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1.3.2004 | Von:
Klaus K. Urban

Hochbegabtenförderung und Elitenbildung

Chancengleichheit und Begabungsförderung

Grundlage für ein solches Verständnis von Eliten ist die Chancengleichheit, die für alle Menschen zu gelten hat. Interessanterweise wird die Idee der Chancengleichheit sowohl von Befürwortern als auch von Gegnern einer Hochbegabtenförderung ins Feld geführt. Während die einen damit die gleichen Ausgangs- oder Zugangschancen bezeichnen, denken die anderen an eine Gleichheit der Ergebnisse. Der Begriff der " Chancengleichheit" wurde vor allem durch die Bemühungen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) verbreitet. Gemeint war der gleiche Zugang zu Bildungsinstitutionen für alle Kinder mit gleichen Fähigkeiten und unabhängig von Geschlecht, Rasse, Wohnort, sozialer Herkunft oder anderen Kriterien. Chancengleichheit wurde als ein Angebot an den Einzelnen betrachtet, sich aus den Zwängen seiner Herkunft zu befreien. Die Folgen dieser demokratischen Konzeption waren unverkennbar, sind aber trotzdem immer wieder übersehen, geleugnet oder verdrängt worden: Je mehr die Chancengleichheit den sozialen Abstand schrumpfen lässt, desto deutlicher werden andere Differenzen, die - unabhängig von Geschlecht, Wohnort, sozialer und ethnischer Herkunft - Bestand haben und sich allen Egalisierungstendenzen entziehen. Die Gleichheit der Chancen führte also zu ungleichen Ergebnissen. Je mehr Läufer an den Start gehen, desto größer werden die Abstände zwischen den Ersten und den Letzten im Ziel sein.

Michael Freund schrieb in einem Aufsatz von 1953, es sei eine Tatsache des sozialen und politischen Lebens - mit der man fertig werden müsse-, dass die Menschen unterschiedliche Begabungen und Fähigkeiten hätten und dass es eine eigentümliche schöpferische Kraft gebe. Wie weit Gesellschaft, Wirtschaft und Politik dieser Ungleichheit Rechnung tragen dürften und sollten, sei das große Problem aller Soziologie und aller Politik. "Es ist ein gefährlicher Trugschluss, wenn man aus dieser Ungleichheit der Menschen folgert, dass die Menschen nirgends und nimmer als gleich behandelt werden dürfen, oder aus dem Grundsatz der politischen Gleichheit ableitet, dass die Menschen in allen Lebensbereichen gleich sein müssten ... Es ist die große Aufgabe, die Gleichheit als Ideal und als Rechtsnorm mit den Ungleichheiten der Wirklichkeit in Übereinstimmung zu bringen."[12]

Die moderne Gesellschaft muss - wie es die Intention der Schulreformen der sechziger und siebziger Jahre in der Bundesrepublik war - gleiche Möglichkeiten für alle schaffen. Zugleich braucht sie aber die Herausforderung der Ungleichheit in Gestalt besonderer Chancen für besondere Begabungen sowie der Offenheit für Ehrgeiz und Aufstieg; denn auch darin liegt ein Stück Selbstbestimmung.[13]

Gegnern einer Hochbegabtenförderung geht es aber nicht um gleiche Zugangschancen, sondern um die Gleichheit des Ergebnisses. Erfahrungen mit der Ungleichheit der Ergebnisse haben vor allem Länder mit einem Einheitsschulsystem gemacht. Unbeschadet aller ideologischen Differenzen haben sie vergleichbare Konsequenzen gezogen und die Begabtenförderung ausgebaut. So prophezeite der damalige Rektor der Humboldt-Universität zu Berlin (Ost), Helmut Klein, auf der Hamburger Weltkonferenz über Hochbegabte im August 1985, dass auch in der DDR weitere Erfolge bei der Herstellung von Rechtsgleichheit zusätzliche Anstrengungen bei der Förderung begabter Schüler und Studenten erforderlich machen würden.[14]

Ich möchte diesen Abschnitt mit einem kleinen Stück aus einer satirischen Vision eines egalitären Zukunftsstaates, in der der amerikanische Schriftsteller Kurt Vonnegut die Lösung des Problems der hoch begabten Kinder beschriebt, abschließen: Sobald entlarvt, erhalten sie einen Piepser hinter das Ohr implantiert. Dieser stört sie ihr Leben lang alle 5 Sekunden, so dass ihnen nie ein Gedankengang von überdurchschnittlicher Länge gelingt.


Fußnoten

12.
Michael Freund, Das Eliteproblem in der modernen Politik, in: Wilfried Röhrich (Hrsg.), "Demokratische" Elitenherrschaft, Darmstadt 1975, S. 229f.
13.
Vgl. H. Rudolph (Anm. 11).
14.
Vgl. Helmut Klein, Hochbegabtenförderung aus bildungspolitischer Sicht (Hefe-Paper 9), Hannover 1985.