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1.3.2004 | Von:
Michael Hartmann

Eliten in Deutschland

Rekrutierungswege und Karrierepfade

Die Eliten rekrutieren sich in Deutschland nach wie vor weit überproportional aus dem Bürgertum. Die Bildungsexpansion hat nur den Zugang zu den Bildungsinstitutionen erleichtert, nicht aber zu den Elitepositionen.

Einleitung

Die deutschen Eliten sind männlich. Diese Feststellung trifft im Wesentlichen auch heute noch zu. Zwar hat sich der Anteil der Frauen in Elitepositionen im Verlauf der vergangenen zwei Jahrzehnte deutlich erhöht, allein zwischen 1981 und 1995 von drei auf dreizehn Prozent.[1] Von einer auch nur halbwegs proportionalen Vertretung der Geschlechter kann aber keine Rede sein. Außerdem beschränkt sich der Zuwachs fast ausschließlich auf die Politik und von ihr stark beeinflusste Sektoren. Dort haben gezielte Quotenregelungen Wirkung gezeigt. In den Topetagen der Wirtschaft sucht man Frauen dagegen nach wie vor vergeblich. Generalisierend lässt sich festhalten: Die geschlechtsspezifische Diskriminierung geht in der Regel mit einer sozialen Diskriminierung Hand in Hand. Dort, wo die Aufstiegschancen für Personen aus der Arbeiterklasse oder den breiten Mittelschichten überdurchschnittlich gut sind, sind sie es zumeist auch für die Frauen - und umgekehrt.




Über die soziale Rekrutierung der deutschen Eliten hat Ralf Dahrendorf vor über vier Jahrzehnten eine Aussage getroffen, die im Kern bis heute gültig ist und von den empirischen Elitestudien immer wieder bestätigt wird. Für Dahrendorf war "das eindeutigste Merkmal deutscher Eliten ... , dass diese sich zum größeren Teil selbst aus einer schmalen Oberschicht und zum geringeren Teil aus den Kadern der nichtakademischen Beamtenschaft rekrutieren, während der Sohn eines Industriearbeiters, aber auch des selbständigen Handwerkers und kleinen Geschäftsmannes wenig Aussicht hat, bis an die Spitze der deutschen Gesellschaft vorzudringen"[2]. Unter professionellen Beobachterinnen und Beobachtern ist unumstritten, dass die deutschen Eliten ganz überproportional aus den Reihen des Bürgertums[3] stammen. Weitgehend einig ist man sich auch in der Einschätzung, dass - wenn man einmal von den Gewerkschaften absieht - die politische Elite sozial am durchlässigsten und die Wirtschaftselite am geschlossensten ist. Über den Umfang der sozialen Öffnung bzw. Schließung gibt es allerdings in der wissenschaftlichen Forschung größere Differenzen. In den Elitestudien aus Mannheim und Potsdam wird nicht nur generell ein höheres Maß an sozialer Durchlässigkeit festgestellt als in den Arbeiten von Ralf Dahrendorf, Wolfgang Zapf oder des Verfassers. Es wird im Unterschied zu diesen auch eine im Zeitverlauf deutlich voranschreitende Öffnung der Elitepositionen konstatiert.[4]

Was die Gründe für die disproportionale Vertretung der einzelnen Schichten und Klassen der Gesellschaft in den Eliten betrifft, ist die Übereinstimmung aber wieder groß. Fast alle Eliteforscher sehen die entscheidende Ursache in einer je nach Herkunft sehr unterschiedlichen Bildungsbeteiligung. Auch in diesem Punkt hat Dahrendorf schon Anfang der sechziger Jahre eine Feststellung getroffen, die von den meisten Beobachtern bis heute geteilt wird: Für die soziale Zusammensetzung der Eliten ist das "Bildungsprivileg" der Oberschicht und der oberen Mittelschicht ausschlaggebend. Dahrendorf verlangt folgerichtig einen "Abbau der Sozialschichtung der Bildungschancen" als entscheidende Voraussetzung für eine soziale Öffnung der deutschen Eliten.[5] Ähnlich argumentiert Ursula Hoffmann-Lange. Die soziale Herkunft bestimme nur indirekt, über die mit ihr verbundene Determinierung der Bildungschancen, den Aufstieg in die Eliten, habe aber "keinen eigenständigen Einfluss" darauf.[6]

