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1.3.2004 | Von:
Michael Hartmann

Eliten in Deutschland

Rekrutierungswege und Karrierepfade

Der Zugang zu Elitepositionen in Wirtschaft, Politik, Justiz und Wissenschaft

Sollte die von den meisten Eliteforschern geteilte Annahme richtig sein, dass sich die Eliteauslese nach Leistungskriterien vollzieht, dann müssten die Chancen auf eine Spitzenposition zumindest für alle diejenigen gleich gut sein, die in derselben Zeit an derselben Universität im selben Fach promoviert haben. Kinder aus Arbeiter- oder Angestelltenfamilien sollten mit der Promotion zumindest das gleiche Maß an Fähigkeiten und Bemühungen nachgewiesen haben wie ihre Kommilitonen aus dem Bürgertum.[15] Es spricht sogar viel dafür, dass sie ein größeres Quantum an Begabung und Fleiß benötigt haben, weil sie die zahlreichen Hindernisse, die ihnen auf ihrem Bildungsweg aus sozialen Gründen begegnen, erst einmal überwinden mussten. Auf jeden Fall müssten sie, vorausgesetzt die These des meritokratischen Zugangs zu Elitepositionen stimmt, nach dem Ende ihres Studiums die gleichen Chancen bei der Konkurrenz um eben dieselben haben. Sollte dies nicht so sein, dann wäre das ein schwerwiegendes Argument gegen die zentrale These der funktionalistischen Elitetheorien, dass Elitepositionen heutzutage durch Leistung erworben und nicht qua Herkunft zugeschrieben werden.

Die Untersuchung der Lebensläufe promovierter Ingenieure, Juristen und Wirtschaftswissenschaftler der Promotionsjahrgänge 1955, 1965, 1975 und 1985 - insgesamt ca. 6.500 Personen und zu über 96 Prozent Männer[16] - bietet auf den ersten Blick ein relativ uneinheitliches Bild: Für den Aufstieg in die Elite im weiteren Sinne[17] gelten offenbar je nach Sektor ganz unterschiedliche Bedingungen. Die Bedeutung der sozialen Herkunft erscheint alles andere als eindeutig. Wenn man die hohe soziale Selektivität der Promotion außer Betracht lässt, bietet eine bürgerliche Herkunft auf den ersten Blick nur in der Wirtschaft einen unzweifelhaften Vorteil. Hier werden die Aussichten auf eine Spitzenstellung durch ein bürgerliches Elternhaus unübersehbar begünstigt. Von den Absolventen, deren Vater Arbeiter, Bauer, kleiner Selbstständiger oder Angestellter bzw. Beamter ohne leitende Funktionen war, ist gut jeder Elfte im Verlauf seines Berufslebens in die erste Führungsebene eines großen Unternehmens aufgestiegen. Von den Kindern des gehobenen Bürgertums hat es dagegen schon mehr als jeder Achte und von den Söhnen des Großbürgertums[18] sogar fast jeder Fünfte geschafft (siehe die Tabelle: PDF-Version).[19] Differenziert man weiter, so zeigt sich, dass Arbeiterkinder die schlechtesten und die Söhne größerer Unternehmer die besten Chancen besitzen. Letztere sind mehr als dreimal so erfolgreich wie Erstere.

In den übrigen drei Sektoren bietet sich ein anderes Bild. Zwar liegen die Kinder aus dem Großbürgertum in der Politik und der Justiz noch vorn, wenn auch relativ knapp, in der Wissenschaft rangieren sie aber ganz am Ende. Der Nachwuchs des gehobenen Bürgertums hat in allen drei Bereichen schlechtere Karriereaussichten als die Kommilitonen aus der Arbeiterklasse und den breiten Mittelschichten. Letztere dominieren vor allem in der Wissenschaft, schneiden aber auch in der Justiz und in der Politik[20] relativ gut ab.

