebnis im Ersten Weltkrieg, in: Militärgeschichtliche Zeitschrift, 59 (2000), S. 125 - 138, hier S. 135.
33.
Vgl. ebd., S. 128. Vgl. auch Tony Ashworth, Trench Warfare 1914 - 1918, London 1980.
34.
Zit. von Klaus Latzel, Die mißlungene Flucht vor dem Tod. Töten und Sterben vor und nach 1918, in: Jörg Duppler/Gerhard P. Groß (Hrsg.), Kriegsende 1918. Ereignis, Wirkung, Nachwirkung, München 1999, S. 188.
35.
Vgl. die Beiträge in Peter Knoch (Hrsg.), Kriegsalltag. Die Rekonstruktion des Kriegsalltags als Aufgabe der historischen Forschung und der Friedenserziehung, Stuttgart 1989; Klaus Latzel, Vom Kriegserlebnis zur Kriegserfahrung, in: Militärgeschichtliche Mitteilungen, 56 (1997), S. 1 - 30.
36.
Aribert Reimann, Der große Krieg der Sprachen. Untersuchungen zur historischen Semantik in Deutschland und England zur Zeit des Ersten Weltkriegs, Essen 2000. Anm. der Redaktion: Vgl. auch den Beitrag von Aribert Reimann in diesem Heft.
37.
Vgl. Bernd Ulrich, Die Augenzeugen. Deutsche Feldpostbriefe in Kriegs- und Nachkriegszeit 1914 - 1933, Essen 1997, S. 78 - 105.
38.
Die erste Ausgabe erschien als "Kriegsbriefe deutscher Studenten" (Gotha 1916), die zweite (1918) und dritte (München 1928), stark veränderte Auflage dann unter dem bekannten Titel. 1942 betrug die Auflage 200 000 Exemplare. Hierzu Manfred Hettling/Michael Jeismann, Der Weltkrieg als Epos. Philipp Witkops "Kriegsbriefe gefallener Studenten", in: G. Hirschfeld u.a. (Anm. 2), S. 205 - 234.
39.
Vgl. Laurence Housman, War Letters of Fallen Englishmen, London 1930; vgl. hierzu Neil Jakob, Representation and commemoration of the Great War, in: Retrospect. Journal of the Irish History Students Association, (2001).