Diese für den Mainstream in der Eliteforschung typische Einstellung hat erhebliche Konsequenzen. Mit diesem Argumentationsmuster lässt sich die Position, dass die Elitenauswahl durch Leistungsauslese erfolge, auch selbst dann relativ problemlos aufrechterhalten, wenn die Realität eine ausgesprochen selektive Sozialrekrutierung der Eliten zeigt. Hans P. Dreitzel macht das in seinen Ausführungen sehr deutlich: Die soziale Offenheit einer Gesellschaft und ihrer Eliten müsse nur "prinzipiell" gegeben sein, um von funktionalen Leistungseliten sprechen zu können. "Prinzipiell" heißt in diesem Zusammenhang, dass der "Aufstieg in die Spitzenpositionen jedem möglich sein [müsse], der die geforderte Leistungsqualifikation erwerben kann"[7]. Erwerben kann sie nach Dreitzels Ansicht jedermann, denn nicht die Möglichkeit, sondern nur der Wille, bestimmte Bildungs- und Berufsziele zu erreichen, sei sozial unterschiedlich stark ausgeprägt. Entscheidend seien die "schichtspezifischen Schulziele". Dahrendorf argumentiert genauso. Auch er sieht die Ursachen der "Sozialschichtung der Bildungschancen" und damit der "höchst unrepräsentativen Herkunftsschichtung der deutschen Führungsgruppen" vor allem in der "sozialen Distanz der Arbeiter von den Bildungsinstitutionen" und weniger "im finanziellen Bereich". Er formuliert es sogar noch deutlicher als Dreitzel: "Mit nur geringer Übertreibung kann man sagen, dass sich in der Bundesrepublik jede Arbeiterfamilie das Universitätsstudium mindestens eines Kindes leisten kann."[8]


Fußnoten

1.
Vgl. Kai-Uwe Schnapp, Soziale Zusammensetzung von Elite und Bevölkerung - Verteilung der Aufstiegschancen in die Elite im Zeitvergleich, in: Wilhelm Bürklin/Hilke Rebenstorf u.a. (Hrsg.), Eliten in Deutschland, Opladen 1997, S. 95.
2.
Ralf Dahrendorf, Eine neue deutsche Oberschicht. Notizen über die Eliten der Bundesrepublik, in: Die neue Gesellschaft, 9 (1962), S. 21.
3.
Zum Bürgertum bzw. der Service Class I, wie die heute in der Sozialforschung gebräuchlichste Kategorie heißt, zählen größere Unternehmer und Grundbesitzer, akademische Freiberufler, leitende Angestellte sowie höhere Beamte und Offiziere. In der Vätergeneration der heutigen Eliten stellten diese Berufsgruppen ca. 3,5 Prozent der männlichen Erwerbstätigen. Vgl. Michael Hartmann, Der Mythos von den Leistungseliten. Spitzenkarrieren und soziale Herkunft in Wirtschaft, Politik, Justiz und Wissenschaft, Frankfurt/M.-New York 2002, S. 37ff.
4.
Vgl. Wolfgang Zapf, Führungsgruppen in West- und Ostdeutschland, in: ders. (Hrsg.), Beiträge zur Analyse der deutschen Oberschicht, München 1965, S. 16ff.; Ursula Hoffmann-Lange/Helga Neumann/Bärbel Steinkämper, Konsens und Konflikt zwischen Führungsgruppen in der Bundesrepublik Deutschland, Frankfurt/M. 1980, S. 22ff.; Ursula Hoffmann-Lange, Eliten, Macht und Konflikt in der Bundesrepublik, Opladen 1992, S. 122ff.; Kai-Uwe Schnapp (Anm. 1), S. 76ff., 97f.; Michael Hartmann (Anm. 3), S. 64, 69, 82, 98, 103, 109, 145ff., 175f.
5.
Vgl. R. Dahrendorf (Anm. 2), S. 23.
6.
U. Hofmann-Lange (Anm. 4), S. 129ff.
7.
Vgl. Hans P. Dreitzel, Elitebegriff und Sozialstruktur. Eine soziologische Begriffsanalyse, Stuttgart 1962, S. 111.
8.
R. Dahrendorf (Anm. 2), S. 22.