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17.6.2004 | Von:
Helmut Digel
Verena Burk

Hochleistungssport im internationalen Vergleich

Helmut Digel und Verena Burk ziehen einen internationalen Vergleich des Hochleistungssports. Dabei berücksichtigen sie insbesondere das Bildungs- und Erziehungssystem und das Militär der jeweiligen Länder.

Einleitende Bemerkungen

Wenn am 13. August 2004 in Athen die 28. Olympischen Spiele eröffnet werden, treten rund 10 500 Athletinnen und Athleten aus 201 Ländern in 28 Sportarten an, um sich 16 Tage im sportlichen Wettstreit zu messen und um ihre Siegerinnen und ihre Sieger in 301 Wettbewerben zu ermitteln. Die dabei erbrachten Leistungen wurden durch hartes und nahezu tägliches Training erzielt, das jedoch in den verschiedenen Ländern unter höchst unterschiedlichen gesellschaftlichen, kulturellen und sportstrukturellen Rahmenbedingungen stattfindet. Schon seit längerer Zeit hat sich die relativ einfach strukturierte Beziehung zwischen Athlet/ -in und Trainer/in zugunsten eines komplexen personellen Netzwerkes des Hochleistungssports verändert, in dem neben diesen zentralen Akteuren des Hochleistungssports weitere Personen, Organisationen und Institutionen wichtige Rollen bei der Vorbereitung und Durchführung der sportlichen Leistung übernommen haben. Gefragt sind hierbei vor allem spezifische leistungsfördernde Rahmenbedingungen bzw. Ressourcen, die in einer Gesellschaft für die Erstellung der Leistungen im Spitzensport zur Verfügung stehen bzw. gestellt werden. Um diese Ressourcen systematisch erfassen, beschreiben und vergleichend betrachten zu können, ist es hilfreich, das analytische Raster eines Erfolgs-Ressourcen-Modells anzuwenden, mit dessen Hilfe die zentralen Ressourcen der Organisation des Hochleistungssports identifiziert werden können.

Ressourcen des Hochleistungssports können heute auf drei unterschiedlichen Ebenen verortet werden: auf der Ebene der Gesellschaft, in der jeweiligen Organisation des Hochleistungssports einer Nation und in seiner Umwelt, die sich durch eine besondere Relevanz für das System Hochleistungssport auszeichnet. Fasst man die entscheidenden Ressourcen des Hochleistungssports zusammen, die direkt oder indirekt mit dem sportlichen Erfolg zusammenhängen, so entstehen je nach berücksichtigter Sportart und Nation verschiedene Ressourcenmuster. Im Gegensatz zu früheren Vorhaben,[1] Determinanten für sportliche Erfolge zu bestimmen und zu interpretieren, wird in der hier vorgelegten Konzeption ein Zugang gewählt, der keinen engen Blick auf die Bedeutung weniger Indikatoren richtet. Es wird vielmehr ein weit gefasster Bezugsrahmen zu Grunde legt, um die komplexen Strukturen des Hochleistungssports nachzuzeichnen.

Die im Folgenden dargestellten Befunde resultieren aus einer Untersuchung, die im Jahr 1999 begonnen wurde und auf die acht erfolgreichsten Nationen der Olympischen Spiele ausgerichtet war. Mittels schriftlicher und mündlicher Befragung wurden Informationen über den Hochleistungssport Australiens, Chinas, Deutschlands, Frankreichs, Großbritanniens, Italiens, Russlands und der Vereinigten Staaten von Amerika eingeholt. Befragt wurden dabei die Dachorganisationen und ausgewählte Fachverbände sowie staatliche Einrichtungen des Sports in den jeweiligen Ländern. Darüber hinaus erfolgten Dokumentenanalysen und Literaturstudien. Die Interpretation der erhobenen Daten wurde schließlich in Kooperation mit ausgewählten nationalen Experten kommunikativ validiert.

