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1.3.2004 | Von:
Michael Hartmann

Eliten in Deutschland

Rekrutierungswege und Karrierepfade

Die Eliten rekrutieren sich in Deutschland nach wie vor weit überproportional aus dem Bürgertum. Die Bildungsexpansion hat nur den Zugang zu den Bildungsinstitutionen erleichtert, nicht aber zu den Elitepositionen.

Einleitung

Die deutschen Eliten sind männlich. Diese Feststellung trifft im Wesentlichen auch heute noch zu. Zwar hat sich der Anteil der Frauen in Elitepositionen im Verlauf der vergangenen zwei Jahrzehnte deutlich erhöht, allein zwischen 1981 und 1995 von drei auf dreizehn Prozent.[1] Von einer auch nur halbwegs proportionalen Vertretung der Geschlechter kann aber keine Rede sein. Außerdem beschränkt sich der Zuwachs fast ausschließlich auf die Politik und von ihr stark beeinflusste Sektoren. Dort haben gezielte Quotenregelungen Wirkung gezeigt. In den Topetagen der Wirtschaft sucht man Frauen dagegen nach wie vor vergeblich. Generalisierend lässt sich festhalten: Die geschlechtsspezifische Diskriminierung geht in der Regel mit einer sozialen Diskriminierung Hand in Hand. Dort, wo die Aufstiegschancen für Personen aus der Arbeiterklasse oder den breiten Mittelschichten überdurchschnittlich gut sind, sind sie es zumeist auch für die Frauen - und umgekehrt.




Über die soziale Rekrutierung der deutschen Eliten hat Ralf Dahrendorf vor über vier Jahrzehnten eine Aussage getroffen, die im Kern bis heute gültig ist und von den empirischen Elitestudien immer wieder bestätigt wird. Für Dahrendorf war "das eindeutigste Merkmal deutscher Eliten ... , dass diese sich zum größeren Teil selbst aus einer schmalen Oberschicht und zum geringeren Teil aus den Kadern der nichtakademischen Beamtenschaft rekrutieren, während der Sohn eines Industriearbeiters, aber auch des selbständigen Handwerkers und kleinen Geschäftsmannes wenig Aussicht hat, bis an die Spitze der deutschen Gesellschaft vorzudringen"[2]. Unter professionellen Beobachterinnen und Beobachtern ist unumstritten, dass die deutschen Eliten ganz überproportional aus den Reihen des Bürgertums[3] stammen. Weitgehend einig ist man sich auch in der Einschätzung, dass - wenn man einmal von den Gewerkschaften absieht - die politische Elite sozial am durchlässigsten und die Wirtschaftselite am geschlossensten ist. Über den Umfang der sozialen Öffnung bzw. Schließung gibt es allerdings in der wissenschaftlichen Forschung größere Differenzen. In den Elitestudien aus Mannheim und Potsdam wird nicht nur generell ein höheres Maß an sozialer Durchlässigkeit festgestellt als in den Arbeiten von Ralf Dahrendorf, Wolfgang Zapf oder des Verfassers. Es wird im Unterschied zu diesen auch eine im Zeitverlauf deutlich voranschreitende Öffnung der Elitepositionen konstatiert.[4]

Was die Gründe für die disproportionale Vertretung der einzelnen Schichten und Klassen der Gesellschaft in den Eliten betrifft, ist die Übereinstimmung aber wieder groß. Fast alle Eliteforscher sehen die entscheidende Ursache in einer je nach Herkunft sehr unterschiedlichen Bildungsbeteiligung. Auch in diesem Punkt hat Dahrendorf schon Anfang der sechziger Jahre eine Feststellung getroffen, die von den meisten Beobachtern bis heute geteilt wird: Für die soziale Zusammensetzung der Eliten ist das "Bildungsprivileg" der Oberschicht und der oberen Mittelschicht ausschlaggebend. Dahrendorf verlangt folgerichtig einen "Abbau der Sozialschichtung der Bildungschancen" als entscheidende Voraussetzung für eine soziale Öffnung der deutschen Eliten.[5] Ähnlich argumentiert Ursula Hoffmann-Lange. Die soziale Herkunft bestimme nur indirekt, über die mit ihr verbundene Determinierung der Bildungschancen, den Aufstieg in die Eliten, habe aber "keinen eigenständigen Einfluss" darauf.[6]

Diese für den Mainstream in der Eliteforschung typische Einstellung hat erhebliche Konsequenzen. Mit diesem Argumentationsmuster lässt sich die Position, dass die Elitenauswahl durch Leistungsauslese erfolge, auch selbst dann relativ problemlos aufrechterhalten, wenn die Realität eine ausgesprochen selektive Sozialrekrutierung der Eliten zeigt. Hans P. Dreitzel macht das in seinen Ausführungen sehr deutlich: Die soziale Offenheit einer Gesellschaft und ihrer Eliten müsse nur "prinzipiell" gegeben sein, um von funktionalen Leistungseliten sprechen zu können. "Prinzipiell" heißt in diesem Zusammenhang, dass der "Aufstieg in die Spitzenpositionen jedem möglich sein [müsse], der die geforderte Leistungsqualifikation erwerben kann"[7]. Erwerben kann sie nach Dreitzels Ansicht jedermann, denn nicht die Möglichkeit, sondern nur der Wille, bestimmte Bildungs- und Berufsziele zu erreichen, sei sozial unterschiedlich stark ausgeprägt. Entscheidend seien die "schichtspezifischen Schulziele". Dahrendorf argumentiert genauso. Auch er sieht die Ursachen der "Sozialschichtung der Bildungschancen" und damit der "höchst unrepräsentativen Herkunftsschichtung der deutschen Führungsgruppen" vor allem in der "sozialen Distanz der Arbeiter von den Bildungsinstitutionen" und weniger "im finanziellen Bereich". Er formuliert es sogar noch deutlicher als Dreitzel: "Mit nur geringer Übertreibung kann man sagen, dass sich in der Bundesrepublik jede Arbeiterfamilie das Universitätsstudium mindestens eines Kindes leisten kann."[8]

