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23.3.2004 | Von:
Jürgen Kocka

Die Rolle der Stiftungen in der Bürgergesellschaft der Zukunft

III. Abschnitt

In der Zukunft darf man von den Stiftungen jedoch nicht zu viel erwarten. So wie die Bürgergesellschaft den Staat nicht ersetzt, sondern einen starken Staat braucht, so wenig können Stiftungen die Lücken füllen, die unterfinanzierte Staatshaushalte und defiziente Verwaltungen entstehen lassen. So sehr die Zivilgesellschaft eine funktionierende Marktwirtschaft braucht, so sehr werden viele Stiftungen von einer lange lahmenden Wirtschaft in Mitleidenschaft gezogen. So sehr die Anerkennung ihrer Gemeinnützigkeit zur Definition der meisten Stiftungen gehört, so wenig können sie demokratische Politikprozesse ersetzen, die letztlich auch darüber befinden müssen, was der allgemeine Nutzen, das Allgemeinwohl ist und welche Kriterien es sein sollen, die über die Gemeinnützigkeit von Stiftungen zum Zeitpunkt ihrer Entstehung entscheiden. Auch wenn man darüber streiten mag, welche Rolle dabei den Finanzämtern zukommen soll: Die Entscheidung über ihre Gemeinnützigkeit und damit über ihre Förderung durch die Allgemeinheit kann eine entstehende Stiftung nicht allein treffen.

Vor allem sind die Gründe nicht einfach wegzuwischen, die der liberalen Stiftungskritik des 19. und der sozialdemokratischen Stiftungsskepsis des 20. Jahrhunderts zugrunde liegen: Die Stifter gehören fast durchweg zu einer mehr oder weniger wohlhabenden Minderheit. Stiftungen können daher auch Mittel sein, um den Einfluss der Stifter und ihrer Nachkommen zu verstärken. Sie können insofern Mechanismen sein, die sozialökonomische Vorsprünge in politische oder kulturelle Macht übersetzen. Es ist nicht uninteressant, dass die Liberalen zur Mitte des 19. Jahrhunderts Stiftungen mit Misstrauen gegenüberstanden, weil sie jene als "monarchisch" begriffen und in ihnen ein Mittel zur dauerhaften Befestigung von Privilegien über das Ableben hinaus sahen. Sie zogen das bürgerschaftliche Engagement in Gestalt von Vereinen vor.

Diese Kritikpunkte sind auch heute nicht völlig obsolet. Doch heute und in Zukunft bedrückt uns anderes. Wir sind nicht bedroht durch eine Überzahl von Stiftungen, die ihre Stellung missbrauchen. Wir sind vielmehr bedroht durch ein nicht ausreichendes Maß an gesellschaftlicher Dynamik und freier Gestaltungskreativität. Das zivilgesellschaftliche Leitbild des mündigen Bürgers, der verantwortlichen Bürgerin ist noch immer nicht voll erfüllt, wenngleich heute mehr davon realisiert ist als vor 50, 100 oder 200 Jahren. Im Vergleich zu manchem anderen Land überlassen wir in Deutschland sehr viel dem Staat und fühlen uns als Privatleute nicht recht zuständig für die allgemeinen Dinge. Um Innovationsfähigkeit zurückzugewinnen, Wohlstand zu erhalten, der sozialen Gerechtigkeit näher zu kommen und Demokratie zu praktizieren, braucht es mehr, nicht weniger bürgerschaftliches Engagement. Und deshalb braucht es auch mehr selbständige Stiftungen unterschiedlichen Zuschnitts und Inhalts.

Im Grunde besteht darüber auch Konsens. "Wir brauchen 'Stifter`, die mit Geld oder mit Zeit gemeinnütziges Engagement fördern", hieß es 1999 in der gemeinsamen Erklärung des amtierenden Bundespräsidenten und seiner drei Amtsvorgänger. Sie kamen aus drei verschiedenen Parteien, und wenn es einmal eine grüne Bundespräsidentin geben sollte, wird sie nur allzu gern ins gleiche Horn stoßen. Die gesamtpolitische Stimmung ist den Stiftungen günstig.[6]

Wird es also zu einer neuen Blüte der Stiftungen kommen? Ein wenig - nur wenig - kann die staatliche Politik dazu beitragen, durch steuerliche Anreize, eine Verschlankung des Stiftungsrechts, eine Erleichterung der Gründung und vor allem durch die demonstrative öffentliche Anerkennung von Stiftern.[7] Das wilhelminische Reich war ein Eldorado der Stiftungen. Ohne starkes Engagement staatlicher Organe wäre es das vermutlich nicht gewesen. Man lese nach, wie geschickt Wilhelm II. den Zugang zur Exklusivität des Hofes als Mittel einsetzte, um nach Anerkennung lechzende Bankiers, Industrielle und Kaufleute als Mäzene zu gewinnen; oder wie der preußische Wissenschaftsbeamte Althoff privates Kapital für die Gründung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften gewann; oder wie geschickte Museumsdirektoren - Beispiel Tschudi - private Sammler für öffentliche Sammlungen einzuspannen wussten. Hoffentlich fällt heutigen Präsidenten, Ministern und Generaldirektoren ähnlich viel ein.