Der erste Eindruck täuscht jedoch zumindest teilweise. Zum einen darf man die Konkurrenzsituation in den einzelnen Sektoren nicht aus den Augen verlieren.[21] Zum anderen ändert sich das Bild erheblich, nimmt man nur die Elite im engeren Sinne in den Blick. In den Chefetagen der Großkonzerne und an den Bundesgerichten[22] dominieren die Söhne des Bürgertums und vor allem des Großbürgertums ganz eindeutig. Beim Weg in die Chefetagen der 400 führenden Großkonzerne sind die Söhne des gehobenen Bürgertums doppelt, die des Großbürgertums sogar mehr als dreimal so erfolgreich wie jene aus der breiten Bevölkerung. Der Nachwuchs von leitenden Angestellten schafft den Sprung nach oben sogar zehnmal häufiger als Arbeiterkinder. Bei den Spitzenpositionen der Justiz sieht es ähnlich aus. Während in der Justizelite im weiteren Sinne noch fast jeder zweite promovierte Jurist aus der breiten Bevölkerung kommt, gilt das nur noch für ein Drittel der Bundesrichter und gerade noch für einen von acht an den (nach dem Bundesverfassungsgericht) beiden wichtigsten Bundesgerichten:[23] dem Bundesgerichtshof und dem Bundesverwaltungsgericht. Die Sprösslinge des Großbürgertums stellen unter den Promovierten dagegen mehr als ein Viertel der Bundesrichter und im Falle dieser beiden Bundesgerichte sogar über ein Drittel der Richter. Von den promovierten Juristen aus großbürgerlichen Familien ist fast jeder dritte Bundesrichter geworden. Soziale Aufsteiger findet man umso seltener, je wichtiger und machtvoller die Position ist. Bei den Söhnen des gehobenen und vor allem des Großbürgertums sieht es genau umgekehrt aus. In der Elite im engeren Sinne sind sie besonders stark vertreten.

Die erheblich besseren Aufstiegschancen, die sich dem bürgerlichen Nachwuchs sowohl in der Elite im engeren Sinne als auch generell in der Wirtschaft bieten, lassen sich dabei nicht mit dem Studienverhalten erklären, wie man annehmen könnte. Zwar spielt für Karrieren in großen Unternehmen durchaus eine Rolle, dass die Promovierten aus dem Bürgertum im Durchschnitt ein Semester früher fertig sind als ihre Kommilitonen aus der breiten Bevölkerung und während ihres Studiums auch ungefähr doppelt so häufig eine Universität im Ausland besucht haben. Die Bedeutung der sozialen Herkunft wird dadurch aber nicht im geringsten geschmälert. Das zeigen Berechnungen, die alle Faktoren[24] in ihrer wechselseitigen Wirkung mit einbeziehen, ganz unmissverständlich. Das Elternhaus beeinflusst den Zugang zur deutschen Elite ganz direkt und nicht nur mittelbar.


Fußnoten

15.
Die vorrangige Aufteilung in Bürgertum auf der einen Seite und den Rest der Bevölkerung (Arbeiterklasse und Mittelschichten) auf der anderen sowie die Unterteilung des Bürgertums in gehobenes und Großbürgertum erscheinen mir sinnvoller als die sonst übliche Differenzierung in "nicht Dienstklasse", "untere Dienstklasse" und "obere Dienstklasse", will man Aussagen über die soziale Öffnung oder Schließung der Eliten machen. Nur so ist nämlich zu sehen, in welchem Umfang die Eliten sich aus dem Milieu rekrutieren, dem sie qua Position selbst im Großen und Ganzen zuzurechnen sind.
16.
Von den gut 6 500 Personen in den untersuchten Promotionsjahrgängen waren nicht einmal 250 Frauen.
17.
Als Elite im weiteren Sinne gelten Mitglieder der ersten Führungsebene von Unternehmen ab 150 Beschäftigten, Politiker vom Oberbürgermeister einer bedeutenden Großstadt oder einem Landesminister aufwärts, Juristen vom Vizepräsidenten eines Landgerichts oder einem Oberlandesgerichtsrat aufwärts und Professoren.
18.
Zum Großbürgertum gehören Großunternehmer und Großgrundbesitzer, die Mitglieder von Vorständen großer Unternehmen, Spitzenbeamte und Angehörige der Generalität.
19.
Von den insgesamt nur knapp 250 Frauen, die in den untersuchten Promotionsjahrgängen zu finden sind, hat es keine einzige in die Chefetagen der Großkonzerne geschafft und nur ganze drei in die eines größeren Unternehmens, alle als Erbinnen der väterlichen Firma. Professorinnen sind im Übrigen auch nur zwei Frauen geworden.
20.
Bei den Werten für die Politik ist zu beachten, dass nur eine sehr kleine Zahl von Promovierten in diesen Bereich gegangen ist, Promovierte im Unterschied zu den anderen drei Sektoren dort auch insgesamt kaum eine Rolle spielen.
21.
Vgl. dazu das Kapitel über Konkurrenz und Verdrängung.
22.
Die Beschränkung auf Wirtschaft und Justiz ist unumgänglich, weil eine solche Unterteilung der Elite in der Politik an der geringen absoluten Zahl von Promovierten scheitert und in der Wissenschaft am Fehlen einer allgemein anerkannten Hierarchisierung oberhalb der Professur.
23.
Am Bundesverfassungsgericht war keiner der untersuchten Promovierten tätig.
24.
Neben der sozialen Herkunft, dem Alter bei Studienbeginn und eventuellen Auslandsaufenthalten zählen dazu u.a. auch noch die Studiendauer, das Studienfach und der Studienort.