Bildungswege und Elitenrekrutierung

Unabhängig davon, ob man diese Einschätzung Dahrendorfs nun teilt oder nicht, ein prinzipieller Zusammenhang zwischen der sozialen Selektivität des deutschen Bildungssystems und der sozialen Rekrutierung der deutschen Eliten ist nicht von der Hand zu weisen. Auf der einen Seite ist schon auf den ersten Blick zu erkennen, dass ein Hochschulabschluss eine fast unabdingbare Voraussetzung für die Besetzung einer Spitzenposition darstellt. Drei von vier Elitemitgliedern haben ein Studium absolviert, und immerhin einer von vieren hat promoviert. In den meisten Bereichen liegen die Prozentsätze sogar noch deutlich höher, erreichen in Wirtschaft, Verwaltung oder Justiz Quoten von 80 bis 100 Prozent für Hochschulabsolventen und 40 bis 50 Prozent für Promovierte.[9] Auf der anderen Seite konnte in den Generationen, denen die Eliten fast vollständig angehören,[10] nur eine (mehr oder minder) kleine Minderheit studieren. Zwar verdreifachte sich durch die Bildungsexpansion der Anteil der Studierenden an den entsprechenden Geburtsjahrgängen von ca. vier Prozent in den fünfziger Jahren auf über zwölf Prozent Ende der siebziger Jahre. Ein Hochschulabschluss blieb aber weiterhin einer eindeutigen Minderheit vorbehalten. Diese entstammte zudem zu einem weit überproportionalen Prozentsatz dem Bürgertum. Die Bildungsreformen der sechziger und siebziger Jahre haben zwar unzweifelhaft zu einer sozialen Öffnung der Hochschulen geführt, aber die Disproportionalitäten in der sozialen Zusammensetzung der Studierenden konnten dadurch nur teilweise abbaut werden.[11]

Verantwortlich für das soziale Ungleichgewicht ist eine Vielzahl von Auslesemechanismen innerhalb des deutschen Bildungssystems, das sich im internationalen Vergleich - wie die Schülerleistungsstudie PISA deutlich gezeigt hat - durch eine besonders ausgeprägte soziale Selektion auszeichnet. Die Dreigliedrigkeit des Schulwesens spielt in dieser Hinsicht eine entscheidende Rolle. Beim Übergang zur weiterführenden Schule machen sich nämlich nicht nur die milieubedingt besseren Leistungen der Kinder aus den höheren Schichten und Klassen bemerkbar, sondern auch die je nach sozialer Herkunft stark differierenden Beurteilungen der Lehrkräfte. Nach einer Erhebung unter allen Hamburger Fünftklässlern benötigt zum Beispiel ein Kind, dessen Vater das Abitur gemacht hat, ein Drittel weniger Punkte für eine Gymnasialempfehlung als ein Kind mit einem Vater ohne Schulabschluss.[12] Bei Versetzungsentscheidungen sind dieselben Mechanismen zu beobachten.

Wer es aus den so genannten "bildungsfernen Schichten" trotz all dieser Hürden bis an die Hochschulen geschafft hat, wird auch dort mit den höchst wirkungsvollen "inoffiziellen" Lehrplänen und den von den "bildungsnahen Schichten" bestimmten Verhaltensmustern konfrontiert. Die Betreffenden müssen zudem größere materielle Probleme bewältigen, d.h. zu einem ungefähr doppelt so hohen Prozentsatz einer laufenden Beschäftigung nachgehen, um ein Studium finanzieren zu können. Das schlägt sich in ihrem ebenfalls doppelt so hohen Anteil unter den Langzeitstudierenden nieder.[13] Insgesamt gesehen sind die Aussichten auf die Aufnahme eines Studiums sowie einen erfolgreichen und zügigen Hochschulabschluss für den Nachwuchs aus Arbeiterfamilien oder den Haushalten kleiner Selbständiger oder normaler Angestellter und Beamter wesentlich schlechter als für Bürgerkinder oder für die Sprösslinge aus Akademikerfamilien. Das zeigt sich am deutlichsten bei jenen, die es bis zum höchsten Abschluss schaffen: bis zur Promotion. Von ihnen kamen traditionell über die Hälfte aus dem Bürgertum. In den die Elitepositionen klar dominierenden Fächern Ingenieurwissenschaften, Jura und Wirtschaftswissenschaften waren es ca. 60 Prozent. Durch die Bildungsexpansion hat sich dieser Prozentsatz zwar um ein Fünftel verringert, die sozialen Unterschiede bleiben aber nach wie vor sehr groß.[14]

Der Zugang zu Elitepositionen in Wirtschaft, Politik, Justiz und Wissenschaft

Sollte die von den meisten Eliteforschern geteilte Annahme richtig sein, dass sich die Eliteauslese nach Leistungskriterien vollzieht, dann müssten die Chancen auf eine Spitzenposition zumindest für alle diejenigen gleich gut sein, die in derselben Zeit an derselben Universität im selben Fach promoviert haben. Kinder aus Arbeiter- oder Angestelltenfamilien sollten mit der Promotion zumindest das gleiche Maß an Fähigkeiten und Bemühungen nachgewiesen haben wie ihre Kommilitonen aus dem Bürgertum.[15] Es spricht sogar viel dafür, dass sie ein größeres Quantum an Begabung und Fleiß benötigt haben, weil sie die zahlreichen Hindernisse, die ihnen auf ihrem Bildungsweg aus sozialen Gründen begegnen, erst einmal überwinden mussten. Auf jeden Fall müssten sie, vorausgesetzt die These des meritokratischen Zugangs zu Elitepositionen stimmt, nach dem Ende ihres Studiums die gleichen Chancen bei der Konkurrenz um eben dieselben haben. Sollte dies nicht so sein, dann wäre das ein schwerwiegendes Argument gegen die zentrale These der funktionalistischen Elitetheorien, dass Elitepositionen heutzutage durch Leistung erworben und nicht qua Herkunft zugeschrieben werden.

