30 Jahre Mauerfall Mehr erfahren
APUZ Dossier Bild

24.6.2004 | Von:
Ulrich Pfeil

"Nicht alle Deutschen haben ein Herz aus Stein"

Das Bild des deutschen Widerstands in Frankreich nach 1945

Zwischen Kollektivschuldthese und völkerverbindenden Ansätzen

Die Siegermächte taten sich nach Kriegsende schwer damit, dem deutschen Widerstand moralisch-rechtliche Legitimation und politische Bedeutung zuzusprechen. Vielmehr tabuisierten sie seinen Beitrag zur Geschichte des "Dritten Reiches" und hielten an der Kollektivschuld der Deutschen fest, die auch in Frankreich die dominierende Haltung gegenüber dem östlichen Nachbarn darstellte. So hütete sich gerade Charles de Gaulle nach der libération, exkulpatorische Vorlagen zu geben, welche die Deutschen als Anreiz für einen bruchlosen Marsch in eine postfaschistische Gesellschaft auffassen bzw. zur Selbststilisierung als Opfer des NS-Regimes hätten nutzen können. Anders stellte sich schon die Situation für die französische Militärregierung in ihrer Zone dar, wo Wiederaufbau und Entnazifizierung die Identifizierung unbelasteter Deutscher aus Widerstand und Verweigerung erforderten, um sie umgehend in den Demokratisierungsprozess einzubinden.[5]

Auch in der französischen Öffentlichkeit blieb die Kollektivschuldthese nicht die einzige Reaktion, wie die Sondernummer der von Jean-Paul Sartre herausgegebenen Zeitschrift "Les Temps modernes" vom August/September 1949 dokumentiert.[6] Diese mit zeitlicher Verzögerung erschienene Ausgabe reflektierte die vielfältigen Motivationen der deutschen Widerständler und konzentrierte sich ihrem linken Anspruch folgend auf den Widerstand der Arbeiterbewegung, ohne dem 20. Juli trotz einer kritischen Würdigung die Legitimation zu verweigern. "Les Temps modernes" gehörte damit zu jenen intellektuellen Strömungen in Europa, die sich nach dem Zusammenbruch der deutschen Herrschaft an der öffentlichen Erinnerung und mentalen Auseinandersetzung mit den von den Nationalsozialisten betriebenen bzw. ausgelösten Formen von Verfolgung, Verbrechen und Widerstand beteiligten. Dieses auch in Frankreich zu beobachtende Interesse an der geistigen Überwindung des Nationalsozialismus[7] kam in der Übersetzung von Schriften zum Ausdruck, in denen überlebende Hitlergegner und Familienangehörige von Ermordeten den Nachweis eines "anderen" Deutschland erbringen wollten.[8] Darüber hinaus war es dem interessierten Leser über die französischen Ausgaben zweier autobiografischer Zeugnisse aus dem Kreis der Verschwörergruppe um Claus Schenk Graf von Stauffenberg möglich, sich einen Eindruck von den verschlungenen Wegen zu verschaffen, die Mitglieder preußischer Adelsfamilien in den Widerstand und zum Entschluss geführt hatten, sich am Attentat vom 20. Juli 1944 zu beteiligen.[9]

Maxime Mourin,[10] der sich 1948 auf den militärischen und aristokratischen Widerstand konzentrierte und für seine Darstellung die unmittelbar nach Kriegsende erschienenen Bücher als Quellengrundlage nutzte, wies zugleich auf die Problematik dieser Schriften hin, die nicht nur die Existenz eines "anderen" Deutschlands bezeugen wollten, sondern auch von apologetischen Gedanken motiviert gewesen seien. Mourin weigerte sich, den deutschen Widerstand auf eine Stufe mit den Widerstandsbewegungen in den anderen europäischen Ländern zu stellen. Seine Vorbehalte verweisen auf die nachlassende Bindekraft der Neuordnungsgedanken aus dem europäischen Widerstand, dessen Vertreter sich noch während des Krieges für eine europäische Föderation, die friedliche Beteiligung des deutschen Volkes am europäischen Leben und die Notwendigkeit einer deutsch-französischen Versöhnung ausgesprochen hatten.[11] In der französischen Innenpolitik gerieten die auf Solidarität und Brüderlichkeit beruhenden europäischen Föderationskonzepte unter die Räder des sich deutlich herausbildenden Dualismus zwischen Gaullisten und Kommunisten und ihrer betont nationalen Politik. In dieser Hochphase instrumentalisierter Geschichtsbilder mit dem für jene Zeit so charakteristischen Bemühen um dichotomische Weltbilder gingen manche sogar so weit, die Existenz eines deutschen Widerstandes gänzlich in Frage zu stellen, wie Edgar Wolfrum schreibt: "Je geschlossener das 'Nazi-Volk' präsentiert wurde, um so eindrucksvoller ließ sich die historische Leistung der Franzosen - die Résistance und die Libération des Vaterlandes - herausstreichen."[12]

