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24.6.2004 | Von:
Peter Steinbach

Der 20. Juli 1944 - mehr als ein Tag der Besinnung und Verpflichtung

Wandel der Erinnerung an den Widerstand

Vor allem die Erwähnung der Widerstandsgruppen um Arvid Harnack und Harro Schulze-Boysen und deren Ehefrauen war in den fünfziger Jahren kaum opportun. Gerhard Ritter hatte sich, im Unterschied zu Hans Rothfels, in seiner Biografie von Karl Friedrich Goerdeler deutlich gegen die Würdigung der "Roten Kapelle" ausgesprochen und Verbindungen zwischen dem kommunistischen Widerstand und der SED-Führung hergestellt. Walter Ulbricht und Wilhelm Pieck im Zusammenhang mit dem kommunistischen Exil als Gegner des NS-Staates als Zeitgenossen zu schildern, die, auf der Seite Stalins stehend, zugleich versuchten, das NS-Regime von außen zu bekämpfen, war umso weniger möglich, als die SED-Führung propagandistisch alles daran setzte, den Widerstand gegen den Nationalsozialismus als kommunistisch geführt und von Moskau angeleitet erscheinen zu lassen. Dass es unabhängige kommunistische Widerstandsgruppen um Uhrig, Bästlein und Saefkow gab und dass das Nationalkomitee Freies Deutschland und der Bund Deutscher Offiziere zwar mit Stalins Einverständnis gebildet worden waren, aber eigenständig urteilende Anhänger aufwies, das zu erkennen weigerten sich viele Zeitgenossen.

Versuche, Hitlers Herrschaft von außen zu bekämpfen, erschienen geradezu als Parteinahme für die Interessen einer fremden Macht. Vor allem der Anspruch, Hitlers Diktatur durch die Zusammenarbeit mit einer anderen bekämpft zu haben, erregte manche Gemüter. Dies sei Verrat gewesen, wurde akzentuiert, unter der Assistenz schließlich auch rechtsextremistischer Wochenzeitungen. Die auf Besitzergreifung zielende Auseinandersetzung um Widerstandsbegriffe und Erscheinungsformen der Widerständigkeit - vor allem das "Risiko" des Kampfes innerhalb des NS-Staats wurde hervorgehoben - zeigte rasch, dass es nicht um eine reflektierte Klärung von diskussionswürdigen Grundproblemen des Verhältnisses zwischen Anpassung und Resistenz, von Selbstbehauptung und Protest, gar von Konspiration und Verschwörung bis hin zum Attentat vom 20. Juli 1944 ging, sondern vor dem Hintergrund kollektiven Durchhaltewillens oder einer bis in die letzten Tage des Krieges währenden Verstrickung vieler in die NS-Zeit um die nachträgliche Rechtfertigung persönlicher Positionen. Denn letztlich stellte sich mit der Frage nach dem Widerstand das Problem des persönlichen Verhaltens im "Dritten Reich".

Während des Braunschweiger Remer-Prozesses, den Angehörige von Widerstandskämpfern des 20. Juli 1944 im Jahre 1952 gegen den damaligen SRP-Funktionär und ehemaligen Wehrmachtsmajor Otto-Ernst Remer angestrengt hatten, hob Generalstaatsanwalt Fritz Bauer hervor: "Am 20. Juli 1944 war das deutsche Volk total verraten von seiner Regierung, und ein total verratenes Volk kann nicht mehr Gegenstand eines Landesverrats sein." Diese Klarstellung sollte den verbreiteten Verratsvorwurf gleichsam im Keim ersticken. Diejenigen, die sich gegen Hitler ausgesprochen und den Nationalsozialismus bekämpft hatten, sollten nicht länger als "Verräter" bezeichnet werden können. Als eigentlicher Verräter galt Bauer hingegen Hitler, dessen Verbrechen von seinen Anhängern oder willigen Gefolgsleuten nicht erkannt worden waren.

