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24.6.2004 | Von:
Ulrich Pfeil

"Nicht alle Deutschen haben ein Herz aus Stein"

Das Bild des deutschen Widerstands in Frankreich nach 1945

Konvergenz und Kooperation

Wenn sich auch die Widerstandsdeutungen französischer und westdeutscher Historiker in den achtziger Jahren angenähert hatten, so bedurfte es erst der deutschen Vereinigung und der Entideologisierung der Geschichtswissenschaft, um der Konvergenz in der Widerstandsforschung den Weg zu bahnen. Zu ihrer Grundlage wurde die institutionelle Vernetzung von vergleichender Forschung zu Widerstand bzw. Résistance in Deutschland und Frankreich und eine damit einhergehende Tiefen- und Breitenwirkung in der Öffentlichkeit. Ausgangspunkt war der 50. Jahrestag des 20. Juli, zu dem die deutsch-französische Zeitschrift "Documents" eine Themennummer vorlegte,[40] die am 21. Juli 1994 am Goethe-Institut in Lille vorgestellt wurde und Signalwirkung besaß.

Ein Jahr später erwuchs aus einer im September 1994 unterzeichneten Vereinbarung zwischen Paris und Berlin eine Kooperation zwischen der Gedenkstätte Deutscher Widerstand und dem im März 1995 ins Leben gerufenen Mémorial du Maréchal Leclerc de Hautecloque et de la Libération de Paris - Musée Jean-Moulin. Erstes sichtbares Ergebnis dieser Zusammenarbeit war die Ausstellung "Des Allemands contre le nazisme, 1933 - 1945", die der interessierten Öffentlichkeit in einer für Frankreich adaptierten Fassung zuerst in Paris (November 1995) und dann in verschiedenen französischen Provinzstädten präsentiert wurde.[41] Das Kulturabkommen zwischen den Hauptstädten war Ausgangspunkt für ein wissenschaftliches Kolloquium, das im Mai 1996 mit Unterstützung und durch Zusammenarbeit von offiziellen Stellen und wissenschaftlichen Institutionen in Paris stattfand. Zum ersten Mal trafen sich deutsche und französische Historiker mit Zeitzeugen aus den verschiedenen Widerstandsgruppen, um zum einen aus transnationaler Sicht die Existenz eines Allemagne autre que celle du nazisme zu bezeugen, zum anderen, um das Ende verschiedener Legenden einzuläuten.[42] Dass die Anstrengungen der neunziger Jahre auf beiden Seiten des Rheins kein wissenschaftliches Strohfeuer blieben, sondern Ausgangspunkt für eine interpretative Konvergenz und eine bis heute lebendige Kooperation waren,[43] bezeugt der Sammelband über Frauen in der Résistance in Frankreich, unter ihnen auch deutsche Frauen,[44] sowie eine gerade abgeschlossene Ausstellung in Paris über Attentate gegen Hitler.[45]

Um die Forschungsergebnisse zum deutschen Widerstand der nachwachsenden Generation zugänglich zu machen, wurden in den neunziger Jahren vor allem gesellschaftliche bzw. schulische Multiplikatoren in die Erinnerungsarbeit eingebunden. Diesem Bemühen entsprach die Entscheidung, das "Dritte Reich" (1996/97) und "Widerstand und Exil" (1997/98) als Landeskundethemen in die staatlich-zentralisierten Lehrerexamina CAPES und Agrégation (Germanistik) aufzunehmen.[46] Von 2000 an legten darüber hinaus drei französische Germanisten Gesamtdarstellungen zum deutschen Widerstand vor, die von einem ideengeschichtlichen Ansatz Ursprünge und Praktiken widerständigen Verhaltens zwischen 1933 und 1945 zu erklären versuchen.[47] Während sich Gilbert Merlio und Barbara Köhn der Historisierung ihres Gegenstandes verpflichtet fühlen, stehen in der Studie von Gilbert Badia trotz aller Mäßigung im Urteil und veränderten Schwerpunktsetzungen auch heute noch politisch motivierte Fragestellungen im Vordergrund, die bei dem (in der Tat defizitären) Forschungsstand der siebziger Jahre ansetzen und mit denen der Autor einen "Ausgleich" zu von bundesdeutschen Historikern "willentlich" gelassenen Forschungslücken schaffen will. Dagegen wirkt es wie ein demonstrativer Akt gegen ideologische Vereinnahmung und politisch motivierte Einschränkungen des Widerstandsspektrums in Frankreich und Deutschland, dass die bereits 1953 erschienene Erzählung "Der lautlose Aufstand" von Günther Weisenborn 2000 in französischer Übersetzung erschien, gehörte der Autor seinerzeit doch zu den wenigen, die den Arbeiterwiderstand in ihre Erwägungen miteinbezogen.[48]