Dieser die französische Innenpolitik bestimmende geschichtspolitische Konkurrenzkampf um das Erbe der Résistance ließ in der Folge nur wenig Platz für eine Rezeption des deutschen Widerstandes, der in Frankreich in den fünfziger Jahren in Vergessenheit geriet und bis in die sechziger Jahre aus dem öffentlichen Diskurs verdrängt wurde. Wie wir ausführlich sehen werden, barg der von der Résistance ausgehende Perzeptionsrahmen aber bereits die Keimzelle für einen offeneren Blick auf den deutschen Widerstand: Trotz aller parteipolitischen und ideologischen Rivalitäten, die sich um den Résistance-Mythos als Gründungsideologie der IV. Republik rankten und den innerfranzösischen "Kalten Krieg" bestimmten, sprachen weder die Vertreter des äußeren noch die des inneren Widerstands ihren zu politischen Widersachern gewordenen ehemaligen "Kampfgenossen" die Legitimation ab.[13]


Fußnoten

5.
Vgl. Edgar Wolfrum, Frankreich und der deutsche Widerstand gegen Hitler 1944 - 1964. Von der Aberkennung zur Anerkennung, in: Gerd R. Ueberschär (Hrsg.), Der 20. Juli. Das "andere Deutschland" in der Vergangenheitspolitik, Berlin 1998, S. 68 - 81, hier: S. 73ff.; Hanne Stinshoff/Edgar Wolfrum, Résistance allemande? Der deutsche Widerstand im Gedächtnis Frankreichs 1944 - 2000, in: Gerd R. Ueberschär (Hrsg.), Der deutsche Widerstand gegen Hitler. Wahrnehmung und Wertung in Europa und den USA, Darmstadt 2002, S. 39 - 52; Bernard Ludwig, L'image de la résistance allemande en France depuis 1945, in: Bulletin d'information de la Mission historique française en Allemagne, 34 (1998), S. 44 - 54.
6.
Les Temps modernes, 5 (1949) 46/47.
7.
Vgl. als zeitgenössische Zusammenstellung über die Rezeption des deutschen Widerstandes im Ausland: Friedrich Siegmund-Schultze, Die deutsche Widerstandsbewegung im Spiegel der ausländischen Literatur, Stuttgart 1947.
8.
Vgl. Ernst Wiechert, Le Bois des morts, Paris 1947; Eugen Kogon, L'enfer organisé. Le système des camps de concentration, Paris 1947; Hans Bernd Gisevius, Jusqu'à la lie, Paris 1947; Allen W. Dulles, L' Allemagne souterraine, Genf - Paris 1947; Günther Weisenborn, Mémorial, Paris 1950.
9.
Vgl. Ulrich von Hassell, D'une autre Allemagne. Journal posthume 1938 - 1944, Paris - Neuchâtel 1946; Fabian von Schlabrendorff, Officier contre Hitler, Paris 1948.
10.
Vgl. Maxime Mourin, Les complots contre Hitler (1938 - 1945), Paris 1948.
11.
Vgl. Franz Knipping, Rom, 25. März 1957. Die Einigung Europas, München 2004, S. 38.
12.
E. Wolfrum (Anm. 5), S. 72.
13.
Vgl. Henry Rousso, Le syndrome de Vichy de 1944 à nos jours, Paris 19902, S. 315; Etienne François, Die späte Debatte um das Vichy-Regime und den Algerienkrieg in Frankreich, in: Martin Sabrow u.a. (Hrsg.), Zeitgeschichte als Streitgeschichte. Große Kontroversen seit 1945, München 2003, S. 264 - 287.