Die Untersuchung der Lebensläufe promovierter Ingenieure, Juristen und Wirtschaftswissenschaftler der Promotionsjahrgänge 1955, 1965, 1975 und 1985 - insgesamt ca. 6.500 Personen und zu über 96 Prozent Männer[16] - bietet auf den ersten Blick ein relativ uneinheitliches Bild: Für den Aufstieg in die Elite im weiteren Sinne[17] gelten offenbar je nach Sektor ganz unterschiedliche Bedingungen. Die Bedeutung der sozialen Herkunft erscheint alles andere als eindeutig. Wenn man die hohe soziale Selektivität der Promotion außer Betracht lässt, bietet eine bürgerliche Herkunft auf den ersten Blick nur in der Wirtschaft einen unzweifelhaften Vorteil. Hier werden die Aussichten auf eine Spitzenstellung durch ein bürgerliches Elternhaus unübersehbar begünstigt. Von den Absolventen, deren Vater Arbeiter, Bauer, kleiner Selbstständiger oder Angestellter bzw. Beamter ohne leitende Funktionen war, ist gut jeder Elfte im Verlauf seines Berufslebens in die erste Führungsebene eines großen Unternehmens aufgestiegen. Von den Kindern des gehobenen Bürgertums hat es dagegen schon mehr als jeder Achte und von den Söhnen des Großbürgertums[18] sogar fast jeder Fünfte geschafft (siehe die Tabelle: PDF-Version).[19] Differenziert man weiter, so zeigt sich, dass Arbeiterkinder die schlechtesten und die Söhne größerer Unternehmer die besten Chancen besitzen. Letztere sind mehr als dreimal so erfolgreich wie Erstere.

In den übrigen drei Sektoren bietet sich ein anderes Bild. Zwar liegen die Kinder aus dem Großbürgertum in der Politik und der Justiz noch vorn, wenn auch relativ knapp, in der Wissenschaft rangieren sie aber ganz am Ende. Der Nachwuchs des gehobenen Bürgertums hat in allen drei Bereichen schlechtere Karriereaussichten als die Kommilitonen aus der Arbeiterklasse und den breiten Mittelschichten. Letztere dominieren vor allem in der Wissenschaft, schneiden aber auch in der Justiz und in der Politik[20] relativ gut ab.

Der erste Eindruck täuscht jedoch zumindest teilweise. Zum einen darf man die Konkurrenzsituation in den einzelnen Sektoren nicht aus den Augen verlieren.[21] Zum anderen ändert sich das Bild erheblich, nimmt man nur die Elite im engeren Sinne in den Blick. In den Chefetagen der Großkonzerne und an den Bundesgerichten[22] dominieren die Söhne des Bürgertums und vor allem des Großbürgertums ganz eindeutig. Beim Weg in die Chefetagen der 400 führenden Großkonzerne sind die Söhne des gehobenen Bürgertums doppelt, die des Großbürgertums sogar mehr als dreimal so erfolgreich wie jene aus der breiten Bevölkerung. Der Nachwuchs von leitenden Angestellten schafft den Sprung nach oben sogar zehnmal häufiger als Arbeiterkinder. Bei den Spitzenpositionen der Justiz sieht es ähnlich aus. Während in der Justizelite im weiteren Sinne noch fast jeder zweite promovierte Jurist aus der breiten Bevölkerung kommt, gilt das nur noch für ein Drittel der Bundesrichter und gerade noch für einen von acht an den (nach dem Bundesverfassungsgericht) beiden wichtigsten Bundesgerichten:[23] dem Bundesgerichtshof und dem Bundesverwaltungsgericht. Die Sprösslinge des Großbürgertums stellen unter den Promovierten dagegen mehr als ein Viertel der Bundesrichter und im Falle dieser beiden Bundesgerichte sogar über ein Drittel der Richter. Von den promovierten Juristen aus großbürgerlichen Familien ist fast jeder dritte Bundesrichter geworden. Soziale Aufsteiger findet man umso seltener, je wichtiger und machtvoller die Position ist. Bei den Söhnen des gehobenen und vor allem des Großbürgertums sieht es genau umgekehrt aus. In der Elite im engeren Sinne sind sie besonders stark vertreten.

Die erheblich besseren Aufstiegschancen, die sich dem bürgerlichen Nachwuchs sowohl in der Elite im engeren Sinne als auch generell in der Wirtschaft bieten, lassen sich dabei nicht mit dem Studienverhalten erklären, wie man annehmen könnte. Zwar spielt für Karrieren in großen Unternehmen durchaus eine Rolle, dass die Promovierten aus dem Bürgertum im Durchschnitt ein Semester früher fertig sind als ihre Kommilitonen aus der breiten Bevölkerung und während ihres Studiums auch ungefähr doppelt so häufig eine Universität im Ausland besucht haben. Die Bedeutung der sozialen Herkunft wird dadurch aber nicht im geringsten geschmälert. Das zeigen Berechnungen, die alle Faktoren[24] in ihrer wechselseitigen Wirkung mit einbeziehen, ganz unmissverständlich. Das Elternhaus beeinflusst den Zugang zur deutschen Elite ganz direkt und nicht nur mittelbar.

