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23.3.2004 | Von:
Jürgen Kocka

Die Rolle der Stiftungen in der Bürgergesellschaft der Zukunft

Zivilgesellschaft, Bürgergesellschaft ist ein alter Begriff. Er bezeichnete eine utopische Form des Zusammenlebens der Menschen als Bürgerinnen und Bürger, als citizens, die ohne allzu viel staatliche Gängelung selbständig, friedlich und gleichberechtigt miteinander umgehen.

I. Abschnitt

Aus der Sicht des Historikers haben Begriffe der sozialen und politischen Sprache Karrieren. Aus randständiger Lage steigen sie auf, gewinnen Verbreitung, werden vielleicht zu Schlüsselbegriffen, bevor sie verblassen und wieder randständig werden. Bürgergesellschaft ist solch ein Begriff: Er steht in einer Phase der Hochkonjunktur, wobei manche von Bürgergesellschaft, andere von Zivilgesellschaft sprechen. Ich gebrauche die beiden Begriffe synonym.




Zivil- oder Bürgergesellschaft - das ist ein alter Begriff. Seine moderne Bedeutung erhielt er im 17. und 18. Jahrhundert, vor allem durch Autoren der Aufklärung wie Kant. Zivilgesellschaft, Bürgergesellschaft - das war um 1800 ein positiver Begriff. Er bezeichnete eine neue, erst noch zu verwirklichende, utopische Form des Zusammenlebens der Menschen als Bürgerinnen und Bürger, als citizens, die ohne allzu viel staatliche Gängelung selbstständig, friedlich und gleichberechtigt miteinander umgehen. Dieser Entwurf einer zukünftigen Gesellschaft setzte sich nach drei Seiten hin ab: einerseits vom gängelnden Absolutismus der damaligen Zeit, andererseits von religiöser Orthodoxie - nicht notwendigerweise von jeder Religion -, schließlich von den herkömmlichen Mustern sozialer Ungleichheit der ständischen Gesellschaft.

Im 19. Jahrhundert wirkte dieser Begriff bei einigen Autoren weiter, beispielsweise bei Alexis de Tocqueville, der in seiner klassischen Beschreibung der amerikanischen Gesellschaft besonders auf deren Fähigkeit zur Selbstorganisation in Form von Vereinen und Genossenschaften hinwies. Doch im Übrigen veränderte sich der Sprachgebrauch. Seit Hegel und Marx wurde aus dem Begriff Bürgergesellschaft der Begriff "bürgerliche Gesellschaft", und dieser wurde zunehmend als ein kritischer Begriff gebraucht. Bis dahin hatte sich "Bürgergesellschaft" an der Vorstellung vom Bürger als citizen oder citoyen orientiert. Nun trat die Bedeutungsschicht nach vorne, die den Bürger als Bourgeois identifizierte. "Bürgerliche Gesellschaft" wurde zu einem kritischen, zu einem polemischen Begriff nicht nur bei der marxistischen Linken, sondern auch in anderen politischen Milieus.

Während die "bürgerliche Gesellschaft" also weiterlebte, trat die "Bürgergesellschaft" bzw. "Zivilgesellschaft" in den Hintergrund. "Zivilgesellschaft" spielte im späteren 19. und im größten Teil des 20. Jahrhunderts in der sozialen und politischen Sprache Deutschlands und anderer Länder nur eine Nebenrolle. Aber seit den achtziger Jahren erlebt der Begriff eine fulminante Renaissance. Zunächst trug dazu vor allem bei, dass er in Ostmitteleuropa von Dissidenten wie Havel, Geremek oder Konrád benutzt wurde. Diese wandten sich mit ihm gegen die kommunistische Diktatur und die sowjetische Hegemonie. "Zivilgesellschaft" stand bei ihnen für eine neue, freie, selbstregulierte Gesellschaft, der die Luft zum eigenen Atmen nicht genommen werde. Und so beobachten wir seit den achtziger Jahren dort - aber auch in der südafrikanischen und der lateinamerikanischen Diskussion - ein mehr oder minder bewusstes Anknüpfen an die alte positive Bedeutung von "Zivilgesellschaft" bzw. "Bürgergesellschaft" im Sinne des 18. und frühen 19. Jahrhunderts.

