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15.1.2004 | Von:
Victor Mauer

Die geostrategischen Konsequenzen nach dem 11. September 2001

Der Beitrag untersucht die geostrategischen Verschiebungen im internationalen Staatensystem im Gefolge des 11. September 2001. Diese haben sich im Schatten, aber auch ganz offen vollzogen.

Einleitung

Mit den Terroranschlägen auf die New Yorker Zwillingstürme und das Pentagon in Washington vor mehr als zwei Jahren hat keine neue Epoche der Weltpolitik begonnen. Doch der Schock des 11. September 2001, der sich in das Gedächtnis der Weltöffentlichkeit eingebrannt hat, hat einen sich in den neunziger Jahren verstärkenden Trend zu Terroranschlägen gegen US-Einrichtungen ignoriert, bis dieser Trend zur erlebten Realität geworden ist. Asymmetrische Herausforderungen, die sich in der Verwundbarkeit der globalen Führungsmacht USA auf dem Höhepunkt ihrer militärischen Stärke widerspiegeln, sind zum strukturbestimmenden Faktor der internationalen Beziehungen geworden. Der internationale Terrorismus - unmittelbares Produkt und unerbittlicher Feind der Globalisierung - hat, gerade weil die Unterscheidung zwischen äußerer und innerer Sicherheit ihre Bedeutung verloren hat, die Regierungen von Washington bis Manila dazu gezwungen, ihre außenpolitischen Strategien grundlegend neu zu überdenken. Im Schock der Verwundung und im Gefühl der Verwundbarkeit wurden und werden die Gefahren des jungen Jahrhunderts von den internationalen Akteuren unterschiedlich wahrgenommen. Aus diesen divergierenden Bedrohungsperzeptionen resultieren unterschiedliche Handlungsszenarien, die wiederum einen unterschiedlichen Grad an Kooperationsbereitschaft nach sich ziehen. Während die einen dazu neigen, die Komplexität der Weltpolitik auf die neue terroristische Herausforderung zu reduzieren, der alles andere entweder zu- oder zumindest unterzuordnen sei, stellen die anderen die Unmittelbarkeit der Bedrohung grundsätzlich in Frage.






Als die Streitkräfte der Vereinigten Staaten am 7. Oktober 2001 ihren militärischen Feldzug (Operation Enduring Freedom) zum Sturz des Taliban-Regimes in Afghanistan begannen, blieben die mit dem "Krieg der Ideen" (George W. Bush) unmittelbar einhergehenden und sich im Schatten des diplomatischen Vorspiels vollziehenden geostrategischen Verschiebungen im breiteren zentralasiatischen Raum sowohl in Europa als auch in Nordamerika weitgehend unbeachtet. Was zunächst als Nebeneffekt der amerikanischen Bemühungen um eine möglichst breite internationale Koalition im Kampf gegen den weltweit operierenden, allerdings alles andere als homogenen Terrorismus erscheinen mag und auch gedacht war, hat potenziell weitreichende Konsequenzen für die gesamte Region. Insofern lässt sich nicht erst seit den erbittert geführten Debatten um Krieg und Frieden im Zweistromland von einem grundlegenden Wandel des Staatensystems sprechen. Richtig ist indes, dass, deutlicher als jede andere weltpolitische Krise seit den tektonischen Verschiebungen des europäischen Revolutionsjahres 1989/90, die internationale Auseinandersetzung um den Irak das vielfältige Ringen um eine Neuordnung der Weltpolitik ins Scheinwerferlicht der Weltöffentlichkeit gerückt hat. Wie unter einem Brennglas, so hat ein Beobachter treffend festgestellt, wurden die weltpolitischen Strukturen, die internationalen Machtbeziehungen und das jeweilige nationale Interessenkalkül der unterschiedlichen Akteure sichtbar. Traditionelle Formen der Großmachtpolitik überlagerten die jüngere Schicht multilateraler Krisendiplomatie und internationaler Organisationen.[1]

Neben die sich bereits abzeichnenden geostrategischen Verschiebungen im zentralasiatischen Raum treten, auch wenn die mittel- und langfristigen Konsequenzen des "revolutionären"[2] Ansatzes der amerikanischen Außenpolitik noch nicht erkennbar sind, tief greifende Veränderungen im Nahen und Mittleren Osten. Zu den hervorstechendsten Merkmalen der Kontroverse um Krieg und Frieden im Irak gehören jedoch die Erschütterung der transatlantischen Beziehungen, die Lähmung der Atlantischen Allianz und die weitgehende Selbstblockade der Europäischen Union. Noch spricht wenig dafür, dass die vielfach beschworene Wertegemeinschaft des Westens einer vergangenen Epoche angehört.[3] Die Ereignisse der zurückliegenden Jahre haben aber deutlich gemacht, dass die transatlantische Partnerschaft des Kalten Krieges definitiv an ihr Ende gekommen ist.[4] Die Zukunft der transatlantischen Beziehungen entscheidet sich nicht allein in Washington, sondern hängt in entscheidendem Maße vom Selbstverständnis der europäischen Staaten und deren Verhältnis zueinander ab. Ungeachtet des fundamentalen Wandels des internationalen Staatensystems bleiben aber "das ordnungspolitische Paradoxon von Vereinheitlichung und Differenzierung sowie das machtpolitische Paradoxon von (Quasi-)Unipolarität und Multipolarität, von Hegemonie und Gleichgewicht"[5] für die Gestaltung der internationalen Beziehungen bestimmend.


Fußnoten

1.
Vgl. Josef Janning, Außenpolitik im Zeitraffer, in: Deutschland, (2003) 2.
2.
Strobe Talbott, War in Iraq, Revolution in America, in: International Affairs, 79 (2003), S. 1042; vgl. auch Ivo H. Daalder/James M. Lindsay, America Unbound: The Bush Revolution in Foreign Policy, Washington, D. C. 2003.
3.
Vgl. Charles A. Kupchan, The End of the West, in: The Atlantic Monthly, 290 (2002) 4; Francis Fukuyama, Das Ende des Westens, in: Die Welt vom 3. 9. 2002; Heinrich Vogel, Das Ende des "Westens", in: Internationale Politik, 58 (2003) 6, S. 27 - 34.
4.
Vgl. The West after Iraq: Are the Security Strategies of the US and Europe still Compatible? Rede des NATO-Generalsekretärs Lord Robertson beim BMVG-FAZ-Forum in Berlin, 24. 6. 2003: "[T]he cold war partnership between Europe and North America [. . .] is dead and has been for some time."(www.nato.int/docu/speech/2003/s030624a.htm).
5.
Werner Link, Die Neuordnung der Weltpolitik. Grundprobleme globaler Politik an der Schwelle zum 21. Jahrhundert, München 20013, S. 151. Hegemonie wird - wie bei Link - nach Triepel definiert als bestimmender Einfluss, der sich auf die Anerkennung der geführten Staaten stützt; vgl. Heinrich Triepel, Die Hegemonie, Ein Buch von führenden Staaten, Neuauflage, Aalen 1974; Robert Gilpin, War and Change in World Politics, Cambridge 1981.