Die Entwicklung neuer Stiftungsformen stimmt optimistisch. So genannte Bürgerstiftungen entstanden in den vergangenen Jahren in großen Städten, etwa in Gütersloh, Hannover, Dresden, Hamburg und Berlin. Mittlerweile gibt es etwa 50. Sie verbinden Elemente des Vereins mit Elementen der Stiftung, sie erlauben und fordern breitere Partizipation, sie operieren öffentlich. Sie realisieren, dass es nicht nur um die Stiftung von Vermögen, sondern auch um die Bereitstellung von Zeit geht. Sie entsprechen der Idee der Bürgergesellschaft in hohem Maße.[8]

Am wichtigsten aber ist die Einstellung derer, die Stifter werden könnten. Nötig ist eine Mentalität, eine Kultur des Stiftens und des bürgerschaftlichen Engagements, die nur schwer herstellbar ist. In früheren Jahrhunderten war die Frömmigkeit ein starkes Motiv. Stiftungen in christlichem Geist stellen eine mächtige Traditionslinie dar. Religiöses Engagement für die Nächsten und die Allgemeinheit hat an Kraft verloren, aber ist nicht verschwunden. Jüdische Bürger haben vor und nach 1900 als Mäzenaten und auch als Stifter eine herausragende Rolle gespielt. Traditionen der jüdischen Gemeinden trugen dazu ebenso bei wie der besondere Status des jüdischen Bürgertums zwischen Aufstieg und Zurückweisung. Mit der Vernichtung der Juden wurde diese Quelle des Mäzenatentums zerstört. Zweifellos trugen überdies der Patriotismus und der Nationalismus der Bourgeoisie im Kaiserreich zum mäzenatischen Engagement in einem von ihnen stark bejahten, aufsteigenden Nationalstaat bei; Staatsnähe nützte. Schon in der Weimarer Republik, von Besitz- und Bildungsbürgern oft skeptisch gesehen, befeindet und abgelehnt, schwächte sich dieser Wirkungsmechanismus ab. (Die Vernichtung großer Vermögen durch Weltkrieg und Inflation tat ein Übriges.) Heute steht das Bürgertum dem demokratischen Staat nicht mehr ablehnend gegenüber. Vom Nationalismus des wilhelminischen Reichs ist zum Glück wenig übrig geblieben; er fällt auch als Triebfeder für Mäzenatentum aus. Kann ein geläuterter Patriotismus an seine Stelle treten?

Stiftungsbereitschaft kam am ehesten dort zustande, wo Besitz und Bildung zusammentrafen, sei es bei einzelnen Personen, sei es in bürgerlicher Geselligkeit, in Initiativen, Zirkeln und Vereinen. Dies scheint mir auch weiterhin eine entscheidende Voraussetzung dafür zu sein, eine Kultur des Stiftens zu begründen. Wiederum spielt öffentliche Anerkennung eine große Rolle. Man muss sich durchs Stiften einen Namen machen können und Chancen zur Einwirkung haben.[9]

Nie gab es in Deutschland so viele wohlhabende Menschen wie heute. Nie gab es in Deutschland so viele kinderlose Paare wie heute. Beides sollte das Stiften beflügeln. Denn ein wenig können Stiftungen das bewirken, was in anderer Weise eine reiche Nachkommenschaft ermöglicht: Wirksamkeit über den Tod hinaus, Weiterleben in der Erinnerung anderer. Dies war immer ein starkes Motiv von Stiftern. Wir befinden uns in einer ökonomisch-demographischen Situation, in der dieses Motiv eigentlich an Bedeutung gewinnen müsste - zum Vorteil des Stiftens und der Bürgergesellschaft.


Fußnoten

6.
Vgl. Bertelsmann Stiftung (Hrsg.), The Future of Foundations in an Open Society. Die Zukunft der Stiftungen in einer offenen Gesellschaft, Gütersloh 1999.
7.
Vgl. Rupert Graf Strachwitz, Auf dem Weg in die Bürgergesellschaft, in: A.Zimmer/S.Nehrlich (Anm.4), S. 325 - 337.
8.
Vgl. Bertelsmann Stiftung (Hrsg.), Handbuch Bürgerstiftungen. Ziele, Gründung, Aufbau, Projekte, Gütersloh 2000.
9.
Vgl. Manuel Frey, Macht und Moral des Schenkens. Staat und bürgerliche Mäzene vom späten 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Berlin 1999.