APUZ Dossier Bild

5.1.2004 | Von:
Lucia A. Reisch
Michael Neuner
Gerhard Raab

Zur Entstehung und Verbreitung der "Kaufsucht" in Deutschland

Merkmale der Kaufsucht

Unter Kaufsucht wird das episodisch auftretende, zwanghafte Kaufen von Konsumgütern und Dienstleistungen verstanden. Bis heute herrscht weder im klinischen noch im verhaltenswissenschaftlichen Forschungszweig Einigkeit darüber, ob das beschriebene Phänomen als Kaufsucht, Kaufzwang oder allgemeiner als pathologisches Kaufen bezeichnet werden sollte.[4] Mit anderen gehen wir davon aus, dass es sich um eine stoffungebundene Sucht handelt, die anderen Süchten wie z.B. Drogen-, Alkohol-, Ess- oder Arbeitssucht in der Entstehungsgeschichte und den Beschreibungsmerkmalen stark ähnelt.[5] Häufig tritt die Kaufsucht abwechselnd oder gleichzeitig mit anderen Süchten wie beispielsweise der Esssucht oder der Alkoholsucht auf.[6] Therapeuten beobachten auch "Suchtkarrieren", in welchen die Kaufsucht ein Stadium unter anderen darstellt. Tiefeninterviews mit Betroffenen haben gezeigt, dass die Kriterien, durch die im Allgemeinen Suchtverhalten definiert wird, auch für die Kaufsucht gelten:

1. Ein unwiderstehlicher Drang, der als stärker als der eigene Wille erfahren wird. Typische Aussagen der von Kaufsucht Betroffenen sind: "Es ist stärker als ich", oder "Wenn ich Geld habe, dann muss ich es einfach ausgeben", oder "An Sonderangeboten komme ich einfach nicht vorbei", oder "Die Dinge ziehen mich magisch an".

2. Eine Abhängigkeit vom Kaufen bis zum Verlust der Selbstkontrolle: Die Interessen der Süchtigen verengen sich auf das Kaufen, das als einziges Befriedigungsmittel übrig bleibt. Das Kaufen wird als einzig wirksame "Fluchtburg" erlebt, soziale Kontakte sterben ab und oftmals droht Überschuldung.

3. Eine Tendenz zur Dosissteigerung, d.h., um den gleichen Effekt zu erzielen, werden immer häufiger und in manchen Fällen auch immer teurere Dinge gekauft. Das Denken und Sehnen dreht sich zunehmend um das Kaufen.

4. Entzugserscheinungen, die von einer inneren Unruhe über Unwohlsein bis hin zu psychosomatischen Erkrankungen und Selbstmordgedanken führen können.

Die euphorische Stimmung, die Kaufsüchtige während des Kaufens und unmittelbar danach noch empfinden, wird schon bald durch Scham und Schuldgefühle verdrängt. Betroffene haben das Gefühl, ihre Familie verraten zu haben, weil sie wegen ihrer Einkäufe kein Geld mehr für den Urlaub mit ihren Kindern haben; andere greifen auf die Ersparnisse ihrer Kinder zu, um ihre Sucht zu finanzieren. Die Sucht erfasst auch Arbeitsverhältnisse. Bei manchen ist der Kaufzwang so übermächtig, dass sie selbst die Portokasse ihrer Betriebe zur Finanzierung ihrer Sucht heranziehen. Die finanziellen Konsequenzen reichen von einem regelmäßig überzogenen Konto bis hin zur Verschuldung oder gar Überschuldung.[7] Der Leidensdruck wird häufig durch die erfahrene Einengung und Vereinsamung erhöht. Vorwürfe von der Familie, insbesondere vom Partner, treffen die ohnehin labilen Süchtigen tief. Sie verstärken die Sucht und können bis zum Selbstmord führen. Partnerprobleme, die häufig zu den auslösenden Faktoren gehören, verschlimmern sich noch, was weitere Kompensationshandlungen begünstigt.

Kaufsucht ist eine eher unauffällige Sucht, sie ist für den Außenstehenden, der die Symptomatik nicht kennt, nur schwer erkennbar. Das Suchthafte am Kaufen bleibt oft lange Zeit unerkannt - sowohl von den Süchtigen selbst, die sich ihre Abhängigkeit nicht eingestehen möchten, als auch vom sozialen Umfeld, das die Kaufaktivitäten der Süchtigen eher anerkennt als kritisch kommentiert. Denn im Gegensatz zu anderen Süchten, die mehr oder weniger sozial geächtet sind und normabweichendes Verhalten darstellen, ist Kaufen - auch übermäßiges und kompensatorisches Kaufen - grundsätzlich gesellschaftlich erwünscht.


Fußnoten

4.
Vgl. Iver Hand, Pathologisches Kaufen - Kaufzwang, Kaufrausch oder Kaufsucht. Ein von der Psychoanalyse vernachlässigtes Thema, in: Gerhard Lenz/Ulrike Demal/Michael Bach (Hrsg.), Spektrum der Zwangsstörungen, Wien 1998, S. 123 - 132.
5.
Vgl. Gerhard Scherhorn, The Addictive Trait in Buying Behaviour, in: Journal of Consumer Policy, 13 (1990), S. 33 - 51; Werner Gross, Sucht ohne Drogen. Arbeiten, Spielen, Essen, Lieben, Frankfurt/M. 1990.
6.
Vgl. Ronald J. Faber u.a., Two Forms of Compulsive Consumption: Comorbidity of Compulsive Buying and Binge Eating, in: Journal of Consumer Research, 22 (1995), S. 296 - 303.
7.
Vgl. Michael Neuner, Verbraucherkonkurs und Restschuldbefreiung: Eine kritische Analyse aus verhaltenswissenschaftlicher Sicht, in: Michael Neuner/Gerhard Raab (Hrsg.), Verbraucherinsolvenz und Restschuldbefreiung, Baden-Baden 2001, S. 115 - 142; vgl. auch Rolf Haubl, Geldpathologien und Überschuldung: am Beispiel Kaufsucht, in: Psyche, 50 (1996) 9/10, S. 916 - 953.