APUZ Dossier Bild
1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 Pfeil rechts

Der Erste Weltkrieg - Urkatastrophe oder Katalysator?


8.7.2004
Als "Urkatastrophe" erscheint der Erste Weltkrieg, wenn die Periodisierung auf den Kriegsausbruch verlegt wird oder sich die Perspektive auf die deutsche Geschichte verengt. Eine differenzierte Deutung wird den Krieg als Chiffre der "Krise der klassischen Moderne" würdigen.

Einleitung



Zum 90. Jahrestag des Kriegsausbruchs von 1914 erlebt die deutsche Öffentlichkeit eine publizistische Großoffensive - von der "Enzyklopädie Erster Weltkrieg" über eine Welle von neuen Handbüchern bis hin zur unvermeidlichen "Spiegel"-Serie in fernsehmagazintauglicher Aufmachung.[1] So unterschiedlich die Qualität der Beiträge auch ist, sie alle scheinen auf ein öffentliches Bedürfnis zu reagieren, das den "großen Krieg" von 1914 bis 1918 auf seine welthistorische Bedeutung hin befragt.






Seit 1979 steht allen Autoren die griffige Formel George F. Kennans zur Verfügung, wonach es sich bei diesem Krieg um die "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts" gehandelt habe, ein welthistorisches Desaster, das in seinen unmittelbaren Auswirkungen auf Gesellschaft und Politik bereits den Keim des Zweiten Weltkriegs und des Kalten Krieges in sich getragen habe. Eine gewisse - bereits zeitgenössische - Verklärung der Zeit von vor 1914 mag mit im Spiel sein, wenn die Zäsur des Kriegsausbruchs jahrzehntelang so verbreitet und prominent das kollektive Geschichtsbewusstsein bestimmt hat, sei es, wenn Friedrich Meinecke 1946 von der "Deutschen Katastrophe" sprach, oder wenn Hans-Ulrich Wehler jüngst in Anlehnung an Engels, Moltke und de Gaulle die Jahre von 1914 bis 1945 als "Dreißigjährigen Krieg" bezeichnet.[2] Der Betrachter kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass im publizistischen Kampf um Auflage und Gehör diejenige Deutung begünstigt wird, welche die jeweils pointierteste und prägnanteste Epochenetikettierung hervorzaubert.

Innerhalb der deutschen Geschichtswissenschaft mag bei diesem Epochendenken auch die Fischer-Kontroverse eine Rolle spielen, in deren Verlauf die so genannte Kontinuitäts-These kontrovers diskutiert wurde.[3] Fischers Analyse der Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland legte den Vergleich mit den nationalsozialistischen Hegemonieplänen nahe und verband zumindest die außenpolitische und die militärische Logik beider Kriege zu einer "Weltkriegsepoche". Neben den politischen Konflikten, die sich unter der Oberfläche der Fischer-Kontroverse vermuten lassen, entwickelte sich auch ein jahrzehntelanger Streit um die Möglichkeit der Historisierung des Zweiten Weltkriegs und des nationalsozialistischen Herrschaftssystems, der inzwischen wieder abgeflaut zu sein scheint. Fischers Deutungsangebot war eben auch der erste Versuch, dem Zweiten Weltkrieg seinen historischen Ort innerhalb der jüngeren deutschen Geschichte zuzuweisen, und dabei avancierten die Entfesselung des Ersten Weltkriegs und die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland zur Wurzel allen Übels.

So wichtig der Hinweis auf Kontinuitäten deutscher Hegemonialpolitik im 20. Jahrhundert bleibt, so sehr hat eine solche Perspektive auch eine merkwürdige Enthistorisierung des Ersten Weltkriegs zur Folge. Als "Auftakt und Vorbild" (Wehler) für die nationalsozialistischen Angriffskriege und Völkermorde gerät der Erste Weltkrieg zur bloßen Generalprobe für das eigentliche Objekt des historischen Interesses, den Zweiten Weltkrieg, aus dessen Geschichte allzu leicht Fragestellungen und Erkenntnisinteressen ahistorisch auf jenen früheren Krieg übertragen werden. Wenn die Fischer-Kontroverse wichtige Beiträge zur Historisierung des Zweiten Weltkriegs geleistet hat, so besteht mehr denn je die Notwendigkeit, den Ersten Weltkrieg systematisch in den spezifischen historischen Kontext einzuordnen, der allein eine angemessenere Charakterisierung ermöglicht.

