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24.6.2004 | Von:
Peter Steinbach

Der 20. Juli 1944 - mehr als ein Tag der Besinnung und Verpflichtung

Was bleibt?

Inzwischen hat sich ein integrales Verständnis des Widerstands durchgesetzt. Es will die Verfolgung und Selbstbehauptungsbestrebungen von Regimegegnern, die unterschiedliche Traditionen verkörperten, auf die antipluralistische, antirechtsstaatliche, antiparlamentarische und antiliberale bzw. antimarxistische Herrschaftspraxis des Regimes beziehen. Alles andere würde das mit dem Selbstverständnis des Grundgesetzes zusammenhängende Konzept der streitbaren Demokratie rückwirkend in die NS-Zeit verlängern und dabei übersehen, dass die individuellen Grund- und Menschenrechte selbstverständlich auch dem politischen Gegner zustehen.

Es kommt nicht mehr darauf an, dass sich der Historiker als Staatsanwalt oder Weltgericht versteht, sondern er hat die Vielfalt von Herausforderungen zu begreifen, die das Jahrhundert der Diktaturen dem Individuum zumutete. Sechzig Jahre nach dem Attentat sind die Konflikte zwischen den Zeitgenossen und den Generationen ausgetragen. Zurück bleibt eine Chance: die Konfrontation mit einem Widerstand, in dem sich der Einzelne, legitimiert durch sein Gewissen, auf seine höchste Verantwortung beruft. Verkörperte sich im Widerstand nicht die Frage nach Geltungsgründen und Zielen politischer Herrschaft, die Interaktionen von Menschen prägen und rechtfertigen können, aber auch kritisierbar machen? So betrachtet, stellt sich in jedem Widerstandskämpfer eine Frage, die sich mit anderen zu einem Komplex bündelt, der Widerstandsgeschichte nur zu einem in der historisch-politischen Deutung zu bewältigenden Bereich der Sinndiskussion und -reflexion (also nicht Sinngebung oder gar -stiftung) machen kann, wenn die Nachlebenden in der historischen Erinnerung die Pluralität des Widerstands selbst aushalten können und als Bereicherung empfinden.