Die entscheidenden Rekrutierungskriterien

Richtet man den Blick zunächst auf die Wirtschaft als den entscheidenden Bereich - immerhin sind über zwei Drittel der zur Elite zählenden Promovierten in diesem Sektor tätig -, so zeigt sich ganz klar, dass der wichtigste Grund für die wesentlich höhere Erfolgsquote der Bürgerkinder in ihrem klassenspezifischen Habitus zu suchen ist. Wer in die Vorstände und Geschäftsführungen großer Unternehmen gelangen will, der muss nämlich vor allem eines besitzen: habituelle Ähnlichkeit mit den Personen, die dort schon sitzen. Da die Besetzung von Spitzenpositionen in großen Unternehmen von einem sehr kleinen Kreis von Personen entschieden wird und das Verfahren nur wenig formalisiert ist, spielt die Übereinstimmung mit den so genannten "Entscheidern", der "gleiche Stallgeruch", die ausschlaggebende Rolle. Es wird sehr viel weniger nach rationalen Kriterien entschieden, als man gemeinhin vermutet.

Die Bedeutung der "richtigen Chemie" oder des "Bauchgefühls" hängt wesentlich mit dem Bedürfnis zusammen, sich mit Personen zu umgeben, denen man vertrauen kann. Man müsse sich einen Vorstand, so ein interviewter Topmanager, in der Regel als eine "Schicksalsgemeinschaft" vorstellen, die gemeinsam erfolgreich sei oder aber scheitere. Maßgeblich dafür, ob man glaubt, jemandem vertrauen zu können, und damit auch für die Entscheidung, ob diese Person als Vorstandskollege akzeptiert wird, ist letztlich der Habitus der Person.

Der gewünschte Habitus wird in den Chefetagen der deutschen Großunternehmen an vier zentralen Persönlichkeitsmerkmalen festgemacht. Man sollte eine intime Kenntnis der Dress- und Benimmcodes aufweisen, weil dies aus Sicht der Entscheider anzeigt, ob der Kandidat die geschriebenen und vor allem die ungeschriebenen Regeln und Gesetze in den Chefetagen der Wirtschaft kennt und auch zu beherzigen gewillt ist. Eine breite Allgemeinbildung ist erwünscht, weil sie als ein klares Indiz für den berühmten und als unbedingt notwendig erachteten "Blick über den Tellerrand" angesehen wird. Unternehmerisches Denken (inklusive der aus Sicht von Spitzenmanagern damit notwendigerweise verknüpften optimistischen Lebenseinstellung) gilt als zwingend erforderlich, weil es die Voraussetzung für Visionen darstelle. Persönliche Souveränität in Auftreten und Verhalten als wichtigstes Element schließlich zeichnet in den Augen der Verantwortlichen all diejenigen aus, die für Führungsaufgaben dieser Größenordnung geeignet seien.[25]

So nachvollziehbar all diese Begründungen auch sind, letztlich geht es um etwas anderes. Die Entscheider beschreiben mit diesen Merkmalen eigentlich nur den Mann, für den sie sich selbst halten. Der Glaube, selbst der richtige Mann am richtigen Platz zu sein, veranlasst die Topmanager, jemanden mit denselben oder ähnlichen Eigenschaften auszuwählen. Das aber bedeutet letztlich, dass ganz eindeutig Personen bevorzugt werden, die (wie man selbst) aus dem Bürgertum stammen. Sich so in den Vorstandsetagen bewegen, als sei einem das Gelände seit jeher vertraut, können selbstverständlich am besten diejenigen, die in diesem Milieu aufgewachsen sind. Soziale Aufsteiger lassen es fast immer an der erwünschten Selbstverständlichkeit in Auftreten wie Verhalten und damit zugleich an der Bereitschaft mangeln, den offiziellen Kanon und die herrschenden Codes auch einmal gekonnt in Frage zu stellen bzw. sie gegebenenfalls zu durchbrechen. Diese Souveränität, die den spielerischen Umgang mit den gültigen Regeln beinhaltet, macht die entscheidende Differenz aus zwischen denen, die dazu gehören, und denen, die nur dazu gehören möchten.[26]

Die deutlich günstigeren Aufstiegsaussichten, die sich den Promovierten aus der breiten Bevölkerung in den drei anderen Gesellschaftsbereichen bieten, lassen vermuten, dass sich die habituellen Anforderungen wie auch die Auswahlmechanismen dort mehr oder minder deutlich von denen in der Wirtschaft unterscheiden. Das ist auch so. In der Politik gilt immer noch das Prinzip der "Ochsentour". Wer es bis in den Bundestag oder ein Landesministerium schaffen will, der oder die muss ganz unten - im Ortsverein - anfangen.[27] Der "kontinuierliche innerparteiliche Aufstieg, überwiegend begonnen in lokalen Vorstandspositionen, [stellt] eine nahezu unabdingbare Voraussetzung zur Erlangung nationaler Führungspositionen" dar.[28] Die vergleichsweise demokratischen Auswahlprozesse in den großen Volksparteien sorgen dafür, dass - im Unterschied zu bürgerlichen Honoratiorenparteien[29] - die sozial relativ breit gestreute Parteibasis einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die Kandidatenaufstellung besitzt. Außerdem müssen Politiker, wollen sie erfolgreich sein, eine gewisse Affinität zu ihrer Wählerklientel aufweisen. All das begünstigt Bewerber, die in ihrem Habitus nicht zu weit von der viel beschworenen Basis entfernt sind. Ein stärker kleinbürgerlicher Habitus ist in der Politik deshalb kein Nachteil, sondern sogar eher ein Vorteil.

