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Mittendrin statt nur dabei?

Zur Entwicklungsdynamik von Fußball, Medien und Kommerz


17.6.2004
Der Fußballsport ist völlig kommerzialisiert und medialisiert worden. Fußballer gehören zu den Spitzenverdienern und sind umworbene Aushängeschilder der Werbebranche. Dieses Beziehungsgeflecht von Kommerz, Medien und Fußball beschreibt Dirk Schindelbeck.

"Begeisterung für eine edle Sache ..."



"Das deutsche Volk in seiner ganzen Breite hat etwas jetzt empfunden, was Begeisterung heißt für eine edle Sache, die edle Sache des Sports. Nicht nur die Jugend, auch die ältesten Semester standen auf dem Acker mit dem Dreschflegel und winkten, es war etwas so Hinreißendes, das wirklich zeigt, dass es eine Volksbewegung geworden ist, die etwas gelenkt und gesteuert werden muss von unserm Staat. Das sind die Zeichen der Zeit, die müssen erkannt und gefördert werden, und darauf hoffen wir."[1] Der Präsident des Deutschen Fußballbundes Peco Bauwens stand bei seiner Rede am 6. Juli 1954 im Münchner Rathaus noch ganz unter dem Eindruck der Zugfahrt der Nationalmannschaft zurück in die Heimat. Doch seine Vision einer national inspirierten "Volksbewegung" als Äquivalent für Höchstleistungen auf dem Fußballfeld sollte sich (gottlob!) nicht erfüllen. Dass es indessen eine Mannschaft der Vertragsamateure gewesen war, die das "Wunder von Bern" vollbracht hatte, rührt gleichwohl noch heute zu Tränen und wird inzwischen sowohl erfolgreich vermarktet[2] als auch seitens der Forschung zum Kernstück des Gründungsmythos der Bundesrepublik erklärt.[3] Zum ersten Mal nach dem Krieg wagten die Westdeutschen den kollektiven Blick in den Spiegel und verschafften sich - zwischen Selbsterkenntnis und Selbstgefallen - mit dem makellosen Sieg ihrer Mannschaft den Beweis ihrer Vollwertigkeit im Kreis der Nationen. Ebenso konnte das meistverkaufte Taschenbuch über die Weltmeisterschaft nur den einen Titel tragen: "Wie wir Weltmeister wurden."[4]




Getreu dieser Selbsteinschätzung dokumentiert die Darstellung der Helden in der Presse und den Bildmedien dieses neue, vitale Kommunikationsinteresse: Die auf dem Fußballfeld gezeigten Tugenden und Wertvorstellungen stammten ja unmittelbar von den Arbeitsplätzen und aus den Betrieben. Dort, wo der Wiederaufstieg erarbeitet wurde, hatten sie absolute Geltung, und jeder Einzelne der Weltmeistermannen war einer ihrer mustergültigen Repräsentanten von Fleiß und Disziplin, von Anständigkeit und Bescheidenheit. So war Torwart und "Fußballgott" Toni Turek im Zivilberuf auch nur ein kleiner Angestellter bei den Düsseldorfer Rheinbahnen, Hans Schäfer Herrenfriseur in Köln. Werner Kohlmeyer stand bei einer Kammgarnspinnerei in Lohn und Brot, Werner Liebrich bei der Post. Ein im Verhältnis zu seiner "Boss"-Rolle auf dem Platz geradezu kümmerliches Dasein fristete Helmut Rahn, der als Chauffeur "einen schwarzen Kapitän für einen Direktor aus dem Ruhrgebiet" steuerte. Etwas besser schien da Max Morlock als Inhaber eines Sportartikelgeschäfts am Nürnberger Hauptbahnhof "mit Totoannahme" gestellt. Ottmar Walter fand als Betreiber einer Tankstelle sein Auskommen, ähnlich wie sein Bruder Fritz, Inhaber einer Dampfwäscherei.[5] Insgesamt zahlte sich die große Leistung für die Akteure mitnichten in handfesten materiellen Vorteilen aus. Ebenso blieb für den einzelnen Fußballer oft bis weit in die siebziger Jahre hinein die Frage des "Danach" ungelöst, waren Existenzen als Kneipenwirt oder Kioskbetreiber nach zuweilen glanzvollen Karrieren die Regel.

