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23.3.2004 | Von:
Helmut Anheier
Anja Appel

Stiftungen in der Bürgergesellschaft: Grundlegende Fragen zu Möglichkeiten und Grenzen

Als eine besonders begrüßenswerte Form bürgerschaftlichen Engagements wird mit Stiftungen die Hoffnung verbunden, zusätzliche Ressourcen für die Gesellschaft nutzbar zu machen. Diese Hoffnung beruht auf Annahmen, die in der politischen Diskussion bisher übergangen wurden.

Einleitung

In den vergangenen Jahren hat das Stiftungswesen sowohl in Deutschland als auch in anderen Ländern eine Renaissance erfahren. Es scheint neues Leben in die altehrwürdige Institution der Stiftung gekommen zu sein. Die politischen und wirtschaftlichen Einbrüche in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts und der lange Niedergang des Stiftungsgedankens und des Stiftungswesens - all dies scheint überwunden. Die Zahlen des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen und des Maecenata Instituts belegen eine eindrucksvolle Trendwende: Mehr als die Hälfte der nunmehr über zehntausend deutschen Stiftungen wurde innerhalb der vergangenen drei Jahrzehnte gegründet.[1]






Auch die Politik hat sich seit den neunziger Jahren verstärkt mit Stiftungen befasst und über eine Reform des Stiftungswesens nachgedacht. Der damalige Bundespräsident Roman Herzog verknüpfte Stiftungen mit der Bürgergesellschaft und bezeichnete sie als "Pioniere auf dem Weg zur unmittelbaren, spontanen, dezentralen, effizienten, vielfältigen Verbindung von unternehmerischer Dynamik und Dienst am Gemeinwohl"[2]. Zumindest für den politischen Bereich gelang es, das Institut der Stiftung aus einer etwas angestaubten Nische herauszuholen und mit neuen Vokabeln wie bürgerliche Gesellschaft, Engagement, Innovation und Unternehmertum in den modernen Diskurs zu überführen. Dementsprechend fand sich die Herzog'sche Definition bald in den verschiedenen parteipolitischen Entwürfen wieder und diente fortan mit als Begründung für eine Reform des Stiftungswesens.[3]






Nach anfänglichem Schwung mündete das Vorhaben allerdings übervorsichtig in - wie Stiftungsexperte Rupert Graf Strachwitz treffend formulierte - ein "Reförmchen"[4] und kaum in die mutige Stiftungszukunft, welche Herzogs Rede hatte erhoffen lassen. Parallel entfaltete sich eine zunehmend akademisch geführte Diskussion, die jedoch vom politischen Kerngeschäft abgekoppelt und mit juristischen Detailfragen und steuerrechtlichen Aspekten beschäftigt blieb. Es scheint, als wäre der Politik die ursprüngliche inhaltliche Zielsetzung der Reform abhanden gekommen. Die Debatte über die Rolle von Stiftungen in der modernen postindustriellen Gesellschaft wurde noch nicht ausführlich genug geführt und hat bisher kaum unangenehme Fragen gestellt.

Gerade mit solchen will sich dieser Beitrag befassen, indem wir zu drei Aspekten je zwei konträre Sichtweisen aufzeigen, die aus der möglichen Perspektive der Stifter, des Staates und der Zivilgesellschaft erläutert werden. Leider muss es in weiten Teilen bei thesenartigen Formulierungen bleiben, da endgültige Einschätzungen aufgrund der Datenlage zum Stiftungswesen nicht formuliert werden können. Ziel des Beitrags ist es, gerade wegen der kontroversen Prägnanz der Argumente einem empirisch fundierten Dialog über die Möglichkeiten und Grenzen des modernen Stiftungswesens Vorschub zu leisten.


Fußnoten

1.
Vgl. den Überblick in Helmut Anheier, Das Stiftungswesen in Deutschland: Eine Bestandsaufnahme in Zahlen, in: Bertelsmann Stiftung (Hrsg.), Handbuch Stiftungen, Wiesbaden 20032, S. 43 - 86.
2.
Bundespräsident Roman Herzog, Geleitwort. Zur Bedeutung von Stiftungen in unserer Zeit, in: Bertelsmann Stiftung (Hrsg.), Handbuch Stiftungen, Wiesbaden 1998, S. V.
3.
Insgesamt gab es vier Ziele: Vereinfachung der gesetzlichen Regelungen und Verwaltungspraxis; grundgesetzkonforme und moderne Handhabung der Zulassung und Aufsicht von Stiftungen; Ermunterung zum Stiften durch bessere Anreizsysteme; Verbesserung der Rahmenbedingungen für die Wirtschaftlichkeit der Stiftungsarbeit und den Substanzerhalt von Stiftungskapital. Siehe dazu: Bertelsmann Stiftung/Maecenata Institut (Hrsg.), Expertenkommission zur Reform des Stiftungs- und Gemeinnützigkeitsrechts, Gütersloh 1999 - 2001.
4.
Rupert Graf Strachwitz beim Stiftungssymposium im Maecenata Institut am 28.3. 2003 in Berlin.