In der Justiz sind es in erster Linie die stark formalisierten Besetzungsprozeduren, der vom Beamtentum geprägte Habitus und der Einfluss der Politik auf die Personalentscheidungen in den oberen Ebenen, welche die Karriereaussichten für die promovierten Juristen aus der Arbeiterklasse und den breiten Mittelschichten deutlich günstiger ausfallen lassen als in der Wirtschaft.[30] Ähnliches gilt für die Wissenschaft. Wer auf eine Professur berufen wird, der muss zuvor mehrere stark formalisierte Stufen eines Berufungsverfahrens durchlaufen, in denen trotz der rechtlich abgesicherten Gremienmehrheit der Professoren auch alle anderen Gruppen der Hochschule Einflussmöglichkeiten besitzen. Außerdem sind externe politische Einflüsse nicht zu unterschätzen. Eine einfache "Kooptation" durch wenige Entscheidungsträger wie in der Wirtschaft ist dadurch ausgeschlossen. Das garantiert eine gewisse soziale Öffnung, wie ein Blick auf die klassische Ordinarienuniversität zeigt. Die Auswahlprozeduren, die hier einst durchlaufen werden mussten, hatten eine der Wirtschaft vergleichbare scharfe soziale Auslese zur Folge.[31] Außerdem kommt der für die Wissenschaft charakteristische Habitus der "Wissensorientierung" und "Bildungsbeflissenheit" dem Nachwuchs aus der breiten Bevölkerung erheblich stärker entgegen als der des "souveränen Machers", wie er in den Topetagen der Wirtschaft vorherrscht. Alles in allem gilt die Regel, dass der Zugang zu Elitepositionen sozial umso geschlossener ist, je kleiner der Kreis von Personen, die über die Besetzung entscheiden, und je informeller das Auswahlverfahren.

Konkurrenz und Verdrängung

So offensichtlich der Zusammenhang zwischen Besetzungsprozessen und der sozialen Öffnung von Elitepositionen ist, er offenbart doch nur die halbe Wahrheit. Die für die Promovierten aus der "Normalbevölkerung" im Vergleich zur Wirtschaft deutlich besseren Aufstiegsmöglichkeiten in der Politik, der Justiz und der Wissenschaft sind nicht allein darauf zurückzuführen, dass die Entscheidungen dort von einem größeren Kreis von Personen und nach stärker formalisierten Regeln getroffen werden; sie hängen auch mit Wahlmöglichkeiten und Prioritäten zusammen.

Die Chancen für den Nachwuchs aus der Arbeiterklasse und aus den breiten Mittelschichten sind immer dann überdurchschnittlich gut, wenn das Interesse der Konkurrenten aus gehobenem Bürgertum und Großbürgertum eher schwach ausfällt. Da es Letztere in erster Linie dorthin zieht, wo die größte Macht und das höchste Einkommen winken - in die Chefetagen der Wirtschaft[32] -, entschärft sich zwangsläufig die Konkurrenzsituation in den anderen Bereichen. Damit eröffnen sich aber allein aufgrund mangelnden Interesses seitens der "Bürgerkinder" für die Promovierten aus den anderen Klassen und Schichten der Gesellschaft Karrieremöglichkeiten, die in den großen Unternehmen nicht existieren.

Besonders gut lässt sich dieser Zusammenhang erkennen, wenn man die Promotionsjahrgänge 1965 und 1975 miteinander vergleicht. Sie bilden, was die beruflichen Perspektiven angeht, die beiden Extrempole. Die Absolventen des Jahrgangs 1965 trafen auf außergewöhnlich günstige Bedingungen, weil nicht nur die Wirtschaft durch ihren Boom Ende der sechziger/Anfang der siebziger Jahre ausgesprochen gute Aufstiegschancen bot, sondern die Ausweitung des öffentlichen Dienstes und vor allem der Ausbau des Hochschulsystems in Justiz und Wissenschaft zeitgleich auch hervorragende Karrieremöglichkeiten eröffneten. Die 1975 Promovierten sahen sich dagegen besonderswidrigen Verhältnissen ausgesetzt. Das Wirtschaftswunder war unwiederbringlich vorbei und die Welle der Besetzung von Professorenstellen an den deutschen Hochschulen im Auslaufen begriffen. Die Zahl der frei werdenden oder gar der neu geschaffenen Toppositionen war dementsprechend niedrig. Einzig die Justiz bildete (zumindest teilweise) eine gewisse Ausnahme.

Der Nachwuchs des gehobenen und vor allem des Großbürgertums hat auf die gravierend veränderte Situation sofort reagiert und versucht, den spürbaren Verlust an Spitzenpositionen in den großen Unternehmen durch einen Wechsel in andere Bereiche zu kompensieren. Während das den Abkömmlingen des Großbürgertums problemlos gelungen ist - sie haben den mit 15 Prozent leichten Rückgang in der Wirtschaft durch starke Zuwächse an den Hochschulen (plus 76 Prozent) und in der Justiz (plus 80 Prozent) sogar mehr als wettmachen können -, waren die Promovierten aus dem gehobenen Bürgertum nicht ganz so erfolgreich. Ihre Einbuße in den Chefetagen fiel mit 26 Prozent nicht nur deutlicher aus, sie haben sie trotz eines Zuwachses um 250 Prozent in der Justiz auch nicht komplett ausgleichen können, weil sie an den Hochschulen mit 26 Prozent genauso stark verloren haben wie in der Wirtschaft.

