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4.2.2004 | Von:
Jürgen S. Nielsen

Judentum, Christentum und Islam in europäischen Lehrplänen

Der Beitrag stellt Empfehlungen zur Darstellung der Weltreligionen im Schulunterricht zusammen, die Lehrerinnen und Lehrer unmittelbar nutzen können und die in Curricula von Lehrerausbildungsinstituten einfließen könnten.

Einleitung

In den vergangenen Jahren lenkten mehrere internationale Ereignisse die öffentliche Aufmerksamkeit auf Religion und die Rolle von religiösen Kulturen und Gemeinschaften in Politik und Gesellschaft. Zwar haben sich viele Vertreter der unterschiedlichsten Glaubensgemeinschaften zentrale Werte wie Frieden, Gerechtigkeit und Achtung der menschlichen Würde auf ihre Fahnen geschrieben, aber eine Minderheit unterstützt politischen Extremismus und Gewalt. Die Terrorangriffe in New York und Washington am 11. September 2001 zählen nur zu den neueren Auswüchsen der Gewalt im Namen der Religion, sind jedoch zum Symbol für das Problem geworden. Natürlich berichten die Medien über Konflikte und Krisen und können somit die öffentliche Wahrnehmung von Religionen beeinflussen. Daher sollte es nicht überraschen, ein Wiederaufleben des Antisemitismus zu beobachten oder zu sehen, wie weit verbreitet die Islamophobie plötzlich zu sein scheint.




Diese Entwicklungen verlaufen parallel zur Verschiebung der europäischen Grenzen in Richtung Osten, d.h. parallel zur bisher größten Erweiterung der Europäischen Union. Die Osterweiterung unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht qualitativ von früheren Erweiterungen: Sie wird Teile Europas mit einer anderen religiösen Kultur und Identität in die Europäische Union eingliedern als diejenige, die wir gewohnt sind. Einerseits werden orthodox-christliche Traditionen und slawisch-katholische Kulturen neues Gewicht gewinnen, erstere sogar noch mehr, wenn, wie erwartet, in einigen Jahren auch Rumänien und Bulgarien beitreten werden. Andererseits werden wir erleben, wie die zentralen Regionen des alten europäischen Judentums wieder ins Blickfeld rücken, Regionen, die während der vergangenen 150 Jahre von Pogromen und schließlich vom Völkermord der Nationalsozialisten erschüttert wurden. Mit einer Erweiterung der EU in Richtung Balkan gelangen wir in Länder, in denen Muslime seit Jahrhunderten ein fester, ursprünglicher Teil der Gesellschaft sind, also in Länder, in denen der Islam nicht wie in den älteren Mitgliedsstaaten der EU ein von den Einwanderern "mitgebrachtes" neues Phänomen ist.

Es gab eine Zeit, in der eine der Prioritäten der europäischen Institutionen lautete, eine einheitliche europäische Identität, d.h. die gemeinsamen Elemente des europäischen Erbes und der europäischen Kultur, zu fördern. Doch heute, wo sich mehr und mehr Menschen von außerhalb unseres Kontinents hier niederlassen, mit der Veränderung der ethnischen und religiösen Minderheiten durch Migrantinnen und Migranten, wächst das Bewusstsein für den Reichtum und die Kreativität der kulturellen Vielfalt. Nur durch eine Vertrautheit mit ihr ist es für die einzelnen Gesellschaften in Europa möglich, konstruktiv und letztendlich auch friedlich voranzukommen. Die bevorstehende Erweiterung der EU wird uns vor Augen führen, wie wichtig es ist, diese kulturelle Vielfalt anzuerkennen.

Worin besteht diese Vielfalt? Es handelt sich dabei nicht nur um den tatsächlich fassbaren Ausdruck in Form von architektonischen oder technischen Meisterleistungen. Es geht vielmehr um traditionelle Denkmuster, Einstellungen, Sitten und Gebräuche, um Ernährung, Kunst, Literatur, die Art des Lernens, um Musik und Liturgie - Bereiche, die untrennbar und tief greifend mit religiösen Traditionen verwoben sind. Für Europa bedeutet dies zunächst einmal und vor allem die christlich-abendländische Tradition. Durch die Emanzipation im Zeitalter der Aufklärung wurde auch Raum für die ausdrückliche Beteiligung jüdischer Beiträge geschaffen. Doch erst seit dem Ende des 20. Jahrhunderts wird auch der Islam einbezogen. Leicht wird vergessen, dass man sowohl Beiträge des Judentums als auch des Islams schon viele Jahrhunderte früher finden kann: die jüdischen, seitdem es das Christentum gibt, die muslimischen, seitdem es den Islam gibt. Europa wurde ursprünglich auf einer kulturellen Vielfalt gegründet, die in Vergessenheit geraten ist oder gar unterdrückt wurde.