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1.3.2004 | Von:
Michael Hartmann

Eliten in Deutschland

Rekrutierungswege und Karrierepfade

Bildungswege und Elitenrekrutierung

Unabhängig davon, ob man diese Einschätzung Dahrendorfs nun teilt oder nicht, ein prinzipieller Zusammenhang zwischen der sozialen Selektivität des deutschen Bildungssystems und der sozialen Rekrutierung der deutschen Eliten ist nicht von der Hand zu weisen. Auf der einen Seite ist schon auf den ersten Blick zu erkennen, dass ein Hochschulabschluss eine fast unabdingbare Voraussetzung für die Besetzung einer Spitzenposition darstellt. Drei von vier Elitemitgliedern haben ein Studium absolviert, und immerhin einer von vieren hat promoviert. In den meisten Bereichen liegen die Prozentsätze sogar noch deutlich höher, erreichen in Wirtschaft, Verwaltung oder Justiz Quoten von 80 bis 100 Prozent für Hochschulabsolventen und 40 bis 50 Prozent für Promovierte.[9] Auf der anderen Seite konnte in den Generationen, denen die Eliten fast vollständig angehören,[10] nur eine (mehr oder minder) kleine Minderheit studieren. Zwar verdreifachte sich durch die Bildungsexpansion der Anteil der Studierenden an den entsprechenden Geburtsjahrgängen von ca. vier Prozent in den fünfziger Jahren auf über zwölf Prozent Ende der siebziger Jahre. Ein Hochschulabschluss blieb aber weiterhin einer eindeutigen Minderheit vorbehalten. Diese entstammte zudem zu einem weit überproportionalen Prozentsatz dem Bürgertum. Die Bildungsreformen der sechziger und siebziger Jahre haben zwar unzweifelhaft zu einer sozialen Öffnung der Hochschulen geführt, aber die Disproportionalitäten in der sozialen Zusammensetzung der Studierenden konnten dadurch nur teilweise abbaut werden.[11]

Verantwortlich für das soziale Ungleichgewicht ist eine Vielzahl von Auslesemechanismen innerhalb des deutschen Bildungssystems, das sich im internationalen Vergleich - wie die Schülerleistungsstudie PISA deutlich gezeigt hat - durch eine besonders ausgeprägte soziale Selektion auszeichnet. Die Dreigliedrigkeit des Schulwesens spielt in dieser Hinsicht eine entscheidende Rolle. Beim Übergang zur weiterführenden Schule machen sich nämlich nicht nur die milieubedingt besseren Leistungen der Kinder aus den höheren Schichten und Klassen bemerkbar, sondern auch die je nach sozialer Herkunft stark differierenden Beurteilungen der Lehrkräfte. Nach einer Erhebung unter allen Hamburger Fünftklässlern benötigt zum Beispiel ein Kind, dessen Vater das Abitur gemacht hat, ein Drittel weniger Punkte für eine Gymnasialempfehlung als ein Kind mit einem Vater ohne Schulabschluss.[12] Bei Versetzungsentscheidungen sind dieselben Mechanismen zu beobachten.

Wer es aus den so genannten "bildungsfernen Schichten" trotz all dieser Hürden bis an die Hochschulen geschafft hat, wird auch dort mit den höchst wirkungsvollen "inoffiziellen" Lehrplänen und den von den "bildungsnahen Schichten" bestimmten Verhaltensmustern konfrontiert. Die Betreffenden müssen zudem größere materielle Probleme bewältigen, d.h. zu einem ungefähr doppelt so hohen Prozentsatz einer laufenden Beschäftigung nachgehen, um ein Studium finanzieren zu können. Das schlägt sich in ihrem ebenfalls doppelt so hohen Anteil unter den Langzeitstudierenden nieder.[13] Insgesamt gesehen sind die Aussichten auf die Aufnahme eines Studiums sowie einen erfolgreichen und zügigen Hochschulabschluss für den Nachwuchs aus Arbeiterfamilien oder den Haushalten kleiner Selbständiger oder normaler Angestellter und Beamter wesentlich schlechter als für Bürgerkinder oder für die Sprösslinge aus Akademikerfamilien. Das zeigt sich am deutlichsten bei jenen, die es bis zum höchsten Abschluss schaffen: bis zur Promotion. Von ihnen kamen traditionell über die Hälfte aus dem Bürgertum. In den die Elitepositionen klar dominierenden Fächern Ingenieurwissenschaften, Jura und Wirtschaftswissenschaften waren es ca. 60 Prozent. Durch die Bildungsexpansion hat sich dieser Prozentsatz zwar um ein Fünftel verringert, die sozialen Unterschiede bleiben aber nach wie vor sehr groß.[14]


Fußnoten

9.
Vgl. Hilke Rebenstorf, Karrieren und Integration - Werdegänge und Common Language, in: W. Bürklin/H. Rebenstorf u.a. (Anm. 1), S. 165, 187.
10.
Sie sind durchweg vor 1960 geboren, ein großer Teil sogar vor 1950.
11.
Vgl. dazu M. Hartmann (Anm. 3), S. 44ff. Im Übrigen zeigen die Sozialerhebungen des Deutschen Studentenwerks seit Beginn der achtziger Jahre wieder eine zunehmende soziale Schließung. Die Studierenden mit "hoher sozialer Herkunft" haben ihren Anteil zwischen 1982 und 2000 von 17 Prozent auf 33 Prozent fast verdoppeln können. Die Entwicklung dürfte in ihren Ausmaßen allerdings überzeichnet sein, weil die Kategorie hohe soziale Herkunft des Studentenwerks viele Berufe mit Hochschulausbildung, aber ohne wirklich leitende Funktionen (wie z.B. wissenschaftliche Mitarbeiter oder Lehrer) umfasst und damit einen ungefähr dreimal so hohen Prozentsatz der Erwerbstätigen ausmacht wie die Kategorie des Bürgertums.
12.
Vgl. Rainer Lehmann/Rainer Peek, Aspekte der Lernausgangslage von Schülerinnen und Schülern der fünften Klassen an Hamburger Schulen (Hamburg: Behörde für Schule, Jugend und Berufsbildung. Amt für Schule), Hamburg 1997, S. 89.
13.
Vgl. Klaus Schnitzer/Wolfgang Isserstedt/Elke Middendorff, Die wirtschaftliche und soziale Lage der Studierenden in der Bundesrepublik Deutschland 2000 (16. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks), Bonn 2001, S. 114, 294.
14.
Vgl. M. Hartmann (Anm. 3), S. 56ff.