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1.3.2004 | Von:
Michael Hartmann

Eliten in Deutschland

Rekrutierungswege und Karrierepfade

Resümee

Eines zeigen die Bildungs- und Karriereverläufe der vier Promotionskohorten ganz eindeutig: Die soziale Herkunft beeinflusst den Zugang zu Elitepositionen nicht nur indirekt über den Bildungserfolg, sondern auch ganz unmittelbar. Die vom funktionalistischen Mainstream der Eliteforschung vertretene Position, die Rekrutierung der Eliten erfolge vorrangig anhand der individuellen Leistung, hat sich nicht bestätigt. Auch die Hoffnungen von Ralf Dahrendorf und den meisten anderen Eliteforschern, die Bildungsexpansion mit ihrer sozialen Öffnung der Hochschulen würde an der disproportionalen Rekrutierung der Eliten Wesentliches verändern, haben sich dementsprechend nicht erfüllt. Vielmehr ist es - ganz im Gegenteil - bei den untersuchten Promotionskohorten sogar zu einer weiteren sozialen Schließung gekommen, und das vor allem in der Wirtschaft. Mit Ausnahme des zuletzt genannten Bereichs bietet die Potsdamer Erhebung ein ähnliches Bild. In der Politik, der Verwaltung, den Massenmedien, der Kultur oder beim Militär - überall hat sich der Prozentsatz der Elitemitglieder, die aus dem Bürgertum stammen, (mehr oder minder deutlich) erhöht.[35] Da die von den Potsdamern festgestellte Öffnung in der Wirtschaft aus erhebungstechnischen Gründen weit an der Realität vorbeigeht[36] - eigene Untersuchungen kommen auf einen mit über 80 Prozent nicht nur doppelt so hohen, sondern zudem noch leicht steigenden Anteil der Bürgerkinder -,[37] kann von einer sozialen Öffnung der deutschen Eliten keine Rede sein. Die Bildungsexpansion hat nur den Zugang zu den Bildungsinstitutionen erleichtert, nicht aber den zu den Elitepositionen.


Fußnoten

35.
Vgl. K.-U. Schnapp (Anm. 1), S. 77.
36.
Zunächst liegt die Ausschöpfungsquote mit nur 33,6 Prozent für alle Unternehmen außerhalb des Finanzsektors sehr niedrig. Sodann wurde im Finanzsektor mit der Deutschen Bundesbank, den Landeszentralbanken, Genossenschaftsbanken, öffentlichen Bausparkassen und den öffentlich-rechtlichen Sozialversicherungsträgern eine ganze Anzahl von Institutionen einbezogen, deren Führungspositionen eher nach politischen Kriterien als nach den Maßstäben der Privatwirtschaft besetzt werden. Schließlich wurden gerade in den Finanzinstituten, aber auch in den anderen Unternehmen Positionsinhaber (wie z.B. stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende) befragt, die nicht zur eigentlichen Wirtschaftselite zu rechnen sind. Die Tatsache, dass jedes vierte Mitglied der Wirtschaftselite zugleich Gewerkschaftsmitglied ist, zeigt das mehr als deutlich.
37.
Vgl. M. Hartmann, Klassenspezifischer Habitus (Anm. 25), S. 181, 214f.