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1.3.2004 | Von:
Bernhard Schäfers

Elite

Die Eliterekrutierung erfolgt in Deutschland auf einer vergleichsweise breiten Basis. Vor diesem Hintergrund wird die Forderung der Politik nach Eliteuniversitäten von der Bevölkerung sehr kritisch verfolgt.

Begriffsverständnis bis zum Ersten Weltkrieg

Was unter Elite verstanden wird, ist der Sache nach so alt wie die ersten systematischen Entwürfe einer gesellschaftlichen Ordnung. Bei Platon (427 - 347 v. Chr.) sollen die Besten, die Weisen, die sich auch mit dem Guten auskennen, herrschen (Politeia, 6. Buch). Der Terminus Elite (vom lateinischen eligere = auswählen) ist nur etwa 200 Jahre alt und - wie so viele Begriffe unserer politisch-sozialen Sprache seit der Aufklärungs- und Revolutionszeit - französischen Ursprungs. Die Übertragung des Elitebegriffs von der militärischen Ebene auf die "politische Klasse" (Gaetano Mosca) vollzog sich erst um 1900. Wörterbücher und Lexika befassten sich bis dahin nur mit Eliteeinheiten beim Militär, ihrer Auswahl und Schulung.




Mit der Aufklärungs- und Revolutionszeit und der damit einhergehenden Grundlegung der modernen Staats- und Gesellschaftsordnungen stellte sich das Problem, die Besten für die Herrschafts- und sonstigen Gemeinschaftsaufgaben auszuwählen, völlig neu: Zum einen wurden ständische Prinzipien der Selektion, der Verteilung von Ämtern und Pfründen, immer weniger akzeptiert; zum anderen gab es nunmehr die Forderung nach Gleichheit, neben Freiheit und Brüderlichkeit die dritte Säule der revolutionären Umgestaltungen, auch wenn in Deutschland - anders als z.B. in den USA - bis zum Ersten Weltkrieg der Anspruch auf Gleichheit in einer nach wie vor stark von Adel und Militär, Bürokratie und Kirche dominierten Gesellschaft klein gehalten wurde.

Die sich im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts abzeichnenden Veränderungen in der Durchsetzung von Demokratie und die sich ausbreitendenStrukturen einer Massengesellschaft waren zugleich der Nährboden, auf dem die bis heute nachwirkenden politischen Elitetheorien entstanden. Seit der einflussreichen Philosophie Friedrich Nietzsches (1844 - 1900), der eine totale Abkehr vom Wertesystem egalitärer, demokratischer Gesellschaften forderte, entstand ein politisch immer stärker spürbares Spannungsverhältnis zwischen sich entwickelnder Massengesellschaft - wie den auf Gleichheit orientierten Bewegungen - einerseits und elitär zu nennenden Zirkeln andererseits; dieses gipfelte in der Forderung nach dem "neuen Menschen", nach Eliten und schließlich nach dem "Führer". Sozial- und staatspolitisch aufbereitet wurden die Forderungen Nietzsches von Gaetano Mosca (1858 - 1941) und Vilfredo Pareto (1848 - 1923) aufgegriffen; Letzterer verwendete erstmals explizit einen auf politische Herrschaft bezogenen Elitebegriff. Nach Pareto ist der politisch-soziale Wandel eng mit dem "Kreislauf der Eliten" verknüpft (classe eletta = "ausgewählte Klasse", im italienischen Original von 1916). Seit dem Ersten Weltkrieg, dessen Ausgang die Gesellschaftsordnungen und damit die Politik in vielen Ländern veränderte, hatten diese Theoretiker der Politik - mit den üblichen Vereinfachungen - Einfluss auf die sich entwickelnden faschistischen Bewegungen und ihre Ideologien. Diese auf die "politische Klasse" bezogenen Theorien gingen im Kern davon aus, dass Eliten notwendig sind, um der Masse den Weg in die Zukunft zu weisen und im sozialdarwinistisch verstandenen Wettkampf der Nationen zu bestehen.