Als sich dieser Begriff dann in den westlichen Sprachen wieder breit machte - im Englischen als civil society -, ging es darum, wie er auf Deutsch zu fassen sein würde, und da war "bürgerliche Gesellschaft" zu eindeutig als polemisch-kritischer Begriff besetzt, als dass man ihn einfach im positiven Sinn hätte benutzen können. Man wich auf "Zivilgesellschaft" oder "Bürgergesellschaft" aus. Über die damit bezeichneten Phänomene entstand in den achtziger Jahren eine immer noch anschwellende Welle sozialwissenschaftlicher Literatur, und zwar international. Der Begriff ist von den Medien popularisiert worden. Er steht im Zentrum vieler Podiumsdiskussionen und vieler politischer Reden, übrigens mit unterschiedlicher Stoßrichtung und mit leicht variierenden Bedeutungen.[1]

Was heißt "Bürgergesellschaft" bzw. "Zivilgesellschaft"? Ich beschränke mich auf eine grobe Umschreibung dieses schillernden Begriffs. Zur "Zivilgesellschaft" gehören selbstorganisierte Initiativen, Bewegungen, Zirkel, Vereine und Organisationen, die weder der staatlichen Sphäre angehören noch zum Markt zu rechnen und auch nicht in der Privatsphäre angesiedelt sind. Es geht um Initiativen, Bewegungen, Netzwerke und Organisationen zwischen Staat, Markt und Privatsphäre. Damit reicht das Spektrum, das man mit dem Begriff "Zivil- oder Bürgergesellschaft" in den Blick nimmt, von den Nachbarschaftshilfen, Stadtteilinitiativen und Friedensdemonstrationen über Vereine, Stiftungen und Spendenparlamente bis zu den "NGOs", den Nicht-Regierungs-Organisationen wie Amnesty International, Greenpeace oder Attac, vielleicht auch noch weiter.

Welches ist der gemeinsame Nenner, der es rechtfertigt und begründet, dass man so unterschiedliche Phänomene unter einem Begriff - als Zivil- oder Bürgergesellschaft - zusammenfasst? Bei ihnen allen geht es um Selbstorganisation unter Betonung von individueller oder genossenschaftlicher Selbständigkeit. Es geht um Verhalten im öffentlichem Raum, um Tätigkeit, zu der auch Diskussion, Konflikt und Verständigung in der Öffentlichkeit gehören. Es geht um friedliche, nichtmilitärische, nichtgewaltsame Tätigkeit. Gemeint ist ein Typus von sozialem Verhalten, der zwar von den jeweils eigenen, spezifischen, auch egoistischen Interessen und Erfahrungen ausgeht, der sich aber gleichzeitig auf allgemeinere Dinge bezieht, auf das allgemeine Wohl, so unterschiedlich die einzelnen Akteure dies auch definieren mögen. Zivilgesellschaftliches bzw. bürgergesellschaftliches Verhalten zielt also über den Tellerrand des partikularen Interesses und der eigenen Erfahrung hinaus, um sich um allgemeinere Dinge zu kümmern und sich dafür zu engagieren. Zivilgesellschaftlich sind Tätigkeiten, die in der Regel nicht in Ausübung eines Amtes in einer staatlichen oder halbstaatlichen Institution und auch nicht zum Zweck des Erwerbs betrieben werden, sondern als bürgerschaftliches Engagement und sehr oft im Ehrenamt.[2]

Wenn man zivilgesellschaftliches bzw. bürgergesellschaftliches Handeln so umschreibt, dann leuchtet ein, dass es in den genannten Initiativen, Bewegungen, Netzwerken und Organisationen zwischen Staat, Markt und Privatsphäre besonders ausgeprägt und häufig ist - weshalb man diesen Bereich oft als Zivil- oder Bürgergesellschaft bezeichnet. Doch unbestreitbar ist, dass zivilgesellschaftliches Handeln auch in anderen Bereichen nicht völlig fehlt, so im Unternehmen, im Bereich der Familie und in Verwaltungen, besonders auf kommunaler Ebene. Allerdings dominiert es dort nicht. Die Abgrenzung ist nicht völlig scharf. Es ließe sich darüber diskutieren, unter welchen Bedingungen und inwiefern Kirchen, Gewerkschaften und Unternehmen begrifflich zur Bürgergesellschaft zählen.

Warum ist Zivil- bzw. Bürgergesellschaft heute solch ein zentrales Thema - manche sagen: Modethema - der öffentlichen Diskussion? Der Begriff der Bürgergesellschaft, das Programm der Zivilgesellschaft grenzt sich nach drei Richtungen hin ab, und daraus ergibt sich seine Attraktivität.

Er wendet sich gegen einen übermächtigen, gängelnden Obrigkeitsstaat. Ich habe auf die Entstehungssituation im Absolutismus verwiesen und auch die Situation erwähnt, in welcher der Begriff seine Renaissance erlebte: die diktatorischen Verhältnisse des späten 20. Jahrhunderts. Nun leben wir nicht in einer Diktatur und nicht in einem absolutistischen System, sondern in einer Demokratie. Aber der Eindruck ist weit verbreitet und lässt sich mit guten Gründen untermauern, dass unser Sozial- und Interventionsstaat an seine Grenzen gestoßen und dabei ist, sich zu übernehmen. Insofern trifft das zivilgesellschaftliche Programm auch heute einen zentralen Nerv. Das ist die eine Stoßrichtung von Zivilgesellschaft: gegen den gängelnden, sich übernehmenden, allzu fürsorglichen, einengenden Staat.

