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4.5.2004 | Von:
Yoav Gelber

Ist Frieden zwischen Israelis und Palästinensern möglich?

Überleben nur durch gesellschaftlichen Zusammenhalt

Es ist wahrscheinlich Israels Schicksal, auf unbestimmte Zeit mit diesem andauernden Kampf zu leben. Unglücklicherweise hat es wenig Einfluss auf die zentralen Faktoren, welche die künftige Entwicklung des arabisch-jüdischen Konflikts bestimmen. Israel hat keinen Einfluss auf die demographische Entwicklung der Palästinenser. Es kann die Palästinenser politisch nicht befriedigen, ohne nationalen Selbstmord zu begehen. Es kann der nuklearen Entwicklung in Iran nicht alleine begegnen. Es hat keine Möglichkeit, auf das Wachstum des islamischen Fundamentalismus einzuwirken und den sozialen und demographischen Prozess zu steuern, der Europa für die palästinensische Sache gefügiger gemacht hat. Und es wählt oder nominiert nicht die Präsidenten der Vereinigten Staaten.

Der einzige Faktor, der ausschließlich in der Hand der Israelis liegt, ist die Macht der israelischen Gesellschaft. Seit 1967 und speziell in dem Jahrzehnt der Illusionen (in den neunziger Jahren) unterwanderten die sozialen Prozesse der Individualisierung, des Egozentrismus und Karrierismus die israelische Gesellschaft und brachten sie in jüngster Vergangenheit an den Rand der sozialen und politischen Anarchie. Auf lange Sicht hängt Israels Überleben vom sozialen Zusammenhalt und von seiner anhaltenden sozialen Mobilisierungsfähigkeit ab. Was Israel braucht, ist eine gründliche Reform des politischen Systems, das zu einem der schlechtesten und ineffizientesten in der demokratischen Welt geworden ist. Darüber hinaus muss eine grundlegende Reform der sozioökonomischen Politik Israels eine neue Rangfolge der Prioritäten etablieren und ein klügeres und feinfühligeres Gleichgewicht zwischen sozialen Realitäten und den Anforderungen der Wirtschaft herbeiführen. Solche Reformen sind wesentlich für das Durchhaltevermögen Israels, nicht weniger als der Bau von Zäunen.

Die jüngste Veränderung der israelischen Gesellschaft verschleiert eine große Illusion. Der Erfolg des Zionismus bei der Lösung der jüdischen Frage war spektakulär, aber unvollständig. Das Entstehen des Staates Israel verlagerte das Problem des Überlebens der Juden von Europa in den Nahen Osten und brachte es von der Ebene der Individuen und Gemeinden auf die nationale und internationale Bühne, wo es zum Gegenstand unablässiger nationaler Konflikte wurde. Die Israel umgebenden arabischen Nationen weigern sich, mit einer souveränen jüdischen Nation im Nahen Osten versöhnt zu werden, gerade so wie das moderne Europa sich gegen die individuellen und kommunalen Formen jüdischer Existenz und die Aufrechterhaltung ihrer historischen Kultur wandte.

Inzwischen, so scheint es, haben Juden als Individuen eine erfolgreiche Alternative auf die Frage ihres Überlebens gefunden - die pluralistische Gesellschaft der Vereinigen Staaten von Amerika. Was wäre einfacher, als den amerikanischen Prototyp im Mittleren Osten nachzuahmen? Mit anderen Worten, was läge näher, als zur Beseitigung des Problems des kollektiven Überlebens der Juden die Idee eines jüdischen Nationalstaates aufzugeben und ihn durch einen pluralistischen zu ersetzen? Das ist genau jene Illusion, die bestimmte Kreise in Israel in der Hoffnung auf Normalisierung hegen, mit dem Anspruch, sie seien "erleuchtet" oder "vernünftig". Israel bleibt jedoch im Nahen Osten und liegt nicht im Mittleren Westen der USA. Sein Hauptproblem ist noch immer das Überleben. Die ungehemmte Sehnsucht nach Normalität sowie die blinde Nachahmung des westlichen Individualismus sind unreif - Israel kann sich das nicht leisten.