Doch solange der glorreiche Sieg der "Helden von Bern" ausschließlich der Ausstaffierung deutschen Selbstbewusstseins diente, sahen am allerwenigsten die Funktionäre des Deutschen Fußballbundes (DFB) Veranlassung, am erfolgreichen Amateurstatus zu rütteln. Immerhin erreichte die Nationalauswahl selbst unter diesen Vorgaben bei der Weltmeisterschaft 1958 in Schweden noch einen beachtlichen vierten Platz. Erst 1962 in Chile, als man gegen Jugoslawien schon im Viertelfinale ausschied, war die Talfahrt des deutschen Fußballs nicht mehr zu übersehen, hatte sich der Mythos von den "elf Freunden" überlebt.

In Wirklichkeit war man in der Bundesrepublik mit dem 1951 eingeführten Amateur-Vertragsspieler-Statut im europäischen Vergleich inzwischen isoliert. Um Deutschland herum, so in den Niederlanden, England, Frankreich, Italien oder Spanien, waren schon in den frühen Nachkriegsjahren nationale Profi-Ligen eingeführt worden - mit Bezügen für die einzelnen Spieler, die sich direkt an deren Marktwert orientierten. Zudem kämpften dort die besten Vereinsmannschaften des Landes Woche für Woche um Punkte und Meisterschaft, was sich sowohl auf die Qualität der Begegnungen als auch die Zuschauerzahlen förderlich auswirkte. Hierzulande bekamen die Stadionbesucher dagegen fast das ganze Jahr hindurch nur biederen Oberligafußball zu sehen - mit immer wieder sehr ungleichen und wenig spannenden Paarungen. Erst in einer Endrunde wurde dann unter den in ihren Oberligen Süd, West, Nord usw. jeweils führenden Vereinen die deutsche Meisterschaft ausgespielt - ein System, das weder für die Aktiven noch für die Zuschauer sehr attraktiv war. Nur 400 DM erlaubte das Vertrags-Amateur-Statut den Ballkünstlern (die zudem einen "richtigen" Beruf nachweisen mussten) als Nebeneinnahme. In der Praxis bedeutete dies, dass die Leistungsbereitschaft der Spieler stark schwankte und immer wieder der Anstachelung bedurfte - folglich steckten Funktionäre und Vereinsobere ihnen auch immer wieder heimlich Geld zu, und wenn es nur das obligatorische Fünfmarkstück in den Stiefeln war.



Fußnoten

1.
Empfang der Mannschaft der Fußball-WM 1954 in München/Empfang im Rathaus. Rundfunkreportage des Bayerischen Rundfunks vom 6. Juli 1954.
2.
Vgl. Sönke Wortmanns Erfolgsfilm "Das Wunder von Bern".
3.
Vgl. Dirk Schindelbeck, Schöpfungsmythos und Goldenes Zeitalter, in: Rainer Gries/Volker Ilgen/Ders., Gestylte Geschichte. Vom alltäglichen Umgang mit Geschichtsbildern, Münster 1989, S. 250ff.
4.
Wie wir Weltmeister wurden. Kampf und Sieg der Deutschen Fußball-Nationalelf, Berlin 1954.
5.
Vgl. hierzu ausführlich: Dirk Schindelbeck, Sieger Marke Deutschland oder: "Wie wir Weltmeister wurden": Heldenstück in drei Akten, in: ders./Andreas Weber, "Elf Freunde müsst ihr sein!" Einwürfe und Anstöße zur deutschen Fußballgeschichte, Freiburg 1995, S. 71 - 88.