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17.6.2004 | Von:
Ludwig Watzal

Editorial

Sport und Politik sind enger miteinander verbunden als allgemein angenommen. So haben sportliche Veranstaltungen immer auch eine symbolische und politische Bedeutung. Die enge Liaison zwischen Politik und Fußball lässt sich am Beispiel der Schweiz gut verdeutlichen.

Sport und Politik sind enger miteinander verbunden als allgemein angenommen. So haben sportliche Veranstaltungen immer auch eine symbolische und politische Bedeutung. Ein Ereignis der besonderen Art war der Sieg der deutschen Fußballnationalmannschaft über das legendäre ungarische Team 1954 im Finale der Weltmeisterschaft. Dieses "Wunder von Bern" jährt sich in diesem Jahr zum fünfzigsten Mal. Es wird noch eines weiteren Ereignisses gedacht: des Sieges der Nationalmannschaft der DDR über die Bundesrepublik am 22. Juni 1974 im Hamburger Volksparkstadion. Jürgen Sparwassers Siegtor 13 Minuten vor Schluss im einzigen Aufeinandertreffen beider Mannschaften hatte das Selbstbewusstsein der Fußballfans im Westen schwer erschüttert. Der Klassenkampf auf dem Rasen ging damals zugunsten der DDR aus, und die Fußballer trugen ihr Scherflein zum 25. Jahrestag des Bestehens der Republik bei. Die meisten DDR-Bürger wollten sich über den Sieg "ihrer" Mannschaft jedoch nicht so recht freuen, spielten doch ihre Lieblingsfußballer in der Bundesliga. Wie tragisch diese Niederlage auch gewesen sein mag, wegen der leichteren Gruppengegner in der Zwischenrunde brachte sie doch die bundesdeutsche Nationalmannschaft der Weltmeisterschaft näher. Drei weitere Ereignisse sind 1974 noch erwähnenswert: Der 1. FC Magdeburg gewann am 8. Mai 1974 in Rotterdam den Europapokal der Pokalsieger. Zwei Tage vorher war Bundeskanzler Willy Brandt wegen der Guillaume-Affäre von seinem Amt zurückgetreten, und Deutschland gewann am 7. Juli gegen Holland im Münchener Olympiastadion die Fußballweltmeisterschaft.

Die enge Liaison zwischen Politik und Fußball lässt sich am Beispiel der Schweiz gut verdeutlichen. 1908 fand das erste deutsche Länderspiel überhaupt statt - gegen die Schweiz. Diese brach zweimal die "Blockade" gegen den Kriegsverlierer aus Deutschland. Nach dem Ersten Weltkrieg war Deutschland als Kriegstreiber so geächtet, dass niemand gegen das Land Fußball spielen wollte. Die Schweiz, die bis 1913 jährlich gegen eine deutsche Auswahl gespielt hatte, beendete am 27. Juni 1920 die Isolation Deutschlands durch ein Spiel in Zürich. Auch während der NS-Diktatur spielten beide Teams noch 1941 und 1942 gegeneinander. 1948 hatte der Internationale Fußballverband (FIFA) die Wiederzulassung von Spielen mit Deutschland strikt untersagt. Es war wieder die Schweiz, die trotz dieses Verbots 1950 im Stuttgarter Neckarstadion gegen Deutschland antrat.

Die FIFA feiert in diesem Jahr ihr 100-jähriges Bestehen. In Paris gegründet, hat sie bis heute maßgeblichen Einfluss darauf, wie und nach welchen Regeln Fußball gespielt wird. Die Geschichte der weltweiten Verbreitung des Fußballs beschreibt Christiane Eisenberg. Der historischen Entwicklung anderer Sportarten wie Turnen und Sport unter Einschluss von Frauen widmet sich Ilse Hartmann-Tews. Der Fußballsport ist völlig kommerzialisiert und medialisiert worden. Fußballer gehören zu den Spitzenverdienern und sind umworbene Aushängeschilder der Werbebranche. Dieses Beziehungsgeflecht von Kommerz, Medien und Fußball beschreibt Dirk Schindelbeck. Neben der Geschichte des Fußballs ziehen Helmut Digel und Verena Burk einen internationalen Vergleich des Hochleistungssports unter besonderer Berücksichtigung des Bildungs- und Erziehungssystems und des Militärs. Welchen gesellschaftspolitischen Beitrag der Fußball leisten kann, zeigt Norbert Seitz in seinem Essay anhand des "Wunders von Bern" auf. Es sei ein Teil des deutschen "Geschichtsgefühls" geworden.