Auf die teleologischen Probleme und Verkürzungen, die sich aus dem Gebrauch der Begriffe "Urkatastrophe" oder "Dreißigjähriger Krieg" ergeben, haben kürzlich Belinda Davis und Bruno Thoß hingewiesen.[4] Die im Französischen und Englischen gebräuchliche Bezeichnung des Krieges als "La Grande Guerre" bzw. "The Great War" erfreuen sich wieder größerer Beliebtheit, weil sie den Ersten Weltkrieg aus dem Schatten des Zweiten heraustreten lassen und als eigenständiges historisches Phänomen begreifen. Eine populärwissenschaftliche Publikation von Jay Winter und Blaine Baggett gipfelt allerdings in einem Ausblickskapitel, das ausführlich auf die nationalsozialistische Vernichtungspolitik eingeht.[5]

Eine bloße Umkehrung der Perspektive allein genügt zwar noch nicht, um den Versuchungen der Teleologie zu entgehen, aber zumindest verspricht die Frage nach den kulturellen Folgen des Ersten Weltkriegs eine angemessenere Sichtweise als diejenige nach den Wurzeln der mörderischen Katastrophe des Zweiten Weltkriegs. Historisierung bedeutet zuallererst Kontextualisierung, und ein wissenschaftlicher Zugriff tut gut daran, den Ersten Weltkrieg an seinem spezifischen Ort zu verstehen zu versuchen.[6] Dabei können analytische Zuspitzungen auf Teilaspekte des Krieges Differenzierungen ermöglichen und den Betrachter vor leichtfertigen Pauschalurteilen bewahren. Die Frage nach dem Epochencharakter des Ersten Weltkriegs soll an dieser Stelle im Bereich des Militärs, der globalen Kontexte, der Verwissenschaftlichung zeitgenössischer Wahrnehmungs- und Handlungsmuster, in gesellschaftshistorischer Perspektive sowie in den Bereichen der Erfahrungsgeschichte und der politischen Kultur eine jeweils spezifische Antwort erfahren. Das Ergebnis wird kein griffiges Gesamturteil sein, sondern eine differenzierte Bewertung der historischen Funktion des Krieges für Politik, Gesellschaft und Kultur des beginnenden 20. Jahrhunderts.


1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 Pfeil rechts
Alles auf einer Seite lesen

Fußnoten

1.
Gerhard Hirschfeld/Gerd Krumeich/Irina Renz (Hrsg.), Enzyklopädie Erster Weltkrieg, Paderborn 2003; Wolfgang J. Mommsen, Die Urkatastrophe Deutschlands. Der Erste Weltkrieg 1914 - 1918 (Handbuch der deutschen Geschichte Bd. 17), Stuttgart 2002; Michael Salewski, Der Erste Weltkrieg, Paderborn 2002; Roger Chickering, Das Deutsche Reich und der Erste Weltkrieg, München 2002; Volker Berghahn, Der Erste Weltkrieg, München 2003; Michael Howard, Kurze Geschichte des Ersten Weltkriegs, München 2004. Vgl. auch Spiegel special, (2004) 1: Die Ur-Katastrophe des 20. Jahrhunderts. Die Titelillustration vereint unmissverständlich Wilhelm II. und Hitler.
2.
Friedrich Meinecke, Die deutsche Katastrophe. Betrachtungen und Erinnerungen, Wiesbaden 1946; Hans-Ulrich Wehler, Der zweite Dreißigjährige Krieg. Der Erste Weltkrieg als Auftakt und Vorbild für den Zweiten Weltkrieg, in: Spiegel special (Anm. 1), S. 138 - 143.
3.
Fritz Fischer, Griff nach der Weltmacht. Die Kriegsziele des kaiserlichen Deutschland 1914 - 1918, Düsseldorf 1961; ders., Krieg der Illusionen. Die deutsche Politik von 1911 - 1914, Düsseldorf 1969; vgl. den Bilanzierungsversuch von Gregor Schöllgen, Griff nach der Weltmacht? 25 Jahre Fischer-Kontroverse, in: Historisches Jahrbuch, 106 (1986), S. 386 - 406.
4.
Vgl. Belinda Davis, Experience, Identity, and Memory: The Legacy of World War I, in: Journal of Modern History, 75 (2003), S. 111 - 131; Bruno Thoß, Die Zeit der Weltkriege - Epochen als Erfahrungseinheit?, in: ders./Hans-Erich Volkmann (Hrsg.), Erster Weltkrieg - Zweiter Weltkrieg. Ein Vergleich, Paderborn 2002, S. 7 - 30.
5.
Vgl. Jay Winter/Blaine Baggett, 1914 - 1918. The Great War and the Shaping of the 20th Century, London 1996.
6.
Vgl. dazu grundlegend B. Thoß (Anm. 4).