Zum anderen unterscheidet sich zivilgesellschaftliches, bürgerschaftliches Handeln von marktrationalem Handeln. Es geht dabei eben nicht um Tauschvorgänge oder um individuelle Nutzenmaximierung. Nun haben wir in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten einen präzedenzlosen Siegeszug des Kapitalismus erlebt, weltweit nach 1990, der als Kommerzialisierung bis in die innersten Bereiche unseres Lebens vordringt. Demgegenüber bietet zivilgesellschaftliches Handeln eine Alternative zur Omnipräsenz und Übermacht des Marktes. Damit eignet sich das zivilgesellschaftliche Programm auch zu einer neuen Art von Kapitalismuskritik, die - etwa in der Antiglobalisierungsbewegung - häufig zivilgesellschaftlich argumentiert.

Und es gibt eine dritte Stoßrichtung. Seit einigen Jahrzehnten haben viele das Gefühl, und sie können es mit guten Gründen untermauern, dass sich unsere Gesellschaft im Zuge allzu rasch fortschreitender Individualisierung fragmentiert. Die Frage, was moderne Gesellschaften überhaupt noch zusammenhält, wird seit den achtziger Jahren häufig gestellt. Und da bietet das zivilgesellschaftliche Programm mit seinen kommunitaristischen, den Gemeinsinn betonenden Zügen ein Gegenprogramm.

Dass sich der Staat übernimmt, der Markt zu mächtig wird und die Gesellschaft fragmentarisiert - diese drei weit verbreiteten Befürchtungen sind es, auf die das Programm der Zivilgesellschaft, das Ideal der Bürgergesellschaft heute antwortet. Deshalb ist es in der gegenwärtigen Situation so attraktiv - für viele, nicht alle, und für jeden vermutlich ein wenig anders.

Aber es gibt noch einen anderen Grund, warum die Debatte über die Bürgergesellschaft in den vergangenen Jahren so stark an Boden gewonnen hat. Im Vergleich zur Generation unserer Großeltern sind die meisten von uns viel wohlhabender geworden; und das gilt nicht nur, aber auch, für die Besitzer großer, vererbbarer Vermögen. Der durchschnittliche Bildungsstand hat - trotz PISA - über die Jahrzehnte zugenommen. Und es stehen Kommunikationsmittel zur Verfügung, die frühere Generationen nicht kannten. Aus diesen Gründen ist die Gesellschaft heute zu bürgergesellschaftlichem Engagement sehr viel fähiger als früher. Die Kraft zur gesellschaftlichen Selbstorganisation ist gewachsen. Das ist eine Chance, die wahrgenommen werden will und zunehmend wahrgenommen wird. Denn, und das hat die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages zum bürgerschaftlichen Engagement gezeigt: Nicht nur der Begriff, sondern auch die Realität der Bürgergesellschaft hat in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten an Boden gewonnen.[3]


Fußnoten

1.
Vgl. Jürgen Kocka, Zivilgesellschaft als historisches Problem und Versprechen, in: Manfred Hildermeier u.a. (Hrsg.), Europäische Zivilgesellschaft in Ost und West. Begriff, Geschichte, Chancen, Frankfurt/M. 2000, S. 13 - 21.
2.
Vgl. zuletzt Dieter Gosewinkel u.a. (Hrsg.), Zivilgesellschaft - national und transnational (WZB-Jahrbuch 2003), Berlin 2004, S. 11 - 13.
3.
Vgl. auch Ansgar Klein, Der Diskurs der Zivilgesellschaft. Politische Hintergründe und demokratietheoretische Folgerungen, Opladen 2000; Helmut K. Anheier, Dritter Sektor, Ehrenamt und Zivilgesellschaft in Deutschland, in: Ernst Kistler u.a. (Hrsg.), Perspektiven gesellschaftlichen Zusammenhalts, Berlin 1999, S. 145 - 170; Thomas Meyer und Reinhard Weil (Hrsg.), Die Bürgergesellschaft. Perspektiven für Bürgerbeteiligung und Bürgerkommunikation, Bonn 2002; Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages "Zukunft des bürgerschaftlichen Engagements", Bericht Bürgerschaftliches Engagement: auf dem Weg in eine zukunftsfähige Bürgergesellschaft, Opladen 2002.