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Väterlichkeit, Scheidung und Geschlechterkampf


30.4.2004
Scheidungen werden im Geschlechterkampf zum Austragungsort darüber, ob Frauen oder Männer die besseren Menschen sind. Leidtragende sind die Kinder - mit schwerwiegenden Folgen für die Gesellschaft insgesamt.

Einleitung



In seiner Neujahrsrede 2004 äußerte Bundeskanzler Gerhard Schröder den Wunsch, "dass sich mehr Frauen trauen, Kinder zu bekommen". Aber ist die demographische Schrumpfung allein darin begründet, dass Frauen zu wenig Kinder gebären? Wünschen sich Männer nicht ebenfalls Kinder, und mangelt es ihnen nicht ebenfalls an Mut? Wer den Wunsch von Vätern nach Kindern übersieht, beschreibt sie folgerichtig in Gesetzesentwürfen nur noch als deren Erzeuger, weil er auf die Alleinerziehendenkarte setzt. Männer so zu katalogisieren, ermangelt allerdings der political correctness. Denn hinter einer solchen Denkweise verbirgt sich, dass der kleine Mensch der Frau vom Manne als Homunkulus eingepflanzt wird und sie ihm fortan nur als Gewächshaus dient; so als hätten Knaus und Ogino nicht vor mehr als hundert Jahren Ei und Ovarien entdeckt, und anatomische Unaufgeklärtheit überwunden.


Ebenfalls im Januar 2004 ließ das Bundesfamilienministerium untersuchen, ob auch Männer kinderlos bleiben, weil sie sich - wie die Frauen - nicht trauen. Es zeigte sich, dass insbesondere Männer ohne Schulabschluss und mit niedrigem Einkommen den höchsten Anteil an den Kinderlosen stellen (abgesehen von Abiturienten).[1] Wahrscheinlich fürchten sie, dass sie dem vorherrschenden "Male-breadwinner"-Prinzip, nicht entsprechen könnten und wollen Frauen Enttäuschungen und sich selber Blamagen ersparen.

Als Michaela Noll, Vertreterin der CDU in der Kinderkommission des Deutschen Bundestages, ebenfalls in diesem Jahr das zirkulierende Diktum vom Umgangstourismus[2] aufnahm, um Kinder vor ermüdenden Besuchen bei Verwandten zu bewahren, brach unter politisch engagierten Scheidungsvätern - wie im Verein "Väteraufbruch für Kinder"- ein Sturm der Entrüstung los. Statt Umgangsreglungen nach der Scheidung zu erleichtern, denke der Gesetzgeber darüber nach, wie Kontakte zwischen den Generationen begrenzt werden könnten. Da über 80 Prozent der Kinder ihren Lebensmittelpunkt bei der Mutter haben, deuten Scheidungsväter die "Vereitelung von Umgangstourismus" als Diskriminierung! Denn nicht zu viel Umgang gibt es, sondern zu wenig. So hat unsere Befragung von 3 600 Scheidungsvätern[3] gezeigt, dass Väter in den unteren Einkommensschichten den Kontakt zu ihren Kindern verlieren, weil sie von ihren Exfrauen abgewiesen werden. Deren Vorstellung von Väterlichkeit besagt nämlich, dass nur ein versorgender Mann "verdient" ein Vater zu sein.[4] Deshalb wird verarmten Scheidungsvätern der moralische Anspruch, ihre Kinder zu sehen, aberkannt. Recht und Wunsch der Kinder auf beide Eltern werden dadurch zu Makulatur.

Wenn Richterinnen die knappen Urlaubsepisoden der Kinder beim Vater zum Freizeit- oder LEGO-Daddy-Event[5] herabstufen, löst auch das Unverständnis aus. Der Wunsch vieler Väter, den gewohnten Alltag der Vergangenheit fortzusetzen, wird zur Realitätsflüchtigkeit erklärt. Solcherlei Erfahrungen lassen nicht wenige Scheidungsväter am Funktionieren demokratischer Institutionen und an "geschlechterneutraler" Gesetzesauslegung zweifeln.[6] Ebenso erleben sie Richter und Richterinnen als unwillig, sich gegen willkürlich Anordnungen verletzende Kindesmütter durchzusetzen, die nicht zu Unrecht davon ausgehen, dass ihre Zuständigkeit für die Kinder jede Geldstrafe zu einem hilflosen Unterfangen und jede Drohung mit Kindesentzug zu einer weiteren Belastung des Wohlfahrtsstaates machen.

Viele Scheidungsväter sehen darin eine richterliche Nähe zu konventionellen Bildern von Elternschaft, wonach sich gute Väterlichkeit vor allem mit Geldverdienen demonstrieren lässt. Das widerspricht dem Kindschaftsreformgesetz (KindRG) von 1998, das Kindern endlich beide Eltern als Grundbedürfnis bestätigt. Deshalb darf keinem Kind der Verlust von Vater oder Mutter durch die Scheidung zugemutet werden. Entgegen gängigen Vorstellungen gibt es nach der Scheidung deshalb auch keinen wertvolleren Elternteil mehr. Wer die Kinder drinnen betreut, ist nicht weniger wichtig als der, der draußen das Geld verdient. Das geht so weit, dass es unerheblich ist, ob Eltern sich respektieren oder ein aufreibendes Hassverhältnis nach der Scheidung pflegen. Jede Entscheidung, den Kindern einen Elternteil zu nehmen - bislang meist den Vater -, beruht auf Machtspielen und einem Muttermythos, der in ihr die Beste sieht. Geschiedene müssen sich nach der Scheidung ihrer Partnerschaft "elternfähig" machen.


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Fußnoten

1.
Vgl. Christian Schmitt, Kinderlose Männer in Deutschland - Eine sozialstrukturelle Bestimmung auf Basis des Sozioökonomischen Panels (SOEP); Im Auftrag des BFSFJ, DIW - Materialien 34, Berlin, Januar 2004, S. 9 (www.diw.de).
2.
Gemeint ist die zeitliche Überforderung von Kindern durch Besuchspflichten bei Verwandten nach der Scheidung ihrer Eltern. Vgl. Bundestag-Drucksache 15/2253.
3.
Vgl. Gerhard Amendt, Scheidungsväter, Bremen 2004 (www.igg.uni-bremen.de).
4.
Vgl. ders., Vatersehnsucht, Bremen 1999, S. 30 - 81. Deshalb gibt es in den Ghettos der USA so viele vaterlose Kinder. Ein männlicher Teenager, der kein Geld verdient, wird gar nicht erst geheiratet.
5.
Vgl. G. Amendt (Anm. 3).
6.
Vgl. Sanford L. Braver, Divorced Dads, Shattering the Myths, New York 1998, S. 103: "Wir fanden heraus, dass nicht ein einziger Vater davon ausging, dass das System ihn ... begünstigt. 75 % sahen Vorteile nur für geschiedene Mütter. Und Mütter stimmen zu, dass das System zu ihren Gunsten arbeitet."