Eine weitere Differenzierung ergab sich aus der Unterscheidung von Widerstandsmotivationen, Verfolgungserfahrungen und Oppositionszielen. Sie drückte sich während der frühen fünfziger Jahre besonders deutlich in den Generalklauseln des Bundesentschädigungsgesetzes von 1953 aus. Heftige konträre Bewertungen unterschiedlicher Gruppen waren seitdem durchgängige Begleiterscheinung der Widerstandsdiskussionen. Die damit einhergehende Distanzierung vom Gesamtwiderstand wurde durch die Kritik an den Emigranten verstärkt, und zwar durch jene, die dem Nationalsozialismus und seiner Politik nach 1933 folgten oder ihr verfügbar blieben. Der Rechtfertigung des eigenen passiven Gehorsams standen dabei Hinweise auf nationale Gemeinsamkeiten, auf die angeblich von Hitler ausgehende Faszination, auf den "Eid" oder auch auf die innere Übereinstimmung vieler mit seinen Zielen, in der Regel allerdings mit Ausnahme der Ermordung der Juden, zur Verfügung. Wurde der Widerstand in diesem Zusammenhang von ehemaligen Angepassten und Mitläufern noch kritisch-distanziert betrachtet, so lehnten viele Zeitgenossen das Exil nicht selten vollständig ab. Neben Selbstmord und Desertion galt die Emigration als einer der moralisch tiefststehenden und niedrigen Versuche, den Nationalsozialismus zu bekämpfen.

Mitte der fünfziger Jahre schien sich jedoch ein Wandel in der Beurteilung des Widerstands zu ergeben, der zum einen außen- und verteidigungspolitische Veränderungen spiegelte, zum anderen aber auch die Diskussion zwischen einer nachwachsenden Generation und der Generation ihrer Eltern über das "Dritte Reich" reflektierte. DieArgumentationsstrategie der Selbsterklärung wurde von den Zeitzeugen modifiziert: Der verbrecherische Charakter des Regimes wurde zwar nicht generell abgestritten, jedoch in der Regel von den persönlichen Lebenserfahrungen getrennt ("Nichts gesehen, nichts gewusst!") oder mit Nachkriegserfahrungen aufgerechnet: Flucht, Vertreibung, Vergehen sowjetischer Soldaten, Teilung Deutschlands und Kriegsgefangenschaft wurden abwehrend angeführt, wenn der verbrecherische Charakter des Regimes konstatiert und als politisch-moralische Herausforderung für die Zeitgenossen gedeutet wurde.

In den Kontroversen der achtziger Jahre wurde ein Grundkonflikt der Nachkriegszeit sichtbar, der unter dem Eindruck des in Gedenkfeiern zur Erinnerung an den Widerstand ritualisierten Konsenses aus dem Bewusstsein geraten war. Widerstand gegen den Nationalsozialismus zielte nicht auf die hehre Feierlichkeit von Nachgeborenen, die ihre persönlichen politischen Ziele auf den Gegensatz zum Nationalsozialismus beziehen wollten, sondern wirkte als Stachel im Fleisch der Zeitgenossen der NS-Zeit. Deshalb brachen immer wieder geschichtspolitische Kontroversen auf, die ihre Schubkraft nicht zuletzt aus der Realität des Völkermords an den Juden, der Verfolgung politischer Gegner und der mit allen Mitteln durchgesetzten Homogenisierung der Gesellschaft zogen. Mit den Verbrechen des "Dritten Reiches" wurde der Widerstand aber nicht nur historisch legitimiert, sondern er warf die grundlegende Frage nach dem Verhalten der Zeitgenossen auf. Indem sich manche der Angepassten und Gehorsamen von den moralisch krampfhaft diskreditierten Widerstandszielen, -formen und -gruppen insbesondere der politischen Linken distanzierten, rechtfertigten sie zugleich ihr eigenes Verhalten. Hinweise auf totalitäre Ziele kommunistischer Regimegegner, auf das bewusst vermiedene Risiko eines Widerstands von außen oder auf das egoistische und deshalb menschlich verwerfliche Paktieren mit fremden "Gewahrsamsmächten" sollen das persönliche Fehlverhalten der nicht zum Widerstand entschlossenen und befähigten "Mitläufer" erklären.