Verglichen mit dem Rückgang, den die Promovierten aus der Arbeiterklasse und den breiten Mittelschichten hinnehmen mussten, ist das allerdings nicht weiter nennenswert. Letztere haben nicht nur eine von zwei Toppositionen in der Wirtschaft räumen müssen, sondern auch einen fast vierzigprozentigen Einbruch an den Hochschulen zu verzeichnen. Einzig in der Justiz haben sie mit sieben Prozent leicht zulegen können. Insgesamt bleibt aber ein Verlust von knapp 40 Prozent. Während aus der Kohorte der 1965 Promovierten noch mehr als jeder Vierte eine Spitzenposition erreichen konnte - allein jeder Achte in der Wirtschaft und jeder Neunte an den Hochschulen -, trifft das bei den 1975 Promovierten nur noch auf jeden Siebten zu. Bei den Promovierten mit bürgerlichem Familienhintergrund bietet sich ein ganz anderes Bild. Von den Sprösslingen des gehobenen Bürgertums hat trotz eines Verlustes von ca. zehn Prozent immer noch jeder Fünfte eine Spitzenkarriere gemacht, von den Großbürgerkindern dank eines Zuwachses von gut zehn Prozent sogar fast jeder Dritte.

Noch deutlicher zeigen sich die unterschiedlichen Möglichkeiten, die dem Nachwuchs des Bürgertums auf der einen und dem der restlichen Bevölkerung auf der anderen Seite offen stehen, wenn man den Blick ausschließlich auf die Juristen richtet. Sie waren seit der zweiten Hälfte der siebziger Jahre von den verschlechterten Aufstiegschancen in der Wirtschaft besonders stark betroffen; denn sie sahen sich zusätzlich zur allgemeinen Reduzierung der Spitzenpositionen auch noch einem Verdrängungsprozess seitens der Betriebswirte ausgesetzt, die immer mehr der von ihnen traditionell besetzten Toppositionen eroberten, zunächst in der Industrie, dann aber auch in ihrer klassischen Domäne, dem Finanzsektor. Hatten von den Vorstandsmitgliedern der vier führenden Großbanken 1980 noch fast zwei Drittel ein juristisches Examen aufzuweisen, so ist es heutzutage gerade noch ein gutes Viertel.[33] Für die 1975 promovierten Juristen war die Situation also ganz besonders problematisch. Sie versuchten dementsprechend, vor allem in die Justiz auszuweichen, die noch die besten Karriereaussichten bot. Dieser Wechsel gelang allerdings nicht allen gleichermaßen gut. Während die promovierten Juristen, die aus der breiten Bevölkerung stammen, ihre Erfolgsquote nur um knapp 50 Prozent steigern konnten, war der Nachwuchs des Großbürgertums doppelt so erfolgreich. Die Söhne des gehobenen Bürgertums, die vom Rückgang in der Wirtschaft und an den Hochschulen stärker betroffen waren als die Großbürgerkinder, erhöhten ihre Quote sogar auf das Vierfache.[34]

Resümee

Eines zeigen die Bildungs- und Karriereverläufe der vier Promotionskohorten ganz eindeutig: Die soziale Herkunft beeinflusst den Zugang zu Elitepositionen nicht nur indirekt über den Bildungserfolg, sondern auch ganz unmittelbar. Die vom funktionalistischen Mainstream der Eliteforschung vertretene Position, die Rekrutierung der Eliten erfolge vorrangig anhand der individuellen Leistung, hat sich nicht bestätigt. Auch die Hoffnungen von Ralf Dahrendorf und den meisten anderen Eliteforschern, die Bildungsexpansion mit ihrer sozialen Öffnung der Hochschulen würde an der disproportionalen Rekrutierung der Eliten Wesentliches verändern, haben sich dementsprechend nicht erfüllt. Vielmehr ist es - ganz im Gegenteil - bei den untersuchten Promotionskohorten sogar zu einer weiteren sozialen Schließung gekommen, und das vor allem in der Wirtschaft. Mit Ausnahme des zuletzt genannten Bereichs bietet die Potsdamer Erhebung ein ähnliches Bild. In der Politik, der Verwaltung, den Massenmedien, der Kultur oder beim Militär - überall hat sich der Prozentsatz der Elitemitglieder, die aus dem Bürgertum stammen, (mehr oder minder deutlich) erhöht.[35] Da die von den Potsdamern festgestellte Öffnung in der Wirtschaft aus erhebungstechnischen Gründen weit an der Realität vorbeigeht[36] - eigene Untersuchungen kommen auf einen mit über 80 Prozent nicht nur doppelt so hohen, sondern zudem noch leicht steigenden Anteil der Bürgerkinder -,[37] kann von einer sozialen Öffnung der deutschen Eliten keine Rede sein. Die Bildungsexpansion hat nur den Zugang zu den Bildungsinstitutionen erleichtert, nicht aber den zu den Elitepositionen.

