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1.3.2004 | Von:
Klaus K. Urban

Hochbegabtenförderung und Elitenbildung

Begabung - Individuum - Gesellschaft: der demokratische Anspruch

"Hochbegabung ist ein Geschenk der Natur an die Gesellschaft", soll Karl Marx gesagt haben. Mindestens zwei Gedanken kommen in diesem Satz zum Ausdruck: Hochbegabung ist zum einen Aufgabe und Verpflichtung der Gesellschaft gegenüber dem hoch begabten Individuum, zum anderen eine Verpflichtung dieses Menschen gegenüber der Gesellschaft. Begabung entsteht in einer dialektischen, interaktiven Beziehung von Individuum und Gesellschaft; sie ist einerseits Voraussetzung, andererseits Prozess und Ergebnis dieses Verhältnisses. Zur außerordentlichen Leistung - zur Exzellenz - kommt es, wenn außergewöhnliche Potenziale auf eine "passende" - herausfordernde und fördernde - Umwelt treffen. So können durch eine bestimmte Form von Vergesellschaftung und Überlebensnotwendigkeiten die ihr eigenen "passenden" Begabungen herausgefordert und gefördert werden; umgekehrt könnte sich auch - wenngleich vermutlich sehr viel seltener - eine besondere Begabung die ihr "passende" Umwelt schaffen.

Die Abbildung (s. PDF-Version) veranschaulicht die vielfältigen Interaktionsprozesse zwischen Individuum und Umwelt/Gesellschaft.

In Grundgesetzartikel 3 ist der Anspruch des Individuums auf optimale Bildungsförderung verbrieft - das Grundrecht eines jeden Menschen, eine Ausbildung zu erhalten, die seinen Bedürfnissen, Fähigkeiten und Interessen entspricht. Jeder Einzelne hat danach das Grundrecht auf optimale Entwicklung seiner Begabungen im Interesse eines individuellen, aber auch gesellschaftlichen Fortschritts. Gleichzeitig hat jede Gesellschaft Bedarf an begabten, intelligenten und schöpferisch handelnden Menschen, die ihre hervorragenden Qualitäten im sozialen Austausch entwickeln und in sozialer Verantwortung für die Gesellschaft zur Geltung bringen.

Schon 1981 hat der Wissenschaftsrat ausgeführt, dass jedes Gemeinwesen - um gedeihen und Herausforderungen bestehen zu können - auf ein hohes Qualifikationsniveau angewiesen sei. Es müsse Menschen geben, die bereit und fähig sind, Außerordentliches zu leisten - in der Politik, in der Verwaltung, in der Industrie, in den freien Berufen, im Handwerk, in den Gewerkschaften, in der Wissenschaft und in der Schule. "Solche Befähigungen und Bereitschaft zu Außerordentlichem entspringt einer Summe von Begabung, Leistungswillen, moralischem Engagement und Verantwortungsbewußtsein gegenüber allen Mitbürgern. Jedes Gemeinwesen braucht Eliten dieser Art. Es genügt aber nicht, darauf zu vertrauen, dass sie (die Eliten, d. Verf.) im Wechselspiel von Herausforderung und Bewährung von selbst heranwachsen." Denn außergewöhnliche Befähigung sei nicht von vornherein gegeben, sondern bilde sich erst in einem Prozess heraus, in dem Erziehung und Selbsterziehung eine wichtige Rolle spielen. Daher müsse sich das demokratische Gemeinwesen die bewusste Förderung derer, von denen außerordentliche Leistungen zu erwarten sind, angelegen sein lassen. "Möglich und wünschenswert ist, in den Schulen und Hochschulen die Voraussetzung dafür zu verbessern, dass auch die, die zu besonderen Leistungen befähigt sind, bis zur vollen Entfaltung ihrer Leistungsfähigkeit gefördert und gefordert werden."[3]


Fußnoten

3.
Wissenschaftsrat (Hrsg.), Empfehlung zur Förderung besonders Befähigter, Berlin 1981.