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8.7.2004 | Von:
Laurence van Ypersele

Belgien im "Grande Guerre"

Noch vor Kriegsende wurde das "heroische" Belgien in Gestalt des Frontkämpfers und das Martyrium des Landes in Gestalt der Zivilisten in den besetzten Gebieten glorifiziert. Den idealisierten Darstellungen steht das Grauen der erlebten Wirklichkeit gegenüber.

Einleitung

Belgien scheint im Ersten Weltkrieg eine Sonderrolle gespielt zu haben. Das kleine Land, das trotz seiner Neutralität in den Krieg hineingezogen worden war, kannte nach dem deutschen Überfall nur noch die Front und besetzte Gebiete. Als noch junger Staat, in dem die Kirche eine dominierende Position gewahrt hatte, war seine nationale Identität noch kaum ausgeprägt. Belgien hat daher eine andere Erinnerung an den Krieg als die anderen Kriegsteilnehmer.






Zwischen 1914 und 1918 haben die Belgier, grob gesprochen, drei Erfahrungen gemacht: an der Front (die Dörfer jenseits der Yser im Nordwesten bildeten kein wirkliches Hinterland), unter der Besatzung (was die Massaker an Zivilisten einschließt) und im Exil (davon war immerhin etwa eine halbe der rund sieben Millionen Belgier betroffen). Noch vor Kriegsende wurde das "heroische" Belgien in Gestalt des Frontkämpfers und das Martyrium des Landes in Gestalt der Zivilisten in den besetzten Gebieten glorifiziert. Einzig die Exilbelgier, nach Meinung der Mehrheit mit Drückebergern gleichzusetzen, blieben von der kollektiven Erinnerung ausgeschlossen.

Im Verlauf des Krieges veränderte sich das Selbstbild Belgiens radikal. Von nun an machten von anderen verhöhnte Unschuld, Treue gegenüber dem Recht, Mut und Ehre, Heldentum und Martyrium die belgische Identität aus; Symbol dafür war der König und Erste Soldat seines Landes. Bemerkenswert ist die Bedeutung des Martyriums für die belgische Identität. Tatsächlich wurde das Gedenken in Belgien nicht völlig von der Figur des Soldaten eingenommen. Daneben stand das Bild des Erschossenen und des Deportierten. Diese Dreiheit ("Combattant-Fusillé-Déporté") findet sich auf zahllosen Monumenten und spiegelte sich auch in den politischen Diskussionen der Zwischenkriegszeit wider: Ruhm und Martyrium lassen sich in Belgien nicht voneinander trennen. Es waren nicht zuletzt solche Idealisierungen, die dazu führten, dass sich der Unmut der Bevölkerung im November und Dezember 1918 gegen die Landesverräter richtete und deren strenge Bestrafung forderte.

Den idealisierten Darstellungen von Belgien während des Krieges steht die erlebte Wirklichkeit gegenüber: die unerhörte Gewalt, die Misshandlungen, der Schrecken der Schützengräben, die Massaker an Zivilisten im August 1914 und die beinahe vollständige Zerstörung der meisten Städte, die Deportation von Zivilisten im Oktober und November 1916, das tägliche Elend und die systematischen Plünderungen in einem besetzten Land.