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Fußnoten

1.
Vgl. Kai-Uwe Schnapp, Soziale Zusammensetzung von Elite und Bevölkerung - Verteilung der Aufstiegschancen in die Elite im Zeitvergleich, in: Wilhelm Bürklin/Hilke Rebenstorf u.a. (Hrsg.), Eliten in Deutschland, Opladen 1997, S. 95.
2.
Ralf Dahrendorf, Eine neue deutsche Oberschicht. Notizen über die Eliten der Bundesrepublik, in: Die neue Gesellschaft, 9 (1962), S. 21.
3.
Zum Bürgertum bzw. der Service Class I, wie die heute in der Sozialforschung gebräuchlichste Kategorie heißt, zählen größere Unternehmer und Grundbesitzer, akademische Freiberufler, leitende Angestellte sowie höhere Beamte und Offiziere. In der Vätergeneration der heutigen Eliten stellten diese Berufsgruppen ca. 3,5 Prozent der männlichen Erwerbstätigen. Vgl. Michael Hartmann, Der Mythos von den Leistungseliten. Spitzenkarrieren und soziale Herkunft in Wirtschaft, Politik, Justiz und Wissenschaft, Frankfurt/M.-New York 2002, S. 37ff.
4.
Vgl. Wolfgang Zapf, Führungsgruppen in West- und Ostdeutschland, in: ders. (Hrsg.), Beiträge zur Analyse der deutschen Oberschicht, München 1965, S. 16ff.; Ursula Hoffmann-Lange/Helga Neumann/Bärbel Steinkämper, Konsens und Konflikt zwischen Führungsgruppen in der Bundesrepublik Deutschland, Frankfurt/M. 1980, S. 22ff.; Ursula Hoffmann-Lange, Eliten, Macht und Konflikt in der Bundesrepublik, Opladen 1992, S. 122ff.; Kai-Uwe Schnapp (Anm. 1), S. 76ff., 97f.; Michael Hartmann (Anm. 3), S. 64, 69, 82, 98, 103, 109, 145ff., 175f.
5.
Vgl. R. Dahrendorf (Anm. 2), S. 23.
6.
U. Hofmann-Lange (Anm. 4), S. 129ff.
7.
Vgl. Hans P. Dreitzel, Elitebegriff und Sozialstruktur. Eine soziologische Begriffsanalyse, Stuttgart 1962, S. 111.
8.
R. Dahrendorf (Anm. 2), S. 22.
9.
Vgl. Hilke Rebenstorf, Karrieren und Integration - Werdegänge und Common Language, in: W. Bürklin/H. Rebenstorf u.a. (Anm. 1), S. 165, 187.
10.
Sie sind durchweg vor 1960 geboren, ein großer Teil sogar vor 1950.
11.
Vgl. dazu M. Hartmann (Anm. 3), S. 44ff. Im Übrigen zeigen die Sozialerhebungen des Deutschen Studentenwerks seit Beginn der achtziger Jahre wieder eine zunehmende soziale Schließung. Die Studierenden mit "hoher sozialer Herkunft" haben ihren Anteil zwischen 1982 und 2000 von 17 Prozent auf 33 Prozent fast verdoppeln können. Die Entwicklung dürfte in ihren Ausmaßen allerdings überzeichnet sein, weil die Kategorie hohe soziale Herkunft des Studentenwerks viele Berufe mit Hochschulausbildung, aber ohne wirklich leitende Funktionen (wie z.B. wissenschaftliche Mitarbeiter oder Lehrer) umfasst und damit einen ungefähr dreimal so hohen Prozentsatz der Erwerbstätigen ausmacht wie die Kategorie des Bürgertums.
12.
Vgl. Rainer Lehmann/Rainer Peek, Aspekte der Lernausgangslage von Schülerinnen und Schülern der fünften Klassen an Hamburger Schulen (Hamburg: Behörde für Schule, Jugend und Berufsbildung. Amt für Schule), Hamburg 1997, S. 89.
13.
Vgl. Klaus Schnitzer/Wolfgang Isserstedt/Elke Middendorff, Die wirtschaftliche und soziale Lage der Studierenden in der Bundesrepublik Deutschland 2000 (16. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks), Bonn 2001, S. 114, 294.
14.
Vgl. M. Hartmann (Anm. 3), S. 56ff.
15.
Die vorrangige Aufteilung in Bürgertum auf der einen Seite und den Rest der Bevölkerung (Arbeiterklasse und Mittelschichten) auf der anderen sowie die Unterteilung des Bürgertums in gehobenes und Großbürgertum erscheinen mir sinnvoller als die sonst übliche Differenzierung in "nicht Dienstklasse", "untere Dienstklasse" und "obere Dienstklasse", will man Aussagen über die soziale Öffnung oder Schließung der Eliten machen. Nur so ist nämlich zu sehen, in welchem Umfang die Eliten sich aus dem Milieu rekrutieren, dem sie qua Position selbst im Großen und Ganzen zuzurechnen sind.
16.
Von den gut 6 500 Personen in den untersuchten Promotionsjahrgängen waren nicht einmal 250 Frauen.
17.
Als Elite im weiteren Sinne gelten Mitglieder der ersten Führungsebene von Unternehmen ab 150 Beschäftigten, Politiker vom Oberbürgermeister einer bedeutenden Großstadt oder einem Landesminister aufwärts, Juristen vom Vizepräsidenten eines Landgerichts oder einem Oberlandesgerichtsrat aufwärts und Professoren.
18.
Zum Großbürgertum gehören Großunternehmer und Großgrundbesitzer, die Mitglieder von Vorständen großer Unternehmen, Spitzenbeamte und Angehörige der Generalität.
19.
Von den insgesamt nur knapp 250 Frauen, die in den untersuchten Promotionsjahrgängen zu finden sind, hat es keine einzige in die Chefetagen der Großkonzerne geschafft und nur ganze drei in die eines größeren Unternehmens, alle als Erbinnen der väterlichen Firma. Professorinnen sind im Übrigen auch nur zwei Frauen geworden.