Betrachten wir die Gesellschaft einer Leistungssportnation als Ressource für das System des Hochleistungssports, so ist davon auszugehen, dass gesellschaftliche und kulturelle Rahmenbedingungen einen zentralen Einfluss auf die sportliche Erfolgswahrscheinlichkeit eines Landes ausüben. Für die Identifikation zentraler Ressourcen des Hochleistungssports ist es somit unerlässlich, bestimmte Charakteristika eines Landes in den Blick zu nehmen. Dabei ist davon auszugehen, dass diese länderspezifischen Rahmendaten jeweils als Hintergrundvariablen wirken und einen unabhängigen Einfluss auf die Ausprägung einzelner Elemente der anderen Ebenen ausüben. Berücksichtigt wurden hierbei z.B. ausgewählte Aspekte der Sozialstruktur, insbesondere die Bevölkerungsentwicklung, aber auch die politische und wirtschaftliche Situation eines Landes.

Auf der zweiten Ebene - der der Organisation des Hochleistungssports - kann man eine Vielzahl von Einzelkategorien unterscheiden, die für ein erfolgreiches Agieren in internationalen Wettkämpfen von Bedeutung sind. Zu nennen wären hier beispielhaft die Talentsuche und -förderung, die Aus- und Weiterbildung der Trainer/-innen, die Sportpartizipation der Bevölkerung, die Wettkampfangebote, die organisatorischen Strukturen und ihr Personal und nicht zuletzt die Finanzierungsmittel und -formen (vgl. Abb.).

Aus der Umwelt des Systems des Hochleistungssports erweisen sich vor allem einige gesellschaftliche Teilsysteme als besonders bedeutsam. Bei den zahlreich vorhandenen Leistungsinterdependenzen zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Teilsystemen erfährt der Hochleistungssport vor allem Leistungen aus der Wirtschaft, der Politik, dem Militär, der Wissenschaft, den Bildungs- und Erziehungseinrichtungen und den Massenmedien. Im Folgenden werden beispielhaft die Verflechtungen des Hochleistungssports mit dem Bildungs- und Erziehungssystem sowie dem Militär vorgestellt und die erkennbaren Gemeinsamkeiten und Unterschiede der acht Länder diskutiert.


Fußnoten

1.
Vgl. Ernst Jokl/Martti J. Karvonen/Jaakk Kihlberg/Aarni Koskela/Leo Noro, Sports in the cultural pattern of the world, Helsinki 1956; Paavo Seppänen, Die Rolle des Leistungssports in den Gesellschaften der Welt, in: Sportwissenschaft, 2 (1972) 2, S. 133 - 155; Aleksander D. Novikov/Michael Maksimenko, Soziale und ökonomische Faktoren und das Niveau sportlicher Leistungen verschiedener Länder, in: Sportwissenschaft, 2 (1972) 2, S. 156 - 167; Kalevi Heinilä, The totalization process in international sport, in: Sportwissenschaft, 12 (1982) 3, S. 235 - 254; Jane Colwell, Sociocultural Determinants of International Sporting success: The 1976 Summer Olympic Games, Waterloo 1981; Jane Colwell, Ökonomische Bedingungen des Erfolges im internationalen Spitzensport, in: Klaus Heinemann (Hrsg.), Texte zur Ökonomie des Sports, Schorndorf 1984, S. 91 - 100; A. Ray Grimes/William J. Kelly/Paul H. Rubin, A socioeconomic Model of National Olympic Performance, in: Social Science Quarterly, 65 (1984), S. 777 - 783; Markus Lamprecht/Hanspeter Stamm, Weltsystemposition, Legitimität und internationaler Spitzensport: Partizipation und Erfolg an Olympischen Spielen als Korrelate in die Weltgesellschaft, in: Helmut Digel (Hrsg.), Spitzensport. Chancen und Probleme, Schorndorf 2001, S. 98 - 122; Dieter H. Jütting, Olympischer Sport und kulturelle Hegemonie. Zur globalen Expansion eines europäischen Kulturmusters, in: H. Digel, ebd., S. 80 - 97; Daniel K.N. Johnson/Ayfer Ali, A Tale of Two Seasons: Participation and Medal Counts at the Summer and Winter Olympic Games, Wellesley/Mass. 2002.