Das populärwissenschaftliche Interesse für eine résistance inconnue bzw. für Einzelschicksale unbekannter Männer und Frauen im Widerstand[49] zeugt von einem Streben nach kontinuierlicher Differenzierung des Widerstandsbildes in Frankreich[50] und dem in Deutschland festzustellenden Bemühen, das gesamte Spektrum des Kampfes gegen den Nationalsozialismus zu erfassen und dieses auch französischen Schülern zugänglich zu machen, die in ihren Geschichtsbüchern nach wie vor nur wenig über die Thematik erfahren. Zu diesem Zweck organisierten aus Anlass der Eröffnung der Ausstellung "Vom Widerstand zur Demokratie - De la Résistance à la démocratie" im Februar 2002 in Toulouse die Berliner Gedenkstätte und die Universität Toulouse-Le Mirail ein vom Deutsch-Französischen Jugendwerk[51] unterstütztes trinationales Treffen mit polnischer Beteiligung, in dem sich Studenten mit der Widerstandsarbeit von Deutschen und Polen in der Résistance beschäftigten. Der Diskussion um Widerstand im Namen universeller Werte im Spannungsfeld unterschiedlicher nationaler Interpretationen kommt in diesen Veranstaltungen nicht nur eine Brückenfunktion in die Vergangenheit zu, sondern wird von den Veranstaltern auch als identitätsstiftendes Mittel genutzt, um eine gemeinsame europäische Zukunft zu gestalten.

Widerstand als Fähigkeit zum "Nein-Sagen", weil das Gewissen keinen anderen Ausweg mehr zulässt, eine Haltung, welche in Frankreich in Charles de Gaulle (L'homme qui a dit 'non') seine Personifizierung findet, betonte auch die eingangs genannte ehemalige französische Europaministerin Noëlle Lenoir in ihrer Ansprache für Freiherr von Boeselager. Sie ordnete sie jenen Grundwerten zu, auf denen die europäische Integration beruhe. Auch wenn es aus Versöhnungsperspektive zu begrüßen ist, dass die Existenz eines "anderen" Deutschlands heute in Frankreich nicht mehr in Frage gestellt wird und dem Thema Widerstand eine grenzüberschreitende, identitäre Brückenfunktion zukommt, so sollte eine Frage nicht aus den Augen verloren werden: Warum blieb der Widerstand gegen Hitler ein "Widerstand ohne Volk", wenn nicht alle Deutschen ein Herz aus Stein hatten, wie es in einem jüngst übersetzten Zeitzeugenbericht heißt?[52]


Fußnoten

40.
Vgl. "Non à Hitler. Oppositions et résistances contre le régime nazi", in: Documents, 49 (1994) 2.
41.
Vgl. den Ausstellungskatalog: Les musées de la ville de Paris (Hrsg.), Des Allemands contre le nazisme, 1933 - 1945, Paris 1995.
42.
Vgl. zur Vorgeschichte des dann veröffentlichten Bandes die einleitenden Worte in: Ch. Levisse-Touzé/St. Martens (Anm. 21).
43.
Es muss ebenso als Form von Anerkennung des deutschen Widerstandes gewertet werden, dass Hartmut Mehringer im Jahr 2000 für eine Überblicksdarstellung (Widerstand und Emigration. Das NS-Regime und seine Gegner, München 1997) den nach einem berühmten résistant benannten Prix Philippe Vianney erhielt.
44.
Vgl. Mechtild Gilzmer/Christine Levisse-Touzé/Stefan Martens (Hrsg.), Les femmes dans la Résistance en France, Paris 2003.
45.
"Conjurations et attentats contre Hitler", Paris, 8. November 2003 bis 25. April 2004.
46.
Vgl. die zur Vorbereitung der Studenten veröffentlichten Sammelbände: Gilbert Krebs u.a. (Hrsg.), Etat et société en Allemagne sous le IIIe Reich, Asnières 1997; François Knopper u.a. (Hrsg.), Le National-socialisme: une révolution?, Toulouse 1997; Gilbert Krebs u.a. (Hrsg.), Exil et Résistance au national-socialisme 1933 - 1945, Asnières 1998; Françoise Knopper u.a. (Hrsg.), Les résistants au IIIe Reich en Allemagne et dans l' exil. Pensée et action, Toulouse 1997; Hélène Roussel u.a. (Hrsg.), Exil, Résistance, "Autre Allemagne". L' opposition allemande au 3e Reich, Nanterre 1998.
47.
Vgl. Gilbert Badia, Ces Allemands qui ont affronté Hitler, Paris 2000; Gilbert Merlio, Les résistances allemandes à Hitler, Paris 20032; Barbara Koehn, La résistance allemande contre Hitler 1933 - 1945, Paris 2003.
48.
Vgl. Günther Weisenborn, Une Allemagne contre Hitler. Préface de Alfred Grosser, Paris 2000/2003.
49.
Vgl. Anne Sizaire, Les roses du mal. Résistants allemands au nazisme, Lyon 1995 und Paris 2000; Gilbert Merlio, Ces Allemandes qui luttèrent contre Hitler, in: Historia, 663 (2002).
50.
Vgl. Roland Pfefferkorn (Hrsg.) La résistance allemande contre le nazisme, Straßburg 1998; Un attentat contre Hitler. Procès-verbaux des interrogatoires de Johann Georg Elser, traduction et présentation de Bénédicte Savoy, Arles 1998; http://resistanceallemande.online.fr.
51.
Vgl. Hans Manfred Bock (Hrsg.), Deutsch-französische Begegnung und europäischer Bürgersinn. Studien zum Deutsch-Französischen Jugendwerk 1963 - 2003, Opladen 2003, S. 190.
52.
Vgl. Marie Kahle, Tous les Allemands n'ont pas un cur de pierre. Récit de la fuite de la famille Kahle hors de l'Allemagne nazie, Paris 2001 (What would you have done? The story of the escape of the Kahle family from Nazi-Germany, London 1945).