20.
Bei den Werten für die Politik ist zu beachten, dass nur eine sehr kleine Zahl von Promovierten in diesen Bereich gegangen ist, Promovierte im Unterschied zu den anderen drei Sektoren dort auch insgesamt kaum eine Rolle spielen.
21.
Vgl. dazu das Kapitel über Konkurrenz und Verdrängung.
22.
Die Beschränkung auf Wirtschaft und Justiz ist unumgänglich, weil eine solche Unterteilung der Elite in der Politik an der geringen absoluten Zahl von Promovierten scheitert und in der Wissenschaft am Fehlen einer allgemein anerkannten Hierarchisierung oberhalb der Professur.
23.
Am Bundesverfassungsgericht war keiner der untersuchten Promovierten tätig.
24.
Neben der sozialen Herkunft, dem Alter bei Studienbeginn und eventuellen Auslandsaufenthalten zählen dazu u.a. auch noch die Studiendauer, das Studienfach und der Studienort.
25.
Einzelheiten zu diesen Persönlichkeitsmerkmalen in Michael Hartmann, Topmanager. Die Rekrutierung einer Elite, Frankfurt/M. - New York 1996: S. 117ff.; ders., Klassenspezifischer Habitus oder exklusive Bildungstitel als Selektionskriterium? Die Besetzung von Spitzenpositionen in der Wirtschaft, in: Beate Krais (Hrsg.), An der Spitze. Deutsche Eliten im sozialen Wandel, Konstanz 2001, S. 184ff.; ders. (Anm. 3), S. 122ff.
26.
Diesen Sachverhalt hat Pierre Bourdieu in seinen Studien (vor allem in: Die feinen Unterschiede, Frankfurt/M. - New York 1982) am Beispiel Frankreichs ausführlich beschrieben.
27.
Diese Regel bestimmt die Karrieren in den großen Volksparteien CDU/CSU und SPD. In der FDP und bei den Grünen gilt diese Regel aufgrund der anderen Parteistrukturen und der anderen Wählerklientel nur eingeschränkt.
28.
Dietrich Herzog, Der moderne Berufspolitiker. Karrierebedingungen und Funktion in westlichen Demokratien, in: Hans Georg Wehling (Red.), Eliten in der Bundesrepublik, Stuttgart 1990, S. 36. Siehe dazu auch Hilke Rebenstorf, Die politische Klasse. Zur Entstehung und Reproduktion einer Funktionselite. Frankfurt/M. - New York 1995, S. 160ff.
29.
Wie die Parteienlandschaft in Frankreich zeigt, gelten in Honoratiorenparteien andere Regeln, die ähnlich der Wirtschaft Personen mit einem bürgerlichen Habitus begünstigen. Vgl. M. Hartmann (Anm. 3), S. 161ff.
30.
Zu den Auswahlverfahren in der Justiz vgl. Wolfgang Kaupen, Die Hüter von Recht und Ordnung. Neuwied 1969; Elmar Lange/Niklas Luhmann, Juristen - Berufswahl und Karrieren, in: Verwaltungsarchiv, 65 (1974), S. 113 - 162.
31.
Vgl. Hans Ulrich Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Dritter Band: Von der "Deutschen Doppelrevolution" bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges, München 1995, S. 1219; Ralf Dahrendorf, Gesellschaft und Freiheit, München 1961, S. 185.
32.
Während die Promovierten aus dem gehobenen und dem Großbürgertum Spitzenpositionen in der Wirtschaft (einschließlich der hier nicht näher behandelten Verbände) zwei- bis dreimal so häufig bekleiden wie vergleichbare Positionen in Politik, Justiz und Wissenschaft, sind die erfolgreichen Promovierten aus der breiten Bevölkerung mehrheitlich in diesen drei Sektoren zu finden.
33.
Vgl. Michael Hartmann, Juristen - Abschied aus den Vorständen der Großkonzerne, in: Stefan Machura/Stefan Ulbrich (Hrsg.), Recht - Gesellschaft - Kommunikation, Baden-Baden 2003, S. 119f.; vgl. auch ders, Juristen in der Wirtschaft - Eine Elite im Wandel, München 1990.
34.
Vgl. M. Hartmann (Anm. 3), S. 103. Die Kohorte von 1985 bietet im Übrigen ein genau entgegengesetztes Bild. Die Bürgerkinder haben sich dank deutlich verbesserter Karriereaussichten in der Wirtschaft wieder aus der Justiz zurückgezogen. Ihr Anteil hat sich ungefähr doppelt so stark reduziert wie der der Promovierten aus der breiten Bevölkerung.
35.
Vgl. K.-U. Schnapp (Anm. 1), S. 77.
36.
Zunächst liegt die Ausschöpfungsquote mit nur 33,6 Prozent für alle Unternehmen außerhalb des Finanzsektors sehr niedrig. Sodann wurde im Finanzsektor mit der Deutschen Bundesbank, den Landeszentralbanken, Genossenschaftsbanken, öffentlichen Bausparkassen und den öffentlich-rechtlichen Sozialversicherungsträgern eine ganze Anzahl von Institutionen einbezogen, deren Führungspositionen eher nach politischen Kriterien als nach den Maßstäben der Privatwirtschaft besetzt werden. Schließlich wurden gerade in den Finanzinstituten, aber auch in den anderen Unternehmen Positionsinhaber (wie z.B. stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende) befragt, die nicht zur eigentlichen Wirtschaftselite zu rechnen sind. Die Tatsache, dass jedes vierte Mitglied der Wirtschaftselite zugleich Gewerkschaftsmitglied ist, zeigt das mehr als deutlich.
37.
Vgl. M. Hartmann, Klassenspezifischer Habitus (Anm. 25), S. 181, 214f.